Zwei Kurze für einen Großen

Zwei Kurze für einen Großen

Unter bürgerlichem Namen sprechen die Fußballfans in der Republik kaum von ihm. Unter seinem "Künstlernamen" aber wurde der säbelbeinige Dribbelkünstler zu einem Markenzeichen. Als "Zulieferer" an der Seite von Cheftrainer Steve McClaren startete er zu Saisonbeginn seine x-te Fußball-Karriere beim VfL Wolfsburg. Am Samstag macht Pierre Littbarski, alias "Litti", auf dem Betzenberg den FCK-Fans seine Aufwartung.

Kaiserslautern/Wolfsburg. Bei der WM 1990 hat er diesen Witz selbst gern erzählt, vor allem dann, wenn sein Berliner Landsmann Thomas "Icke" Hässler mit dabei war. Der ging so: Pierre Littbarski und Thomas Hässler gehen in eine Bar und bestellen "zwei Kurze". Sagt der Barkeeper: "Das sehe ich. Und was trinkt ihr?"

"Litti", mit 1,69 Meter immerhin noch drei Zentimeter größer als Hässler, ist und bleibt ein Spaßvogel. Ein Unikum. Einer, der auf einem Bierdeckel drei Mann ausspielen konnte. Ein scheinbar immer gut gelaunter, genialer Ballzauberer. Immer für eine neue Finte am und mit dem runden Leder gut. Einer, der jedem Gegenspieler gleich reihenweise Knoten in die Beine spielte. Doch die Geschichte um den scheinbar immer vergnügten und gut gelaunten Lausbub am runden Leder hat auch einen teilweise tragikomischen Anstrich. Im April dieses Jahres sagte er bei der Feier seines 50. Geburtstages selbst über sich: "Mein Kreuz war, dass ich immer der kleine ,Litti' gewesen und geblieben bin. Und alle haben gedacht: Ach, den kann doch nichts ärgern." Einer, der eigentlich nie so richtig ernst genommen wurde. Warum nur?

Trotz seiner kleinen Statur ist der gelernte Stürmer einer der Großen im deutschen Fußball. 73 Länderspiele, drei WM-Endspiele, darunter der Titelgewinn 1990 in Rom. Dazu über 400 Bundesligaspiele für den 1. FC Köln. Nach seinem Bundesliga-Abschied 1993 wechselte er in die japanische J-League: "Dort war der Weltmeister und Techniker eine Respektsperson. Das hatte er sich verdient", urteilte "Kaiser" Franz Beckenbauer später über ihn. Doch die große Karriere als Weltstar des Fußballs blieb dem gebürtigen Berliner versagt.

Von Japan über Australien nach Iran und Liechtenstein



In Japan hatte er anfänglich Erfolg als Spieler und auch später als Trainer. Dort heiratete er auch noch einmal. Seine späteren Stationen mit wechselnden Clubs als Coach hießen Australien, Iran, Liechtenstein. Nicht gerade die Beletage des Kicker-Daseins. Und auch nichts für einen Spaßvogel, der immer der "Litti" war und blieb. Geschätzte 20 Umzüge, so erzählte er zu Saisonbeginn mit einem gequälten Lächeln, habe er mitgemacht auf dem Weg, ein Kosmopolit des runden Leders zu werden. Mit den "Wölfen", zu denen ihn sein ehemaliger Nationalelf-Kollege Dieter Hoeneß holte, ist er im Sommer doch wieder in die Bundesliga reingerutscht. Als "Zuarbeiter" des Engländers McClaren, dessen Deutsch immer noch sehr zu wünschen übrig lässt, ist der mehrsprachige Littbarski offenbar eine perfekte Besetzung. Nicht nur der Sprache, sondern auch seiner Ansprüche wegen: "Auf Positionen und Macht kommt es mir nicht mehr an. Man muss seine Rolle kennen. Ich habe nicht mehr den Drang, in vorderster Linie zu stehen", sagte er bei seiner Vorstellung in der VW-Metropole, wo man sich einen Weltmeister als Co-Trainer offenbar problemlos leisten kann.

Doch auch beim Vorjahresmeister werden gute Ergebnisse verlangt, möglichst die Qualifizierung für das europäische Geschäft im nächsten Jahr. Davon ist das Team um den umworbenen Stürmerstar Edin Dzeko derzeit jedoch meilenweit entfernt. "Unter die besten fünf" wolle er kommen mit seiner neuen Mannschaft, hatte der Co-Trainer Littbarski zu Saisonbeginn geäußert. Und das hatte er mit Sicherheit nicht als Spaß gemeint