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Trier/London: Ex-Eintracht-Co-Trainer Arno Michels im Interview

Interview Arno Michels : „Eine einzige körperliche Herausforderung“

Einst Co-Trainer bei Eintracht Trier, inzwischen seit vielen Jahren Thomas Tuchels rechte Hand: Wie sich der Ruwertaler in Chelsea eingelebt hat.

Erst seit gut drei Monaten ist Arno Michels an der Seite von Cheftrainer Thomas Tuchel beim FC Chelsea im Amt – und schon hat der englische Topclub mit seinen deutschen Trainern ganz Großes im Visier: Am Mittwoch können die Blues im Halbfinal-Rückspiel der Champions League gegen Real Madrid (21 Uhr, Sky und DAZN) den Endspiel-Einzug klarmachen.

Vorher blickt der gebürtige Trierer Michels auf seinen Start in Chelsea, nennt die großen Unterschiede zu seinem vorangegangenen Engagement bei Paris Saint-Germain, und verrät, nach was er sich am meisten sehnt, wenn er an seine Heimat denkt.

Nach dem 1:1 bei Real Madrid stehen die Chancen gut für den FC Chelsea, am Mittwoch ins Finale der Champions League einzuziehen. Was haben Sie aus dem Hinspiel in Spanien mitgenommen?

ARNO MICHELS Real hat hier deutlich defensiver als sonst gespielt. Sie hatten offenbar Respekt vor uns. Wir hatten einen sehr guten Start, in dieser Phase aber zu wenige Tore gemacht. In der Halbzeit steht es 1:1. Gefühlt müssen wir da aber 2:0 führen. Die Leistung war großartig, aber das Ergebnis hätte noch besser sein können. Man darf nie vergessen: Wir haben auch jüngere Spieler in unseren Reihen, die davor noch nie in einem Halbfinale der Champions League gestanden haben.

Was für ein Spiel erwarten Sie am Mittwoch an der Stamford Bridge?

MICHELS Solche K.o.-Spiele sind immer super eng. Es ist selten so, dass es schon eine Entscheidung nach dem Hinspiel gibt. Es ist selbstverständlich, dass man auch im zweiten Aufeinandertreffen noch mal eine ganz knappe, spannende Partie erwarten kann – wie auch zuletzt bei uns gegen den FC Porto und Atletico Madrid.

Kritik gab es nach dem Spiel bei Real an Timo Werner, der eine Großchance vergab. Auf den Schultern des Neuzugangs von RB Leipzig scheint die Ablöse von gut 50 Millionen Euro schwer zu lasten.

MICHELS Wir versuchen alle, ihn drinzuhalten. Timo hat in Leipzig oft getroffen und weiß eigentlich, wie man Tore schießt. Aber er macht eine Phase durch, in der er zu oft nachdenkt – und dann wird man langsamer in seinen Handlungen. Für einen Spieler, der viel von seinem Instinkt kommt, ist das eher kontraproduktiv. Aber: Timo bringt sich immer wieder in gute Situationen und bereitet Tore vor, wie etwa am Samstag zum 2:0-Endstand gegen den FC Fulham, und trifft wie zuvor gegen West Ham auch selbst. Der nächste Schritt fehlt aber. Timo erhält jede Unterstützung von uns. Wir vom Trainerteam haben eine ganz enge, fast schon familiäre Verbindung zu ihm.

Rund 80 Millionen Euro hat Kai Havertz im Sommer gekostet, als er von Bayer Leverkusen kam. Zwar gelangen ihm gegen Fulham zwei Tore, insgesamt hinkt er den hohen Erwartungen aber noch  hinterher.

MICHELS Er hat zwar schon ein paar Jahre in der Bundesliga gespielt, ist mit seinen 21 Jahren aber immer noch ein sehr junger Spieler. Sich dann der Premier League mit ihren höheren physischen Anforderungen zu stellen, ist schon eine Umstellung. Nach drei Monaten, in denen ich jetzt hier bin, kann ich nur sagen: Die Spiele sind eine einzige körperliche Herausforderung. Das ist auch für Kai ein großer Entwicklungsschritt. Wir suchen noch nach der idealen Position für ihn. Mal spielt Kai im Sturm, mal auf der Halbposition. Er braucht einfach noch ein wenig Zeit, muss dabei auch mit der hohen Ablösesumme klarkommen. Aber er stellt sich dem und arbeitet permanent an sich.

Mit Antonio Rüdiger hat ein anderer deutscher Nationalspieler seit dem Trainerwechsel einen Aufschwung erlebt. Wo haben Sie bei ihm die Hebel angesetzt?

MICHELS Unsere Stabilität in der Grundordnung hat Toni generell geholfen. Wir haben kurze Wege in der Verteidigung, machen im Mittelfeld früh Druck auf den Gegner und agieren als Mannschaft kompakt. Davon profitieren dann nicht zuletzt die Abwehrspieler, die am Ende die gegnerischen Stürmer nur noch ‚einsammeln‘ beziehungsweise die Bälle erobern müssen. Toni ist in der Lage, über einen sehr langen Zeitraum sehr konstant und viel zu spielen.

Was sind die größten Unterschiede zwischen Paris St. Germain und dem FC Chelsea?

MICHELS Ich finde es super angenehm hier zu arbeiten. Die Unterstützung, die wir beim FC Chelsea auf allen Ebenen erhalten, ist fantastisch. Man fühlt sich hier absolut wohl. Auch insgesamt herrscht im Club viel Harmonie vor. Trotzdem läuft alles hochprofessionell ab. Die Bereitschaft der Spieler, im Training alles zu geben, ist unglaublich hoch. Die Jungs können während der vielen Spiele innerhalb kurzer Zeit auch sehr gut mit einer hohen Belastung umgehen. Als wir kamen, mussten wir uns erst mal wieder an die Champions-League-Plätze heranarbeiten, hatten auch schwere internationale Partien. Die Mannschaft meistert das top.

Wie sehen Sie die Ligue 1 in Frankreich und die englische Premier League im Vergleich?

MICHELS Wenn man sieht, gegen welche Trainer man hier spielt, sagt das schon einiges aus: Da geht es mal gegen Liverpool und Klopp, gegen Ancelottis FC Everton oder vor seiner Beurlaubung gegen Mourinhos Tottenham. Es gibt viele Mannschaften mit sehr guter Qualität, vielleicht auch Teams, die nicht so den großen Namen haben. Man wird hier alle drei, vier Tage abgeprüft und muss alles geben. Das war in Paris mitunter etwas einfacher. Automatisch haben wir mit PSG die Spiele sicher auch nicht gewonnen.

Hat es nach der Demission in Paris überhaupt irgendeine Überlegung gegeben, mit Thomas Tuchel den gemeinsamen Weg nicht fortzusetzen?

MICHELS Was das Engagement in Chelsea angeht, war es nullkommanull Überlegung, was anderes zu machen. Wir haben eine sehr kurzfristige Entscheidung getroffen das zu machen, weil es halt Chelsea und weil es halt Premier League ist. Auch, wenn man vielleicht inmitten der Saison nicht so vorbereitet war, musste man einfach sagen: ‚Wow – das ist ein Geschenk. Das muss man machen.‘ Die Kommunikationswege zwischen Thomas und mir sind kurz. Auch von daher war es glaube ich für ihn keine Frage, mit einem anderen Co-Trainer zu arbeiten.

Wie sind die Aufgaben im Trainerstab von Thomas Tuchel verteilt? Welche besondere Rolle nehmen Sie ein, als derjenige, der am längsten mit ihm zusammenarbeitet?

MICHELS Wir funktionieren als Team, und da möchte ich mich nicht herausnehmen. Mit Zsolt Löw und Benny Weber, aber auch mit den vorhandenen Trainern hier in Chelsea gibt es einen sehr guten Austausch. Da sehe ich mich jetzt nicht herausgelöst. Wir stehen im ständigen Meinungsaustausch, setzen Trainingsinhalte um, sammeln Informationen zum Gegner. Viele kleine Themen fallen an. Da gilt es sich einzubringen, das Schiff auf Kurs zu halten. Sehr gut kommuniziert werden muss auch immer die Frage, wer spielen soll.

Wie läuft es privat? Wo halten sich Ihre Frau und Ihre beiden Söhne derzeit auf?

MICHELS Christina ist seit vergangener Woche in London. Drei Monate waren wir hier mit den deutschen Trainern im Hotel. Die Familien kommen jetzt Schritt für Schritt nach. Wir schauen uns jetzt nach Wohnungen oder Häusern um. Luca und Nicolas, unsere beiden Zwillinge sind 19 und studieren in Köln Sportmanagement.

Bis jetzt haben Sie in Chelsea noch keine Zuschauer auf den Rängen  erleben können. Wie schwer wiegt das?

MICHELS Das ist super schade. Man kann es sich in etwa ausmalen, wie es wäre. Aber alle Beteiligten sagen, dass es noch nichts mit dem zu tun hat, wie es dann hoffentlich bald wieder sein wird.

Wie stark sind Ihre Verbindungen in die Region?

MICHELS Meine Schwester lebt in Kasel, und meine familiären Wurzeln sind da. Dort im Ruwertal ist meine Heimat. Wir haben auf der Kenner Ley eine Wohnung, und der Raum Trier ist mein Zuhause. Mit vielen Freunden und früheren Weggefährten telefoniere und schreibe ich noch öfters.

Im Rückblick: Was war die Initialzündung dafür, dass Sie heute bei einem internationalen Topclub arbeiten können?

MICHELS Die Zeit bei Eintracht Trier war prägend, weil ich hier im professionellen Fußball arbeiten konnte. Sich von morgens bis abends mit Fußball zu beschäftigen, war damals das erste Mal für mich möglich. Es war dann ein Glücksfall, mit Thomas Tuchel in Mainz zum ersten Mal in der Bundesliga arbeiten zu können. Dann hat es seinen Weg genommen.

Was vermissen Sie am meisten, wenn Sie an Ihre Heimat denken?

MICHELS Mich mit Freunden, die ich schon länger nicht mehr gesehen habe zu treffen, einen Smalltalk zu halten, und mit ihnen etwas zu trinken und zu essen. Es ist immer sehr angenehm, nach Trier zu kommen. Im Sommer bin ich auf jeden Fall wieder da.