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Warum ein Fan nach Corona die Lust auf die Fußball-EM verlor

Fußball-Europameisterschaft : Im Abseits

Warum vielen Fußball-Fans in der Corona-Zeit die Lust auf die EM vergangen ist. Unser Kolumnist Frank Jöricke ist einer von ihnen.

Fußballfans sind leidgestählt. Wer einmal im Stadion miterleben musste, wie der Lieblingsclub durch ein dämliches Gegentor in der 90. Minute das große Glück verspielte, der hat verinnerlicht: Das Leben ist kein Ponyhof, sondern eine Pferdemetzgerei.

Fußball ist nicht gerecht. Auch dies ist eine Lektion, die Fans gelernt haben. Wir wissen, dass Geld sehr wohl Tore schießt. Das war schon vor 50 Jahren so. Damals, in der Saison 1970/71, hatten sich mehrere Dutzend Bundesligafußballer bestechen lassen und absichtlich neben den Ball getreten. Der DFB reagierte – indem er viele Falschspieler noch vor der heimischen WM 1974 begnadigte und das Vollprofitum einführte. Für 2300 DM ließ sich danach keiner mehr schmieren.

Der Fußball wurde kommerzieller. Als Kevin Keegan 1977 für umgerechnet 1 Million Euro von Liverpool zum HSV wechselte, löste dies noch Erstaunen aus. Heute ist eine Ablösesumme von 100 Millionen Euro keine Besonderheit mehr. Wir Fans akzeptierten das. Neid war uns fremd. Wir nahmen es hin, dass immer die gleichen reichen Teams um den Champions-League-Titel spielten. Und wir lernten, dass man nicht nur Zeitungen abonnieren konnte, sondern auch Meistertitel.

Nur manchmal, wenn wieder mal die üblichen Verdächtigen die europäische Cup-Vergabe unter sich ausmachten und Bayern schon nach der Hinrunde als Deutscher Meister feststand, wurden wir ein wenig wehmütig. Dann dachten wir an jene Zeiten zurück, als noch Mannschaften wie RSC Anderlecht (Belgien), Steaua Bukarest (Rumänien) und Roter Stern Belgrad (Jugoslawien) den Europapokal gewannen. Schmerzlich war uns bewusst: Wir würden es nie mehr erleben, dass der Verein einer pfälzischen 100 000-Einwohner-Stadt das große Real Madrid mit 5:0 wegfegen (1982) und als Bundesligaaufsteiger Deutscher Meister werden würde (1998).

Dann kam Covid-19. Restaurantbesuch, Kneipentour, Theater, Kino, Konzert, Fitnessstudio, Hallensport, Amateurfußball – nichts ging mehr. Das ganze gesellschaftliche Leben war vom Virus besetzt… Das ganze Leben? Nein! Der unbeugsame Profifußball hörte nicht auf, dem Corona-Eindringling Widerstand zu leisten. Alle Regeln, die überall sonst galten, waren dort außer Kraft gesetzt. Weder gab es ein Kontaktverbot – die berührungslose Blutgrätsche muss erst noch erfunden werden – noch einen Mindestabstand. All das, was außerhalb des Felds unter Strafe stand (Zusammenkünfte mehrerer Haushalte, Menschenansammlungen von mehr als 5 Personen etc.), war hier erlaubt. Staunend wurden wir gewahr, wie nicht-verwandte Menschen sich berührten, umarmten, ja, abknutschten, ohne dass ein Ordnungshüter einschritt.

Wir begriffen: Diese Welt war noch viel ungerechter, als wir geglaubt hatten. Während für Amateurfußballer Ende Oktober die Saison gelaufen war, durften die Profis ungehindert weiterbolzen. Dokumentiert von Sky und Sportschau führten sie dem Rest der Bevölkerung allwöchentlich vor Augen: „Ätsch, bätsch, der Lockdown gilt für alle, aber nicht für uns!“ Dass manche Kicker es auch außerhalb des Spielfelds ordentlich krachen ließen (Stichwort: Privatpartys), verwunderte dann schon nicht mehr. So bekam das Wort „Parallelgesellschaft“ eine ganz neue Bedeutung.

Wir fingen an zu fremdeln. Wir verglichen unser eigenes eingeschränktes Corona-Leben mit dem der Profifußballer und kamen uns plötzlich vor wie in einem Mafiastreifen: Die einen befolgten die Regeln, die anderen lebten nach ihren eigenen.

Und mit einem Mal verspürten wir, Fußballfans seit Kindheitstagen, keine Lust mehr, den Auftragskickern zuzujubeln. Es interessiert uns nicht länger, ob bei dieser EM die Fußballsöldner von Wales oder die von Nordmazedonien gegen den Ball treten. Ein Spiel dauert 90 Minuten. Zeit genug, um sich währenddessen zwei Folgen einer Serie anzusehen, zum Beispiel „Fargo“, „Lupin“ oder „Peaky Blinders“. Spannung garantiert!