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Gladiators-Trainer Marco van den Berg über Verstappen, Löw und die BBL

Interview : „Sport hat in Deutschland keine Priorität“

Der Mann hat eine klare Meinung: Der Gladiators-Cheftrainer zieht eine Bilanz des Jahres 2021. Wer aus seiner Sicht die „Klappe halten sollte“, warum Joachim Löw keine Chance mehr hatte und was im deutschen Basketball schiefläuft.

Aus Sicht der Trierer Gladiators hatte das Kalenderjahr 2021  einiges zu bieten – Quarantänen und Geisterspiele, viele Verletzungen und einige starke Neuverpflichtungen, einen perfekten Start in die Saison 2021/22 mit Rückkehr der Fans in die Arena. Und fürs kommende Jahr soll noch einiges an positiven Überraschungen drin sein.

Cheftrainer Marco van den Berg spricht aber nicht nur über seinen Basketball-Zweitligisten. Im Interview zwischen den Jahren sagt er auch, warum er sich für Formel-1-Weltmeister Max Verstappen freut, was Löws Problem bei der Fußball-EM war, weshalb er gegen einen Boykott von großen Sportveranstaltungen ist, was er Pandemie-Leugnern empfiehlt, und warum er mit der Entwicklung in der Basketball-Bundesliga nicht glücklich ist.

Der TV hat den Niederländer wenige Tage vor Weihnachten im Café Zeitsprung im Trierer Palastgarten getroffen. Schon eine Weile vor dem vereinbarten Termin sitzt er dort („Wenn ich mal nicht pünktlich bin, dann ist wirklich was passiert“), informiert sich über die Barock-Skulpturen und schwärmt von deutschen Weihnachtsmärkten („eine wunderschöne Tradition“).

Zwischen den Jahren: Was 2021 brachte, was 2022 bringen mag.

Was ist das Erste, was Marco van den Berg in den Sinn kommt, wenn er an die Saison 2020/21 in der Pro A denkt?

„Der Verlust von Jermaine Bucknor als Führungsperson auf dem Platz“, sagt er. Erst danach kämen andere Aspekte, die auch ihren Anteil daran hatten, dass die Gladiators in der vergangenen Saison die Play-offs verpassten – wie Quarantäne, Ausfälle, kein gutes Händchen bei Nachverpflichtungen. Aktuell ist Bucknor weiterhin als Assistent beim Team.

Wie fallen die Erinnerungen an Olympia in Tokio aus?

„Ein hervorragendes Resultat für mein Land“, sagt Marco van den Berg. In der Tat lagen die Niederländer im Medaillenspiegel vor seiner Wahl-Heimat – auch wenn die Bundesrepublik fast fünf Mal so viele Einwohner hat, wie van den Berg anmerkt. In seinem Heimatland sei die Förderung aber besser. „Unser Olympia-Komitee hat sehr viel Macht bekommen und ein Programm für Athleten mit Top-10-Potenzial aufgestellt. Die Resultate sehen wir jetzt. Dieser Fokus fehlt in Deutschland. Es gab in Deutschland immer gute Sportler, es gibt sie auch immer noch. Aber in den letzten 20 Jahren gab es eine riesige Erosion. Sport ist auch ein Symbol für eine Kultur und von daher wichtig. Das wird unterschätzt – auf jeden Fall hat Sport keine Priorität in Deutschland.“ Gefreut hat sich Marco van den Berg darüber, dass mit Henrik Rödl ein Freund seinen Olympia-Traum wahrgemacht hat – es war zugleich das letzte Turnier von Rödl als Bundestrainer. Kürzlich hat der langjährige Trierer Bundesliga-Trainer in Ankara bei Türk Telekomspor angeheuert. „Henrik Rödl ist ein Mensch, den ich unglaublich respektiere. Er hatte mich in meiner ersten Saison in Trier unheimlich unterstützt.“ Beim Turnier hätten dem Team dann zu viele Spitzenspieler gefehlt. „Der Deutsche Basketball Bund hatte sich eigentlich schon vorher von Henrik Rödl verabschiedet, energetisch waren sie nicht mehr bei ihm. Das war unloyal und hat mich geärgert“, sagt van den Berg.

Die Fußball-EM endete sowohl für die Niederlande als auch für Deutschland bereits im Achtelfinale. Für van den Berg war das frühe Aus des DFB-Teams keine Überraschung.

„Deutschland war schon vor der EM im Umbruch. Wenn du sagst, der Trainer geht nach dem Turnier, dann ist er in den Köpfen von vielen Spielern schon weg. Das zwingende Element ist dann verloren. Nur durch Eigenmotivation auf 100 Prozent zu kommen, das habe ich noch bei keinem Spieler erlebt. Es liegt ja auch in der Verantwortung eines Trainers, einen Spieler, der bei 85 Prozent liegt, zu 90, 95 oder sogar zu 100 Prozent zu verhelfen“, sagt van den Berg. „Die meisten Menschen in unserer verwöhnten abendländischen Kultur gehen gar nicht mehr aus ihrer Komfortzone raus, Sportler sind ein Teil der Kultur – und dafür braucht es dann Trainer. Diese Rolle konnte Löw im Turnier nicht mehr spielen. Jede Ära endet mal. Ich habe großen Respekt für das, was er geleistet hat – vor allem in den ersten Jahren. Als Deutschland 2014 Weltmeister wurde – das war sehr reizvoller, eher undeutscher Fußball.“

2021 brachte auch einen neuen Weltmeister in der Formel 1 hervor – Max Verstappen. Marco van den Berg freute sich nicht nur darüber, weil der 22-Jährige ein Landsmann von ihm ist.

„Ich bin so glücklich über den WM-Titel für Max Verstappen. Und zwar nicht, weil ich Niederländer bin, sondern weil ich mich über Lewis Hamilton  mit seiner Art so geärgert habe und die Leute von Mercedes mit ihren Tricks. Sie hatten ja das Narrativ gewählt: ‚Max, das ist der Böse‘. Hamiltons Narzissmus kann ich mir nicht mehr anschauen. Ich habe großen Respekt vor der Leistung, die beide bringen, aber ich war froh, dass der bodenständig gebliebene Max Verstappen gewonnen hat.“

 

Es gibt 2021er-Wortgebilde, die vor einem Jahr noch für komplette Ratlosigkeit gesorgt hätten und die hoffentlich in absehbarer Zeit wieder an Relevanz verlieren – wie „2Gplus“. Marco van den Berg hat eine klare Meinung zu Maßnahmen in Pandemiezeiten. 

„In einer Krise muss man sich anschnallen“, sagt er. „Man muss verzichten können auf gewissen Luxus – und man muss das Richtige machen. Für mich ist völlig klar: Du musst auf die Leute hören, die sich auskennen – und ansonsten einfach die Klappe halten. Das passiert in großem Maße aber nicht. In den Niederlanden ist es sogar schlimmer als in Deutschland“, sagt er über Leute, die mehr Meinung als Ahnung haben. Auch das sei eine Form von Narzissmus, so nennt es van den Berg, „Wir müssen mit vereinten Kräften versuchen, das Virus zu schlagen. Ich höre auf die Leute, die Ahnung haben.“

Der Blick aufs Jahr 2022 und die Olympischen Spiele in Peking und die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar – warum der Trainer einen Boykott der Spiele ablehnt.

„Sport und Politik lassen sich heute nicht mehr voneinander trennen. Sport ist Teil der Kultur, das ist keine Insel. Aber das Ideal von Pierre de Coubertin war ja, dass Menschen ihre Unterschiede überwinden und sie im Sport zusammenfinden. Das sind die Ziele der Olympischen Spiele, die Coubertin wiederbelebt hatte“, so sieht es van den Berg, der aus diesem Grund dagegen ist, Olympische Spiele zu boykottieren. „Aber wo Menschenrechte verletzt werden – und das passiert auch in China – darf man nicht darüber schweigen. Olympia wurde nach China vergeben, die Fußball-WM nach Katar – geht hin, nehmt teil, aber schweigt nicht.“ Für ihn bedeutet das: Es sei wichtig, auf die Lage der Uiguren „und deren unmenschliche Behandlung“ hinzuweisen. Er sieht hinter einigen Entscheidungen aber auch politisches Kalkül. „Wenn eine Regierung wie die der USA beschließt, ihre politischen Repräsentanten nicht nach Peking zu schicken, ist das eine Aussage. Aber es hat natürlich auch damit zu tun, dass die USA und China in einem Wirtschaftsstreit stecken. Wenn der geregelt wäre, würde die USA sicher nicht mehr sagen: ‚Wegen der Situation der Uiguren kommen wir nicht‘“, so mutmaßt der Niederländer. „Aber die USA sind zumindest eine Demokratie. Das ist mir lieber als die Systeme in China, Russland und auch als die Entwicklung, die man immer mehr in Polen oder Ungarn sieht, wo die Gewaltenteilung immer mehr gefährdet ist.“

Politik und Basketball – um diese Themen geht es zu Hause in Schweich auch immer mal. Van den Berg ist mit Katarina Barley verheiratet ist, der Vizepräsidentin des EU-Parlaments.

Auch im Basketball steht 2022 ein großes Turnier an – die Europameisterschaft, die im September unter anderem in Köln ausgetragen wird.

Gordon Herbert sei ein „Top-Trainer“, sagt van den Berg über den Nachfolger von Henrik Rödl als Bundestrainer. Der deutsche Basketball brauche unbedingt ein „tolles Resultat bei einem großen Turnier“. Van den Berg sieht auch die Basketball-Bundesliga in der Pflicht. „Wenn ich mir die BBL anschaue, dann sehe ich viele Söldner und Ego-Zocker. Die Kaufkultur entwickelt keine Bindung und auch keine interessante Liga. Das muss sich ändern.“ Deutsche Spieler sollten eine wichtigere Rolle bekommen. „Ich wäre dafür, in jeder Mannschaft nur zwei Nicht-Europäer zu erlauben. Dann bekommst du einen europäisch geprägten Basketball, der ganz anders ist als der amerikanische: viel weniger Ego-Gezocke, viel mehr aufs Kollektiv ausgerichtet.“ Das passe viel besser zur europäischen Philosophie: „Die Euroleague ist auch viel interessanter als die NBA. Man kann zwar sagen, dass die NBA besser ist, sicher talentierter. Aber sie ist kaum anzuschauen: Diese Faulheit, diese Ego-Trips und diese Regeln, die echte Verteidigung kaum noch zulassen. Das ist eine schlechte Entwicklung. Und wenn die BBL eine Mini-NBA werden will, dann kann man das vergessen.“ Van den Berg würde das System durchaus gerne ein Stück weit von innen verändern.

 Gladiators-Cheftrainer Marco van den Berg freute sich in diesem Jahr über den WM-Titel von Max Verstappen (links) und die Olympia-Qualifikation von Henrik Rödl (3. von links) . Er sagt, warum Joachim Löw bei der EM nichts mehr bewirken konnte und warum ein Boykott der Olympischen Spiele in Peking oder der Fußball-WM in Katar für ihn nicht der richtige Weg ist.
Gladiators-Cheftrainer Marco van den Berg freute sich in diesem Jahr über den WM-Titel von Max Verstappen (links) und die Olympia-Qualifikation von Henrik Rödl (3. von links) . Er sagt, warum Joachim Löw bei der EM nichts mehr bewirken konnte und warum ein Boykott der Olympischen Spiele in Peking oder der Fußball-WM in Katar für ihn nicht der richtige Weg ist. Foto: dpa/Kamran Jebreili
 ARCHIV - 12.11.2021, Niedersachsen, Wolfsburg: Fußball: Nationalmannschaft, WM-Qualifikation, Gruppenphase, Gruppe J, 9. Spieltag, Deutschland - Liechtenstein in der Volkswagen Arena. Der ehemalige Bundestrainer Jogi Löw steht vor seiner Verabschiedung auf dem Rasen. (zur dpa-Meldung: Ex-Bundestrainer Löw fürs Impfen: «Kann es auch nur jedem raten») Foto: Swen Pförtner/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
ARCHIV - 12.11.2021, Niedersachsen, Wolfsburg: Fußball: Nationalmannschaft, WM-Qualifikation, Gruppenphase, Gruppe J, 9. Spieltag, Deutschland - Liechtenstein in der Volkswagen Arena. Der ehemalige Bundestrainer Jogi Löw steht vor seiner Verabschiedung auf dem Rasen. (zur dpa-Meldung: Ex-Bundestrainer Löw fürs Impfen: «Kann es auch nur jedem raten») Foto: Swen Pförtner/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Foto: dpa/Swen Pförtner
 ARCHIV - 28.07.2021, Japan, Saitama: Basketball: Olympia, Nigeria - Deutschland, Vorrunde, Gruppe B, 2. Spieltag in der Saitama Super Arena. Henrik Rödl, Bundestrainer von Deutschland, sitzt an der Seitenlinie. (zu dpa "Deutscher Basketball Bund und Rödl geben Trennung bekannt") Foto: Swen Pförtner/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
ARCHIV - 28.07.2021, Japan, Saitama: Basketball: Olympia, Nigeria - Deutschland, Vorrunde, Gruppe B, 2. Spieltag in der Saitama Super Arena. Henrik Rödl, Bundestrainer von Deutschland, sitzt an der Seitenlinie. (zu dpa "Deutscher Basketball Bund und Rödl geben Trennung bekannt") Foto: Swen Pförtner/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Foto: dpa/Swen Pförtner
 25.11.2021, Katar, Doha: Personen stehen vor einer Uhr, die den Countdown bis zum Beginn der Fußballweltmeisterschaft in Katar anzeigt.  Die Fußballweltmeisterschaft 2022 soll am 21. November 2022 beginnen. Foto: Darko Bandic/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
25.11.2021, Katar, Doha: Personen stehen vor einer Uhr, die den Countdown bis zum Beginn der Fußballweltmeisterschaft in Katar anzeigt. Die Fußballweltmeisterschaft 2022 soll am 21. November 2022 beginnen. Foto: Darko Bandic/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Foto: dpa/Darko Bandic

Dazu müssten die Gladiators aber erst mal den sportlichen Aufstieg packen (was schon eine sehr anspruchsvolle Aufgabe ist), zudem die Auflagen der BBL erfüllen, also auch ein Mindestbudget von drei Millionen Euro aufbringen – und das ist mindestens genauso ambitioniert. „Davon sind wir noch weit entfernt. Aber ich glaube an Trier“, sagt der Cheftrainer. „Wenn es dazu kommen sollte und ich noch Headcoach bin, dann wird es keine Söldnertruppe sein, sondern es werden Menschen sein, die am liebsten langfristig in Trier sein wollen.“