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14 Spielerinnen, elf Nationen - ein Ziel!

Trier. Mit einem Multi-Kulti-Team wollen die Trierer Miezen in der am Samstag beginnenden Saison der zweiten Frauen-Handball-Bundesliga frühzeitig den Klassenerhalt sichern. Das neue Trainerduo setzt dabei auf höheres Tempo. Björn Pazen

Trier Elf Nationen, 17 Zentimeter Verlust im Tor, vier Neuzugänge, zwei Abgänge, zwei Langzeitverletzte, nur 28 statt 30 Spiele und ein Trainer aus der Großregion - das sind die wichtigsten Zahlen vor dem Start der Trierer Miezen in die dritte Zweitligasaison nach dem Abstieg. Im Vorjahr zwischenzeitlich auf einem Aufstiegsplatz, am Ende im Mittelfeld - und nun? Die Liga hat wieder Respekt vor dem deutschen Meister von 2003. Die Katastrophensaison 2015/16 ist vergessen, die MJC sollte mit dem Abstieg nichts mehr zu tun haben - aber mit dem Aufstieg?
Das neue, junge Trainerduo Andy Palm (29) und Sina Eckelt (31) hat das Ziel recht flexibel angegeben: "Klassenerhalt plus X", ein einstelliger Tabellenplatz sollte es schon sein, aber: "Das Team befindet sich in einem Umwälzungsprozess, mit neuen Trainern, einem neuen Torwartduo und einigen neuen Spielerinnen", sagt Palm - daher sei man bei der Zielvorgabe doch eher zurückhaltend. Zudem fallen mit Joline Müller (Kreuzbandriss, Ausfall mindestens bis Frühjahr 2018) und der Rumänin Ramona Constantinescu (Schulteroperation, mindestens bis Ende des Jahres) zwei Spielerinnen langfristig aus.
Dank Yuko Minami (Tor/Japan), Vesna Tolic (Rückraum/Kroatien), Gabriella Szabo (Rückraum/Rumänien) und Aaricia Smits (Allrounderin/Belgien) kommen weitere Nationen zum Multikulti-Team der Miezen hinzu. Die 14 Spielerinnen kommen aus elf verschiedenen Ländern. Wie sollen sich die Fans mit einer solchen Mannschaft identifizieren? Für Palm kein Problem: "Unsere Neuzugänge sprechen schon sehr gut deutsch, die Fans werden keine Probleme mit ihnen haben. Und sofern die Mannschaft erfolgreich ist, funktioniert Identifikation von alleine." Und außerdem, sagt Palm, sei die Großregion mit einer Luxemburgerin, zwei Belgiern, einer Trierierin und einer Saarländerin doch auch bestens vertreten.
Taktisch setzen Palm und Eckelt auf mehr Tempo: Mit vielen Gegenstoßtreffern und einfachen Toren will man langen Positionsangriffen aus dem Weg gehen. "Wir haben zwar gute Shooterinnen, aber wenn sie aus der Bewegung kommen, sind sie viel gefährlicher", sagt Eckelt, die vorrangig für Athletik zuständig ist, während der Belgier mit indischer Mutter Taktikchef ist. Mit der Vorbereitung sind beide sehr zufrieden - vor allem die Partie gegen die russische Weltklassemannschaft Rostow habe das große Potenzial der neuen Miezen gezeigt.
Im rechten Rückraum hat die neue Kapitänin Szabo auf jeden Fall das Zeug dazu, Lucie Weibelova zu ersetzen. Smits (Schwester der eingebürgerten deutschen Nationalspielerin Xenia Smits) kann variabel viele Lücken stopfen. Tolic soll in Abwesenheit von Müller für Tore aus dem linken Rückraum sorgen. Bliebe die Position, die zur Problemzone werden könnte: das Tor. Die in der Vorsaison überragende Jessica Kockler ist zum Bundesliga-Aufsteiger Bensheim/Auerbach gewechselt, ihre Nachfolgerin Minami ist 17 Zentimeter kleiner - Welten im Handball. Palm und Eckelt sehen kein Problem zwischen den Pfosten: "Größe ist nicht alles, es geht um das Zusammenspiel mit der Abwehr und das Stellungsspiel. Unsere Torfrauen sind schnell, und Melanie Eckelt hat im Pokal hervorragend gehalten", sagt Palm über die Hessin, die als Nummer 1 in die neue Saison geht - nachdem sie im Vorjahr lange wegen einer Fußverletzung ausgefallen war. Generell lobt das Trainerduo nicht nur die Physis der Spielerinnen, die "sich in der Vorbereitung richtig reingekniet haben" (Eckelt), sondern auch den Zusammenhalt im Team. "Ich habe selten bei einer Mannschaft eine solch‘ positive Stimmung. Wenn das Training an die Substanz ging, haben sich alle gegenseitig nach vorne gepusht. In nur sechs Wochen ist da schon etwas Tolles zusammengewachsen", sagt Palm.
Die Lage der Liga: Weil Celle und Leipzig Insolvenz anmeldeten, steigen in dieser Saison nur zwei Mannschaften in die 3. Liga ab. Wer sagt, die Aufsteiger sind die ersten Abstiegskandidaten, sollte sich in Acht nehmen: Berlin, Kirchhof und speziell Waiblingen verfügen über starke Mannschaften.
Spannender ist allerdings der Blick nach oben: Schon in der Vorsaison wollte ursprünglich nur Bensheim-Auerbach aufsteigen, als das Leipziger Aus in Liga 1 bekannt wurde, haben sich auch die Rödertalbienen erweichen lassen, das Abenteuer Bundesliga einzugehen. Diese Saison will nun niemand den Fahrstuhl nach oben nehmen.
Keine Mannschaft hat bei der Saisonziel-Frage des Fachmagazins Handballwoche den Aufstieg angegeben. Im Vorjahr hätten Rosengarten und Beyeröhde schon aufsteigen können, verzichteten aber aus finanziellen Gründen. Hoffnungen macht man sich nur in Halle/Neustadt, wo reichlich in den Kader investiert wurde, und bei Mainz 05, wo man sich im Falle des Aufstiegs Unterstützung von den Fußballern erhofft.