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"Das ist kein Dopingfall, sondern Betrug"

Doping-Proben (wie hier in einem Labor im sächsischen Kreischa) stehen im Mittelpunkt der jetzt öffentlich gewordenen Manipulations-Affäre im Handball. Foto: dpa
Doping-Proben (wie hier in einem Labor im sächsischen Kreischa) stehen im Mittelpunkt der jetzt öffentlich gewordenen Manipulations-Affäre im Handball. Foto: dpa
Der Fall von manipulierten Dopingproben bei einem Miezen-Spiel schlägt bundesweit Wellen. Der Deutsche Handball-Bund war frühzeitig informiert - und bei den Miezen ist man sauer über den "Skandal". Von unserem Redakteur Björn Pazen Von Björn Pazen

Trier. "Wir haben absolut nichts damit zu tun, das war purer Zufall und hätte jeden erwischen können." Am Tag nach Bekanntwerden von manipulierten Dopingkontrollen beim Pokalspiel der Trierer Handball-Miezen am 9. Januar in Mainz (30:18) ist MJC-Vorstand Martin Rommel erzürnt. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass eine Doping-Kontrolleurin der Mannheimer Firma Serco gar nicht beim Spiel anwesend war, sondern eigenen Urin abgegeben und die Kontrolle über Serco abgerechnet hatte. Der Betrug war im Kölner Doping-Kontroll-Labor aufgefallen, weil alle vier Proben von derselben Person stammten.

Sofort wurde der zuständige Deutsche Handballbund (DHB) eingeschaltet. Dort ist Heinz Winden aus Kasel (Kreis Trier-Saarburg) Vizepräsident Recht und Vorsitzender der Anti-Doping-Kommission. In einem Schreiben vom 29. Januar, das dem TV vorliegt (siehe Ausrisse), informierte Winden alle zuständigen Stellen wie den Welthandballverband sowie die nationale Anti-Doping-Agentur über die zwei Fälle von manipulierten Dopingkontrollen (neben der Miezen-Partie handelt es sich um das Zweitliga-Spiel Metzingen - Bad Wildungen).

Winden kontaktierte die betroffenen Vereine sowie das Doping-Labor. "Wir wussten nichts von der Kontrolle, weil schließlich nicht bei jedem Spiel kontrolliert wird", sagt MJC-Vorstand Jürgen Brech: "Erst als der Schwindel aufflog, hat man uns informiert. Dass die Kontrolle aber gar nicht stattgefunden hat, stand dann rasch fest." Winden hatte der MJC die gefälschten Protokolle der Kontrolle vorgelegt, wobei sich laut MJC und DHB feststellen ließ, dass die Unterschriften gefälscht worden sein mussten. Alle Spielerinnen - bei den Miezen Nadja Nadgornaja und Stefanie Egger, die beide mittlerweile den Verein verlassen haben - legten eidesstattliche Erklärungen ab, dass sie nicht kontrolliert worden waren.

Am 25. Januar gab der Serco-Geschäftsführer laut des dem TV vorliegenden Schreibens zu, dass seine - mittlerweile entlassene Mitarbeiterin - die Proben, die Protokolle und die Unterschriften der Spielerinnen gefälscht hatte. Die Kontrolleurin verweigert die Aussage, weswegen eine DNA-Probe entnommen wurde, die beim Landeskriminalamt analysiert wird.

Winden schaltete die nationale Doping-Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft München ein. Ergebnis: "Da es sich nicht um einen Dopingfall handelt, ist die örtliche Staatsanwaltschaft Mannheim zuständig." Winden stellte dort Strafanzeige wegen des Verdachts des Betrugs und der Urkundenfälschung. Der Vertrag des DHB mit Serco wurde sofort gekündigt, zudem ist in Mannheim ein weiteres zivilrechtliches Verfahren anhängig, in dem der DHB entstandene Kosten zurückfordert.

Seit Januar organisiert der DHB seine Kontrollen mit eigenen Kontrolleuren, die auch für andere Sportverbände arbeiten, die Männer-Bundesliga wird seit Juni 2009 von der Nada-nahen Firma PWC kontrolliert. Bei Miezen-Spielen gibt es laut Rommel pro Saison zwei bis drei Doping-Kontrollen.

Bei allem Wirbel, für den die Enthüllungen gesorgt haben, betont Winden: "Es handelt sich nicht um einen Dopingfall eines Athleten, eines Vereins oder eines Verbands." Das sieht die Staatsanwaltschaft ähnlich, die von einem "normalen Betrugsfall" spricht. Wegen der Brisanz habe der DHB - nach Rücksprache mit der Nada - nicht an die Öffentlichkeit gehen wollen. "Das hätte dem Handball nur geschadet", sagte Winden dem TV.

Aber wie kam es zur Veröffentlichung in der Sportschau? Winden geht davon aus, dass internationale Verbandsfunktionäre Unterlagen an den WDR weitergegeben hätten. Und mitten im Fokus stehen die schuldlosen Miezen, die gestern per Pressemitteilung reagierten. "Dopingkontrollen sollen dafür sorgen, dass der Handballsport nachweisbar sauber ist", wird Brech zitiert, der zudem betont: "Doping spielt bei uns überhaupt keine Rolle. Umso tragischer ist es, wenn der Sport durch ein solch krasses Fehlverhalten von Kontrolleuren negative Schlagzeilen macht."

Meinung

System steht nicht am Pranger

Es ist ein singulärer Fall einer betrügerischen - mittlerweile entlassenen - Dopingkontrolleurin, die durch manipulierte Proben den gesamten deutschen Anti-Doping-Kampf in ein schlechtes Licht rückt. Von einem schwarzen Schaf darauf zu schließen, dass bei einer Vielzahl der Kontrollen vonseiten der Kontrolleure betrogen wird, ist unangemessen. Aber alle Beteiligten - Verbände und Nada - müssen noch intensiver an den Kontrollen ihrer Kontrolleure arbeiten, müssen noch entscheidender "sieben", wem sie die Lizenz zum Kontrollieren aushändigen. Wegen dieses eklatanten Einzelfalls das deutsche Anti-Doping-System an den Pranger zu stellen, wäre der falsche Schluss. b.pazen@volksfreund.de

Extra

Doping im Handball: Im deutschen Handball wurde bisher nur ein Dopingfall nachgewiesen: Der tschechische Torwart Martin Galia vom Männer-Bundesligisten TBV Lemgo wurde im Jahr 2009 für sechs Monate gesperrt, nachdem ihm die Einnahme der verbotenen Substanz Octopamine nachgewiesen werden konnte. Im Dopingbericht des Welthandballverbands IHF tauchen Fälle von Cannabis-Missbrauch auf. Vor der WM in Deutschland war der Kroate Davor Dominikovic (früher THW Kiel) wegen einer positiven A-Probe ausgeschlossen worden, durfte aber später auflaufen, weil das Dopinglabor die Probe verwechselt hatte. (BP)