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"Die letzten vier Jahre haben an mir genagt"

"Die letzten vier Jahre haben an mir genagt"

Nach 21 Jahren ist Martin Rommel nicht mehr im Vorstand der gerade abgestiegenen Trierer Miezen. Im TV-Interview zieht der 51-Jährige, der bei einer Bank in Luxemburg arbeitet, die persönliche Bilanz seiner Tätigkeit.

Trier. Aufstieg und Fall, Höhen und Tiefen - mit niemand anderem als Martin Rommel ist die wechselvolle Geschichte der DJK/MJC Trier mehr verwoben. Nach 21 Jahren als Manager und Vorstand hat der Bankkaufmann, der ehrenamtlich die Geschicke der Miezen leitete, einen Schlussstrich gezogen. In seine Ära fallen die beiden Aufstiege 1994 in die 2. Liga und 2000 in die 1. Liga sowie die deutsche Meisterschaft 2003. Rund zwei Wochen vor dem nun endgültigen Abstieg in die 2. Liga trat Rommel offiziell ab. Im Interview mit TV-Mitarbeiter Björn Pazen spricht Martin Rommel (51) über ...

... die schönsten Momente:
"Natürlich die deutsche Meisterschaft 2003, aber auch die vielen Reisen im Europapokal, vor allem in der Champions League. Wir haben 38 Europapokalspiele absolviert, darunter zehn Partien in der Königsklasse. Die tollste Reise war sicherlich 2004 nach Togliatti in Russland, als wir bei minus 36 Grad auf der Wolga spazierten. Weitere Glücksmomente waren die Aufstiege. Ebenso als wir 2008 mit Kira Eickhoff, Nadja Nadgornaja und Anna Monz drei Junioren-Weltmeisterinnen stellten und als wir es beim Ligafinale 2005 schafften, über 4500 Fans in die Arena zu locken."

... die bittersten Momente: "Sicherlich als wir 2003 durch das verlorene Pokalfinale das Double verpasst haben. Aber für mich war es viel tragischer, dass wir unser ambitioniertes und erfolgreiches Nachwuchs-Internat nicht weiterführen konnten. Aus dieser Kooperation mit dem Landessportbund entspringen viele Bundesliga-Spielerinnen."

... den aktuellen Abstieg: "Ich bin natürlich sehr traurig, aber es hatte sich abgezeichnet - auch angesichts des neuen Konzepts, verbunden mit dem Sparkurs. Ich wünsche mir, dass die Mannschaft zusammenbleibt und in der 2. Liga oben mitspielt. Das Gesamtprojekt ist auf einem guten Weg."

... den ehemaligen Hauptsponsor Edmund Krix: "Ohne ihn hätten wir von 1999 bis 2004 niemals Spielerinnen wie Sveta Mozgowaia verpflichten können. Er hat neben allen anderen treuen Sponsoren einen Riesenanteil am Bundesligaaufstieg und an der deutschen Meisterschaft. Sein Rückzug hinterließ ein großes finanzielles Loch, welches wir bis heute zum größten Teil nicht mehr kompensieren konnten."

... die finanziellen Probleme in den vergangenen Jahren: "Im Endeffekt waren alle Europapokalteilnahmen Zuschussgeschäfte, die Löcher in unsere Kassen rissen, vor allem die Champions League. Daneben sind die Kosten zum Beispiel für die Berufsgenossenschaft enorm gestiegen. Mit dem großen Umbruch 2007 standen wir vor neuen finanziellen Herausforderungen. Die Bemühungen, ausreichend neue Sponsorengelder zu akquirieren, blieben ohne Erfolg. Im Nachhinein hätten wir viel früher den Mut haben müssen, kleinere Brötchen zu backen und einen sportlichen Abstieg in Kauf zu nehmen."

... drohende Insolvenzen: "Es war einige Male sehr, sehr eng, aber dank unserer Sponsoren haben wir es immer wieder geschafft."

... die Vorstandsarbeit: "Mein Vorstandskollege Jürgen Brech und ich waren lange Jahre Einzelkämpfer, wobei wir alles ehrenamtlich neben unserem Beruf gemacht haben. Wir haben stets versucht, weitere Mitstreiter zu gewinnen, aber immer, wenn es darum ging, Verantwortung zu übernehmen, sind sie abgesprungen."

... wichtige Wegbegleiter: "Natürlich Jürgen Brech, mit dem ich viele Jahre die Geschicke des Vereins gelenkt habe. Zwei Menschen möchte ich außerdem besonders danken: Heinz Thomas, unserem langjährigen Mannschaftsbetreuer und Hallenwart auf dem Wolfsberg, sowie Detlev Schönberg vom Landessportbund, der sich in Mainz intensiv für unser Internat eingesetzt hat. Aber ganz besonders bedanke ich mich natürlich bei meiner Familie."

... den Abschied vom Verein: "Ich war seit Monaten bei keinem Spiel der Miezen mehr, halte mich bewusst aus allem raus, um nach so vielen Jahren, die mein Leben geprägt haben, den erforderlichen Abstand zu bekommen. Ich habe meinen Abschied frühzeitig angekündigt, selbst bestimmt und auch einen Posten im Aufsichtsrat abgelehnt. Es gibt neue Verantwortliche, die die Energie und Kraft mitbringen werden, die mir nun nach all den Jahren gefehlt haben. Ich wünsche allen neuen Verantwortlichen, insbesondere Jürgen Brech, viel Erfolg und Glück!"
... die Bilanz aus über 20 Jahren Miezen: "Ich bedaure es sehr, dass die MJC derzeit kein schlüssiges Nachwuchskonzept mehr hat. Von unserer langjährigen Nachwuchsarbeit profitieren nun leider nicht die Miezen, sondern die umliegenden Vereine. Es gab manche Tiefen, die einerseits aus äußeren Umständen resultierten, andererseits durch eigene Fehler ausgelöst wurden. Aber es gab auch sehr viele tolle unvergessliche Momente, die einem immer wieder Kraft verliehen. Insbesondere die letzten vier Jahre haben jedoch sehr an mir genagt, auch gesundheitlich. Und wenn Gesundheit, Privatleben und Beruf darunter leiden, muss man einen Schlussstrich ziehen und sich auf einen neuen Lebensabschnitt freuen."

... das Leben nach dem Handball: "Es gibt jetzt andere Inhalte. Ich habe mehr Zeit für das Private und kann mich voll auf meinen Beruf konzentrieren."