Die Wiege der Miezen

Das ist nicht absehbar gewesen: Die Magdeburgerin Anja Althaus saß im Jahr 2000 als 17-Jährige mit ihren Eltern im Wohnzimmer von Miezen-Vorstand Jürgen "Joga" Brech und unterschrieb ihren ersten Profivertrag für den Frauen-Handball-Bundesligisten DJK/MJC Trier. Damit nahm eine tolle Karriere ihren Anfang.

Kasel. Der kleine Ort am Unterlauf der Ruwer ist so etwas wie die Wiege der Miezen. Und bis heute ein Refugium für einen Teil der Mannschaft. "Ich fühle mich hier immer noch zu Hause, das ist meine zweite Familie", sagt Handballerin Anja Althaus. Sie ist inzwischen 28 Jahre alt, seit vier Jahren in Dänemark aktiv und hochdekoriert. Einer der Gründe, weshalb sie immer wieder nach Trier und zu den Brechs in Urlaub kommt: "Damit ich noch was vom Moselfest mitbekomme."
In den Genuss kam in diesem Jahr auch ihr Freund Nicolai Hansen, Däne, Handballer und wie Althaus Kreisläufer in Viborg. Natürlich schläft das Paar auch bei den Brechs. Wozu ein Hotel buchen, wenn man Familienanschluss hat?
Das Wohnzimmer füllt sich, ist Kasel doch ein richtiges Katzennest. Jana Arnosova ist da, die einzig Verbliebene, die noch mit Anja Althaus gemeinsam gespielt hat. Auch Neuzugang Lucyna Wilamowska trudelt bei den Brechs ein - Rita Brech, die Frau des Hauses, kommt mit Kaffee- und Teekochen kaum noch nach.
Auch Thomas Happe, der Trainer der Miezen, kommt dazu. Fast überflüssig zu erwähnen, dass auch er in Kasel wohnt. Althaus fühlt sich wohl in Dänemark: "Es hat etwas gedauert. Aber als ich nach einem Jahr perfekt Dänisch konnte, war alles bestens." Auch sportlich. Drei dänische Meistertitel, zwei Pokalsiege und als Gipfel der zweimalige Gewinn der Champions League stehen in ihrer Erfolgsliste, dazu inzwischen 180 Länderspiele mit 402 Toren. Seit mit Heine Jensen ein Däne Bundestrainer ist, hat sie das Ziel einer nochmaligen Olympiateilnahme fest ins Auge gefasst.
Anja Althaus ist das, was man eine grandiose Erzählerin nennt: Sie spricht minutenlang ohne Punkt und Komma. Und mahnt ihre Nachfolgerinnen: "Erfolg und Identifikation bei den Anhängern und Sponsoren werdet ihr nur haben, wenn ihr offen für Gespräche und Kontakte seid und offensiv auf sie zugeht."
Jana Arnosova weiß und tut das, aber es ist ihr letztes Jahr. Viel Zeit bleibt nicht mehr, den Neuen und Jungen diese Werte zu vermitteln. Dem polnischen Neuzugang Lucyna Wilamowska, wegen der noch begrenzten Sprachkenntnisse etwas schüchtern, trauen alle eine solche Rolle zu.
Happe, selbst als kommunikationsfreudig bekannt, sieht in ihr eine Spielerin, die über Führungsqualitäten auf dem Feld und außerhalb verfügt. "Wir müssen unsere Werte vermitteln, wenn wir ein größeres Budget generieren wollen und damit einen qualitativ und quantitativ besseren Kader an uns binden wollen."
Nach Viborgs Vorbild lässt sich das vielleicht erreichen: "Das Erste, was ich in Dänemark bekam, war eine Broschüre mit dem Werte- und Verhaltenskodex des Vereins. Da war vieles drin, was wir zur glorreichen Miezenzeit gelebt haben."
Vielleicht kommt er ja wieder, der Glanz früherer Jahre. Und dann wäre auch Althaus zu einer Rückkehr bereit, "weil es hier einfach schön ist".

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