Im Frauenhandball droht die nächste Pleite

Im Frauenhandball droht die nächste Pleite

Nach der Insolvenz des VfL Sindelfingen droht der Frauen-Handball-Bundesliga die nächste Pleite: Bei Aufsteiger Vipers Bad Wildungen entdeckte man ein Etatloch von über 300 000 Euro, die Spielerinnen müssen auf Geld verzichten.

Bad Wildungen. "Die Vipers ziehen die Notbremse" titelte die Hessische-Niedersächsische Zeitung (HNA) in ihrer gestrigen Ausgabe. Bereits zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres steht Frauen-Handball-Bundesligist HSG Bad Wildungen vor einem Scherbenhaufen. Im November 2010 war eine Deckungslücke von 250 000 Euro entdeckt worden, die dem Verein aus der Nähe von Kassel fast die Existenz kostete. Analog zu den Trierer Miezen einige Monate später kamen seinerzeit Sponsoren für diesen Betrag auf, retteten den damaligen Zweitligisten vor der Insolvenz - wobei in Bad Wildungen vorrangig eine Unternehmerin für diese Lücke aufkam. Im Mai machte die HSG den Bundesligaaufstieg perfekt. Viele Experten und Trainer wunderten sich seither über die zahlreichen Neuverpflichtungen der Vipers wie zum Beispiel die frühere Mieze Tessa Cocx, die in Nordhessen unterschrieb.
Nun scheinen genau diese Neuzugänge verantwortlich für die neuen finanziellen Probleme der HSG. Laut des HNA-Berichts kalkulierten die Vipers zum Saisonstart mit einem Etat von 550 000 Euro, nun sollen sich die Kosten auf 870 000 Euro belaufen, es klafft also erneut ein über 300 000 Euro großes Loch in der Kasse. Daher zofft man sich nun in der Führungsriege. Der seit 1. August amtierende Geschäftsführer Dirk Ex beschuldigt seinen Vorgänger, dieser wiederum übergibt den Schwarzen Peter an den sportlichen Leiter Markus Berchten: "Ich merkte schon, dass der sportliche Leiter immer neue Spielerinnen verpflichten wollte, ohne Rücksprache zu halten", wird er in der Zeitung HNA zitiert.
Der Verein zog am Mittwoch die Notbremse, alle Spielerinnen, aber auch alle Angestellten des Vereins, verzichten ab sofort auf zehn Prozent ihrer Bezüge - Tessa Cocx kommt also aus dem Regen in Trier, wo sie mehrere Monate auf ihre Gehälter warten musste, in die Traufe. Somit will die HSG die Kosten von 870 000 auf 700 000 Euro reduzieren, die übrige Lücke soll durch weitere Sponsoreneinnahmen gedeckt werden. Für die neue Saison plane man mit einem Budget von 650 000 Euro.
Im Umfeld vermuten aber schon viele, dass das Saisonende möglicherweise schon früher kommen könnte - in Internetkommentaren wird schon das Damoklesschwert einer Insolvenz diskutiert. Sollte die HSG-Marketinggesellschaft Insolvenz anmelden, wäre es die zweite Pleite in der Frauen-Bundesliga in dieser Saison. Der VfL Sindelfingen hatte im August Insolvenz angemeldet und danach seine Mannschaft vom Spielbetrieb zurückgezogen. Gibt es einen zweiten Insolvenzfall, steigt sportlich keine Mannschaft aus der Bundesliga ab - was den Trierer Miezen (derzeit Tabellenletzter, wie Bad Wildungen noch ohne einen Punkt) entgegenkommen würde. Am 5. November gastiert die MJC in Nordhessen. Mal sehen, wie sich die Negativ-Schlagzeilen auf die Motivation der HSG-Spielerinnen auswirken - oder ob es dann "jetzt erst recht!" heißt.Meinung

Die Liga, ein Pulverfass
Die Nachrichten über finanzielle Probleme im deutschen Frauenhandball reißen nicht ab. Hier eine Insolvenz, dort sechsstellige Deckungslücken und fast überall Etats, die nicht komplett finanzierbar sind. Was läuft falsch? Fast überall fehlen professionelle Strukturen (nicht finanzierbar) oder Kontrollgremien, die der sportlichen Leitung Einhalt gebieten (oftmals nicht gewollt oder mangels Ehrenamtlichen nicht vorhanden). Hinzu kommt, dass viele Vereine mit schwarzen Kassen und anderen semi- bis illegalen Machenschaften tricksen, die - wenn sie entdeckt werden - das Ende bedeuten. Weiterer Faktor sind höhere Kosten für Sozialversicherungen, die meist so nicht auf der Aufgabenseite des Etats einkalkuliert werden. Frauenhandball ist eine Randsportart, die sich von regionalem Interesse speist, also kommen alle Einnahmen aus der Region. Ist der Sponsorenmarkt hart umkämpft (wie in Trier), bricht der Hauptsponsor weg (wie in Oldenburg) oder der treue Mäzen wirft das Handtuch (wie in Trier 2004), sind eben nur noch kleinere Brötchen möglich. Das sehen Sponsoren und Fans ein, wenn man es ihnen anständig verkauft. Aber es ist sportlicher Selbstmord, wenn man angesichts leerer Kassen ein "höher, schneller, weiter" propagiert und so ins offene Messer läuft. b.pazen@volksfreund.de