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Menschenmassen und ein Tausendfüßler

Menschenmassen und ein Tausendfüßler

Miezen im Mai 2013: der Abstieg in die zweite Liga. Miezen am 4. Mai 2003: Riesenjubel, nachdem die erste (und auch letzte) deutsche Meisterschaft perfekt ist. Der TV blickt zurück auf den größten Moment des regionalen Handballs.

"Noch 60 Sekunden, die Auswechselspielerinnen stülpen sich die Meistertrikots über, tanzen am Rande des Felds. Vier, drei, zwei, eins - Aus, die "Miezen" sind Meister. Der Sekt spritzt durch die Halle, "We are the Champions" ohne Ende. Manager Martin Rommel und Trainer Dago Leukefeld kullern die Freudentränen übers Gesicht. Das Plakat "Deutscher Meister 2003" wird gezückt, alle Fans stürmen das Feld. Der Meistertanz beginnt. Völlig von Sekt durchnässt starten die "Miezen" eine nicht enden wollende La Ola durch die Wolfsberghalle. Die Mannschaft formiert sich als Tausendfüßler, robbt durch die Halle."
(Aus dem TV-Artikel vom 5. Mai 2003)

Trier. "Mann bin ich alt geworden, zehn Jahre ist das her. Aber ich erinnere mich noch an jene Szene dieses Tages." Anja Althaus stockt der Atem, wenn sie zurückdenkt an jenen 4. Mai 2003. Sie war das "Küken" der Meistermannschaft - und später diejenige, die die größten Erfolge einheimste. "Ich werde die Stimmung auf dem Wolfsberg niemals vergessen. Wie viele Menschen sich bei diesen beiden entscheidenden Spielen in die Halle gequetscht hatten", sagt Althaus, die die einzige Meistermieze von 2003 ist, die noch (und wieder) in der Bundesliga aufläuft, für den Thüringer HC.
Am 30. April 2003 machte die MJC mit dem Sieg über den einzigen Verfolger Buxtehude den entscheidenden Schritt, fünf Tage später machten die Miezen die Meisterschaft mit dem 30:26 über Leverkusen perfekt. "Ich habe noch so viele Bilder im Kopf, das sind unglaubliche Erinnerungen", sagt Althaus.
"Wir waren wie bei jedem Spiel in der Sprecherkabine in der Wolfsberghalle - darin durfte damals sogar noch geraucht werden -, und bei diesen Spielen hatten alle extrem hohen Nikotinbedarf", erinnert sich Oliver Bloeck, Elektro-Unternehmer und bis 2009 im MJC-Vorstand: "Der Wolfsberg, das war einfach sensationell."
Zehn Jahre später: Die Wolfsberghalle hat ihre besten Tage hinter sich, aus Sicherheitsgründen dürfen nur noch 250 Fans die Spiele der Trierer Rollis besuchen. Das 30:26 gegen Leverkusen war das letzte Spiel der MJC in der beengten "Festung Wolfsberg", den Saisonabschluss mit einem Erfolg über Frankfurt/Oder feierten 3500 Fans schon in der gerade eröffneten Arena.
Bunte und wilde Mischung


Aber wie schafften die Miezen den Titel? "Wir waren eine tolle, aber wilde Mischung mit Spielerinnen wie Maren Baumbach oder Alex Gräfer, geführt von Weltstars wie Svetlana Minewskaja und Svetlana Mozgowaia. Aber den Löwenanteil hatte Trainer Dago Leukefeld", meint Althaus.
Leukefeld hatte die Meisterschaft frühzeitig vorhergesagt. "Wir saßen bei einer Grillparty im Sommer 2002 zusammen, und da schaute ich in völlig ungläubige Gesichter, als ich sagte, dass wir das Zeug dazu haben, Deutscher Meister zu werden." Das bestätigt Althaus: "Wir haben ihn für verrückt gehalten, aber er hat es geahnt, und als es einmal lief, haben wir gesagt: Los, jetzt machen wir unser Ding! Da konnte uns niemand mehr aufhalten." Dabei war die MJC mit einer Heimniederlage gegen Aufsteiger Nürnberg in die Meistersaison gestartet. Aber dann folgten 16:0 Punkte. Langsam wuchs die Erkenntnis: "Wir können das schaffen." Trotz vieler Verletzungen bissen die "Miezen" bis zum Ende auf die Zähne.
"Es war die Mischung aus Jung und Alt, die hervorragend harmonierte, der absolute Wille zum Erfolg und das Gemeinschaftsgefühl eines sensationellen Umfelds", sind für Leukefeld die Erfolgsfaktoren. Dass er nach seinem Abschied 2004 noch einmal als "Retter" nach Trier zurückkehren würde, hatte er lange Jahre nicht für möglich gehalten, aber Ende Dezember 2011 war es dann so weit (siehe Extra).
Aus der Ferne konnte aber auch er den Abstieg genau zehn Jahre nach dem Meistertitel nicht verhindern. Die einzige Mieze aus der Meistermannschaft, die noch im Verein tätig ist, ist Svetlana Mozgowaia. "Als der Abstieg perfekt war, ist für mich eine kleine Welt zusammengebrochen, auch wenn es irgendwie absehbar war", meint Althaus, der aber vor der Zukunft der MJC nicht bange ist: "Was ich durch meine guten Kontakte zu Vorstand Jürgen Brech mitbekomme, wollen viele helfen und den Neuaufbau in der zweiten Liga unterstützen. Vielleicht schafft man es ja wieder, eine junge, wilde und hungrige Truppe zusammenzubekommen, wie wir es einmal waren."
Für Althaus könnte sich ab diesem Wochenende der Kreis schließen. Nach drei Meisterschaften in Dänemark steht sie an diesem und dem darauffolgenden Sonntag in den deutschen Meisterschaftsfinals gegen den HC Leipzig. "Vielleicht ist der Termin ein gutes Omen, was meine zweite deutsche Meisterschaft betrifft ..."