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Hannah Ludwig bei Olympia: "Keine anderen Sportler gesehen"

Radsport : Hannah Ludwig aus Traben-Trarbach: So schaffte sie es zu den Olympischen Spielen

Freudestrahlend fuhr Hannah Ludwig exakt zehn Jahre und einen Monat vor ihrer Olympia-Premiere an diesem Sonntag (6 Uhr deutscher Zeit) bei der Fairplay-Tour ins Ziel. Damals war das Konzer Stadion die Bühne, auf der sich die seinerzeit Elfjährige und rund 300 weitere Jugendliche für eine Sieben-Tages-Etappenfahrt über rund 800 Kilometer feiern lassen konnten.

So erfuhr Hannah Ludwig von ihrer Olympia-Nominierung

Wer hätte gedacht, dass die Traben-Trarbacherin nun auf dem Fuji International Speedway, dem Zielareal der Radrennen der Olympischen Spiele von Tokio, auf der ganz großen Bühne des Sports dabei sein würde? Die Athletin und auch ihre Eltern Isabell und Björn sowie die drei jüngeren Geschwister jedenfalls hatten nicht damit gerechnet. Hannah Ludwig war gerade mit ihrem Team Canyon//Sram bei einem Etappenrennen in Belgien und zunächst gar nicht erreichbar, als die Verantwortlichen des Bunds Deutscher Radfahrer (BDR) die frohe Nachricht überbringen wollten. „Ich habe zurückgerufen und wir haben zuerst über das Rennen gesprochen. Dann haben die gesagt: Dann kannst du ja direkt weiterfahren“, erzählt sie, wie sie vor einem Monat von ihrer Olympia-Nominierung erfuhr.

Das war gut eine Woche nach Ludwigs drittem Platz im Einzelzeitfahren und dem fünften Rang im Straßenrennen der Deutschen Meisterschaften. Im Kampf gegen die Uhr waren nur Lisa Brennauer (Kempten) und Lisa Klein (Saarbrücken/Erfurt) schneller als die zweimalige U-23-Europameisterin in dieser Disziplin. Im Straßenrennen, das Brennauer vor der ebenfalls für das olympische Straßenrennen vorgesehenen Liane Lippert (Friedrichshafen) gewann, gab die Sportlerin vom RSC Stahlross Wittlich einen Tag nach ihrem Medaillengewinn wieder eine gute Vorstellung. Ein Argument, aber nicht ausschlaggebend für Hannah Ludwigs Olympia-Nominierung.

Hannah Ludwig empfiehlt sich als starke Teamplayerin

Wichtiger dürften die guten Leistungen als Teamfahrerin seit ihrem Einstieg ins Profigeschäft 2019 gewesen sein. Nach der Nachricht über ihre Olympia-Teilnahme fuhr Hannah Ludwig mit ihrem Team noch bei der Baloise Ladies Tour in Belgien. Die Traben-Trarbacherin belegte den zweiten Platz in der Nachwuchswertung und den sechsten im Gesamtklassement. Ebenso wichtig: Ihre Mannschaftskameradin Lisa Klein gewann zwei Etappen und die Gesamtwertung.

Die Mannschaft ist Hannah Ludwig wichtig. Sie ist eine Teamplayerin. Eine Eigenschaft, die sich schon zeigte, als die Fairplay-Tour ihr Interesse am Radsport weckte. In der fünften Klasse nahm sie erstmals teil. Gemeinsam als Gruppe müssen die Jugendlichen täglich 100 Kilometer mit dem Fahrrad zurücklegen, sich gegenseitig helfen. „Das Gefühl, das den Kindern bei der Fairplay-Tour vermittelt wird, ist toll. Das hat Hannah geprägt“, sagt Mutter Isabell Ludwig. Im zweiten oder dritten Jahr sei ihre Tochter nach einer Woche Fairplay-Tour nach Hause gekommen und habe verkündet, jetzt wolle sie direkt auch im Urlaub in die Schweiz radeln: 450 Kilometer.

Es ist ein Gefühl von Freiheit, das Hannah Ludwig an dem Sport fasziniert. Den ersten Corona-Lockdown nutzte sie für Ausfahrten mehr oder weniger einfach der Nase lang. Als sie mit Mutter Isabell im vergangenen Herbst mit dem Auto zu einem Rennen in die Bretagne fuhr, nur um zu erfahren, dass der Wettkampf (wegen Corona) abgesagt wurde, fuhr Hannah Ludwig kurzerhand mit dem Rad zurück an die Mosel: 1000 Kilometer. Sie hatte keine Lust, noch einmal zwölf Stunden im Auto zu sitzen. Ein Abenteuer!

Bei den Olympischen Spielen sieht Ludwig nur Radfahrer

So wie jetzt die Olympischen Spiele. Seit gut zehn Tagen ist Hannah Ludwig in Gotemba am Fuße des Fuji südwestlich von Tokio. Wie die Straßenradsportler fast aller Nationen sind auch die Deutschen nicht im Olympischen Dorf untergebracht, sondern direkt an der Strecke. „Wir haben noch gar keine anderen Sportler außer Radfahrer gesehen. Wir sind auch angehalten, uns möglichst auf unseren Zimmern aufzuhalten“, berichtet die Jüngste im deutschen Radteam.

„Man muss sich ein bisschen an das schwüle Wetter gewöhnen – und an die Zeitumstellung. Das ist alles ein bisschen speziell, aber auch ein Abenteuer“, erzählt Ludwig. Die Stimmung im Team sei trotzdem „sehr, sehr gut“. Am vergangenen Donnerstag fuhr die Mannschaft die komplette Strecke des Straßenrennens ab, das an diesem Sonntag um 6 Uhr deutscher Zeit gestartet wird. „Sehr, sehr, sehr schwer“ sei der Parcours über 137 Kilometer mit seinen 2692 Höhenmetern, sagt Ludwig.

Die deutschen Medaillenhoffnungen sind Liane Lippert (23), der die Anstiege liegen, und Lisa Brennauer (33), auf die Bundestrainer André Korff setzt, wenn es zum Sprint kommen sollte. Während die Cottbuserin Trixi Worrack (39) bei ihren fünften Olympischen Spielen ihre Erfahrung ins deutsche Team einbringen und vor allem die Niederländerinnen im Auge behalten soll, ist Ludwig diejenige, auf deren Helferdienste gesetzt wird, damit eine Deutsche am Ende auf dem Fuji International Speedway ganz vorne mit dabei ist. Als Teamplayerin eben.