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Herbert Weber reist jedes Jahr mit dem Wohnmobil zur Tour de France

Tour de France : Zwischen Langusten, Chemery und Mont Ventoux

Seit über zwei Jahrzehnten ist er zu dieser Jahreszeit unterwegs – der Grund dafür war jedes Mal derselbe. Herbert Webers neuerliche Frankreich-Reise ist auch ein Dokument unverbrüchlicher Freundschaften des Sports.

Im äußersten nordwestlichen Winkel Frankreichs, in der bretonischen Hafenstadt Brest, startet am kommenden Samstag die 108. Auflage  der Tour de France. Und fast hat es den Anschein, als würde sich der riesige Tross der Pedaleure und ihrer vielen Begleitfahrzeuge gar nicht erst in Bewegung setzen, bevor nicht feststeht, dass er auch (wieder) dabei ist. Herbert Webers – ungefähr, sagt er – 25. Teilnahme in Folge am großen Radsport-Spektakel ist in diesem Jahr eine ganz besondere Geschichte. Eine, die von einfachen aber unverbrüchlichen Freundschaften erzählt. Eine, die Mut macht in diesen Tagen, in denen von Viren, Varianten, Rassismus-Debatten, bunten oder einfarbigen Stadien, der Macht von Verbänden, Despoten und viel, viel Geld die Rede ist.

„Herbert, wo steckst Du?“ Diese Frage stellte sich, als Herbert Weber aus Erden an der Mosel anrief, und sein Bild zu sehen war. Aber eines war schnell klar: Diese Frage war eigentlich überflüssig. Völlig überflüssig. Zumindest um diese Jahreszeit. Er hatte es also wieder getan. „Du fragst ein Zeug! Wo soll ich denn sein? Ich bin schon vor Ort. In der Nähe von Brest.“

Am Montag war Herbert Weber von zu Hause aufgebrochen. Mit seinem aus vielen Fernseh-Übertragungen bekannten Wohnmobil mit WIL-Kennzeichen, dem Streckenerlauf der „Großen Schleife“ auf den Seitenwänden und dem deutlichen Signal: „Herbert on Tour“. Ein Tour(ist) im besten Sinne des Wortes. Und ein glühender Verfechter und Liebhaber der Erzeugnisse seiner Heimat. Ein Wein-Botschafter par excellence.

Doch warum ist er in diesem Jahr schon so früh da? Schließlich ist der Start erst am Samstag. Daraufhin erzählt er eine Geschichte, wie sie nur zwei Männern über Grenzen hinweg widerfahren kann, die beide eine große Leidenschaft verbindet. „Vor zwei Jahren habe ich am Col d’Izoire einen Franzosen kennen gelernt. Aus einem kleinen Dorf mit Namen Treffiagat in der Bretagne. Jean hat mit seinem Wohnmobil neben mir gestanden. Als wir uns verabschiedeten, hat er mich eingeladen. Wenn der Start bei uns in der Nähe ist, kommst du  früher. Ich gehe mit dir die besten Langusten der Welt essen. Solche, die du sonst nirgends bekommst.“

Herbert ist nicht nur Radsport-Freund, sondern auch ein Genießer. Und ein Connaisseur. „Heute Abend wird es Langusten geben. Und einen passenden Chardonnay dazu.“ Also hat er sich montags abends von zu Hause aufgemacht, ist einmal quer durch Frankreich gefahren, um einen Mann in seiner Heimat zu besuchen, den er vor zwei Jahren zum ersten Mal als Wohnmobil-Nachbar zum Radsport-Freund hatte. Am Dienstagabend waren Herbert, Jean, dessen Frau Marie-Josée und deren Enkelin Valentine auf bretonischer Genießertour. „Es war ein toller Abend“, berichtet er davon.

Herbert erzählt, dass er in den nächsten Tagen noch einen Abstecher nach Chemery, der Erdener Partnergemeinde, machen will und welche Etappen für ihn  noch anstehen. Eine hat es ihm ganz besonders angetan. Am 7. Juli geht es über den Mont Ventoux. Zwei Mal. Der kahle, der windige Berg. Der Schrecken der Provence. „Dieser Berg hat etwas, das man nicht beschreiben kann. Da muss ich hin.“

Ach ja, und seinem Freund Ichi muss er natürlich ein paar Bilder schicken. Vom Langusten essen und später auch vom Ventoux. Ichi, Japaner und Anhänger des Radsports, lebt in Luxemburg. Kennengelernt haben sich beide – natürlich – auf einer Alpenetappe. Zum Schluss will er noch ein paar Tage Urlaub in Chemery machen, erzählt er mir. Dort freuen sie sich jedes Mal, wenn „notre ami de la Moselle“ kommt.

Und dann geht es wieder Richtung Heimat. Mit dem Wohnmobil und seinen Rädern, die er immer an Bord hat. Immerhin hat er in Erden mal einen Radsportverein aus der Taufe gehoben. Einziges Mitglied ist er selbst noch. Im August wird Herbert 77 Jahre alt. Ein paar Tausend Kilometer im Sattel strampelt er jährlich immer noch runter. Und wer weiß, wohin es ihn im nächsten Sommer verschlägt. Denn irgendjemanden lernt Herbert Weber aus Erden ganz bestimmt auch in diesem Jahr wieder kennen. Es muss ja nicht immer eine Einladung zum Diner mit Langusten und Chardonnay dabei herausspringen.