Klarheit in der Region – und beim Rest?

Motorsport : Klarheit in der Region – und beim Rest?

Was steckt hinter der Entscheidung pro Rallye Deutschland 2020? Der TV blickt hinter die Kulissen beim weltweiten Geben, Nehmen und Verzichten.

Fluch oder Segen? Unverständnis oder Zustimmung? Die Entscheidung des Weltautomobilverbandes (FIA), im kommenden Jahr erneut in Deutschland, aber zwei Monate später als bisher,  um Punkte in der Rallye-Weltmeisterschaft  zu fahren, hinterlässt in der Region ein gespaltenes Meinungsbild. Tatsache ist: Das Championat ist weltweit so begehrt wie noch nie. Die  Entscheidungsfindung, es möglichst allen wohl und niemandem weh zu machen, ist ein Tanz auf schmalem Grat. Einer, bei dem es um verdammt viel Geld und um wirtschaftspolitische Interessen geht.

Immerhin herrscht jetzt Klarheit für nächstes Jahr. Für Fahrer, Teams, Hersteller und für viele Menschen an der Mosel, im Ruwertal und im Hochwald, die von dieser Mammut-Veranstaltung betroffen sind. Der Kalender der Rallye-Weltmeisterschaft steht. Und „die Deutschland“ ist nach einer monatelangen Zitterpartie wieder dabei. Wenn auch zwei Monate später als sonst (15. bis 18. Oktober)  und damit in vielerlei Hinsicht unter bisher unbekannten Vorzeichen.

Nach einer Online-Abstimmung des Motorsport-Weltrats haben die Oberen um FIA-Boss Jean Todt  am Freitag den offiziellen Kalender veröffentlicht. Der legt fest: 14 Läufe wie bisher. Frankreich, Spanien und Australien raus. Dafür Kenia, Japan und Neuseeland rein.  Der Oktober-Termin in Deutschland,  das steht jetzt schon fest,  wird für herausfordernde Wetterbedingungen sorgen und das Erscheinungsbild dieser Rallye verändern. Eine Termin-Verschiebung des deutschen WM-Laufes  war alternativlos. Zum einen, weil Finnland angesichts der unsicheren Ausgangslage (Türkei oder Deutschland im Kalender 2020?)  bereits auf den freien August-Termin gesprungen war.  Und zum anderen aus logistischen Gründen, weil das Saisonfinale in Japan stattfinden wird.  Diesen Kotau, der ja eigentlich eine chinesische und keine japanische Ehrbezeugung ist,  glaubt man in Paris dem weltweit größten Automobilhersteller Toyota schuldig zu sein.

Die Yaris WRC mit dem derzeit WM-Führenden Ott Tänak sollen zum Saisonabschluss und Höhepunkt  unter dem Fudschijama  noch einmal Parade laufen und dort das Inlandsgeschäft ankurbeln.  Zudem wäre  aus wettbewerbsrechtlichen Gründen eine Fernseh-Vermarktung des WM-Laufes während der Olympischen Spiele in Tokio zu diesem Zeitpunkt nicht möglich gewesen.Dem gewieften Taktiker Todt, einst als Franzose auf dem italienischen Ferrari-F1-Thron ein Entscheider mit viel Fingerspitzengefühl für die notwendige Balance, gelang es zudem,  den heimatlichen PSA-Konzern bei der Stange zu halten.  „Es ist doch ein gutes Zeichen, dass wir so viele  Bewerber für die Rallye-Weltmeisterschaft haben“, wird Todt im französischen Online-Portal www.lemans.org  zitiert. War der PSA-Marke Citroen in Gestalt des bei den Teams unbeliebten französischen WM-Laufes auf Korsika bereits ein bedeutender Heimatmarkt weggebrochen, so galt es nun, seine Landsleute nicht noch zusätzlich zu vergrätzen und ihnen mit Deutschland nicht auch noch den wichtigsten Export-Hafen zu entreißen. Zumal derzeit offen ist, wie sich Citroen  nach dem von ihm selbst angekündigten  Karriere-Ende Sébastien Ogier, nach 2020 personell aufstellen wird.

Der Verbleib des deutschen WM-Laufes ist aber auch ein persönlicher Erfolg des ADAC-Sportpräsidenten Hermann Tomczyk, der sich allen Hindernissen zum Trotz seit langer Zeit vehement für einen Verbleib „seiner Veranstaltung“ eingesetzt hat.  Die Zusage aus Paris, wo Tomczyk ebenfalls im Board sitzt, ist aber gleichzeitig auch die Morgengabe, die der ADAC für die Rückkehr des Rotationsprinzips offerieren musste.

Denn Spanien, seit 29 Jahren erstmals nicht dabei, wurde bereits die Zusage für die Rückkehr 2021 vom WRC-Promotor in Aussicht gestellt. Und auch in Frankreich wird schon an einem neuen WRC-Event gebastelt. Im Gespräch ist die weitläufige Normandie. Deutschland, davon ist nach Lage der Dinge auszugehen, wird nach der Entscheidung vom Freitagabend für 2021 „rotieren“ und bestenfalls als Bonbon einem EM-Lauf erhalten. Darüber aber wird man sich jetzt noch keine Gedanken machen.

Über 2020 aber schon. Der Schweicher Helmut Weyer, der als Abschnittsleiter für die Freitags- und Sonntagsprüfungen ständig mit den Leuten vor Ort spricht, weiß, die Menschen dort ticken. Dass er hinter verborgener Hand („Unsere Zustimmung hast Du“) schon das eine oder andere Zugeständnis bekommen hat, wird er (noch) nicht sagen, um seine Partner öffentlich nicht mit deren Wort zu knebeln. Die Zeit, um miteinander zu reden, zu rotieren und manchmal auch zu jonglieren, um zu sehen was machbar ist, die  ist jedoch definitiv angebrochen.

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