Das Salz in der Suppe

Gut unterhalten oder still meditieren? Läufer haben ganz unterschiedlich Vorlieben. Die einen sind lieber alleine unterwegs, andere haben nur Spaß in Gesellschaft. Die Mischung macht's findet TV-Laufkolumnist Rainer Neubert.

Als beruflich bedingt konsequenter Morgenläufer drehe ich meine frühen Runden meist alleine. Das macht den Kopf frei für den Tag am Schreibtisch.
Wenn mir wie jüngst dann im Halbdunkel eine ebenfalls laufende Bekannte begegnet, die nicht nur Kraft in den Beinen hat, sondern auch bereits vor Sonnenaufgang über geballte Verbalenergie verfügt, kann das die gewöhnlich stille Laufmeditation schon ein wenig durch einander bringen.

Nicht, dass nun ein falscher Eindruck entsteht: Ich genieße es, hin und wieder in Gesellschaft zu laufen. Es muss nicht immer so viel sein wie beim Silvesterlauf in Trier. Der hat zwar wie immer viel Spaß gemacht. Grenzwertig war das Gedränge am Start und auf der 1000-Meter-Runde aber schon.

Schöne Quasselläufe, möglichst nicht zu früh am Tag, sind das Salz in der Suppe. Für meinen Schwager gilt das offenbar nicht, denn er lehnte beim Weihnachtsbesuch in der fränkischen Heimat meine Einladung zum gemeinsamen Lauf konsequent ab. Dabei hatte er im Jahr davor doch das moderate Tempo noch gut gehalten - auf der halben Strecke. In die Bresche sprang der sportliche Freund meiner Nichte, der in den Hügeln Unterfrankens zunehmend einsilbig wurde. Dabei hatte ich ihm doch gesagt, dass er die Geschwindigkeit vorgeben soll. Aber Fußballer sind wohl doch mehr für kurze Intervalle gemacht als für lange Strecken.

O weh! Kann ich mich nicht mehr auf andere Läufer einstellen? Meine Frau, die seit einiger Zeit wieder regelmäßig die Laufschuhe schnürt, rettete mich aus den Selbstzweifeln: "Ich bin gerne mit Dir gelaufen", flirtete sie mir am Silvesterabend zu. Ich auch. Immer wieder. Da gibt es keinen Konversationszwang. Und über das Tempo können wir ja noch reden …