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Der Knieschmerz und das Ohrläppchen

FOTO: Rainer Neubert
Etwa acht Millionen Menschen in Deutschland leiden an chronischen Schmerzen. Bei weitem nicht alle sind aber behandlungsbedürftig. Unser Laufreporter verrät, wie er nach eine langen Verletzungspause das Schmerzgedächtnis austrickst. Von Rainer Neubert
Rainer Neubert

Was Phantomschmerzen sind, habe ich schon als Kind von meiner Großmutter erfahren. Ihr war in jungen Jahren nach einem Unfall ein Bein amputiert worden. Sie spüre immer noch Schmerzen im nicht mehr vorhandenen Fuß, erzählte sie, wenn es mal wieder kaum auszuhalten war. Seit die Ursache solcher Qualen erforscht ist, können Phantomschmerzen bei geplanten Operationen vermieden werden, indem den Patienten nicht mehr nur eine Vollnarkose verpasst wird, sondern zusätzlich die Nervenleitungen an den Stellen betäubt werden, an denen der Eingriff stattfindet.

Das Schmerzgedächtnis eines Menschen ist tatsächlich eine fiese Angelegenheit. Dazu ist nicht einmal ein wirklich einschneidendes Ereignis notwendig. Bei chronischen Schmerzen überdauern die „normalen“ Schmerzen eine Erkrankung die Heilung und halten an. Grund: Die Nervenfasern haben sich durch die permanente Reizung über mehrere Wochen verändert und senden auch dann Schmerzsignale an das Gehirn, wenn die eigentliche Ursache nicht mehr vorliegt. Alles Kopfsache also?

Wie sehr der Kopf bei nur kleinen (vermeintlichen) Schmerzen den ganzen Körper in Alarmstimmung versetzen kann, erlebt jeder, der nach einer längeren Verletzungspause wieder mit dem Laufen beginnt und unweigerlich das eigene Sonar auf die vormals verletzte Körperregion lenkt. Ablenkung ist da ein probates Mittel – oder die Konzentration auf eine ganz andere Stelle. Wenn also das linke Knie zwickt, hilft der Gedanke an Schmerzen im rechten Knie. Vermutlich könnte es auch das rechte Ohrläppchen sein. Egal. Es hilft tatsächlich!