Schrecksekunden

Zu den weniger schönen Erlebnissen eines Läufers zählen Stürze. Davon bleibt vermutlich niemand verschont. Auch nicht TV-Laufkolumnist Rainer Neubert.

Zu einem Läuferleben gehören Glücksmomente ebenso wie Schrecksekunden. Gemeint ist damit nicht der Moment 15 Minuten vor dem Start, an dem einem klar wird, dass der angemeldete Zeitmesschip ausgerechnet mit den Schnürsenkeln der Schuhe verknüpft ist, die zu Hause im Regal stehen. Es geht auch nicht um diese Sache in der Umkleide nach dem Lauf. Die vor Schweiß triefenden Sportklamotten liegen als Häufchen vor der Bank. Der spaßige Wettstreit um das letzte warme Duschwasser könnte jetzt beginnen. Aber wo zum Teufel ist das Handtuch?

Die Schrecksekunden, die ich meine sind jene, an denen - unfreiwillig - der Bodenkontakt verloren geht, und dann - erst recht unfreiwillig - unweigerlich, heftig und vollflächig zurückschlägt. So ein Sturz kann gefährlich sein. Besonders für jene von uns, die beim Kröver Mitternachtslauf im Wettbewerb der Jung gebliebenen starten müssen. Jenseits der 40 verändert sich nun mal so einiges.

Da war vor zwei Jahren dieser blöde Stolperer im falschen Biewertal. Stein übersehen, abgehoben und mit der Augenbraue gebremst. Bis ich meine Brille wiedergefunden hatte, dauerte es eine Weile. Und als ich 15 Minuten später in Sportmontur und schwer gezeichnet mit dem verbogenen Sehglas beim Optiker um erste Hilfe bat, waren die freundlichen Servicekräfte doch einigermaßen schockiert. Nach dem Blick in den Spiegel wusste ich warum.

Nun war es am Samstag wieder einmal so weit. Bendersbachtallauf in Föhren. Nur noch sechs Kilometer, abschüssiger Weg mit einigem Geröll links. Also Spur wechseln und … yippieh, Abflug. Spektakulär habe der ausgesehen, sagt später mein Lauffreund. Und das elegante Abrollen über die rechte Schulter? Das hat er nicht erwähnt. Danach brannten jedenfalls meine Hände und mein weißes Trikot hatte auf der rechten Rückseite die Farbe komplett in braun und grün gewechselt. Die letzten Kilometer bin ich dann förmlich geflogen. Vermutlich lag das weniger an meiner guten Fitness als vielmehr am Adrenalinschub, den so ein Sturz verursacht.

Schrecksekunde mit Folgen? Die negativen blieben in diesem Fall zum Glück aus. Zwei Schrammen, einige blaue Flecken. Dennoch: Auf weitere Stürze verzichte ich gerne. Da komme ich lieber etwas angestrengter ins Ziel.