Zu gute Zuhörer

Laufen ist Meditation. Wer läuft, lernt das Zuhören. Eine gute Eigenschaft, die manchmal aber auch lästig werden kann. Warum, beschreibt TV-Laufexperte Rainer Neubert in seiner aktuellen Kolumne.

Läufer sind gute Zuhörer. Sie lauschen auf die Natur, genießen den gleichmäßigen Takt der eigenen Schritte, der im Idealfall gemeinsam mit dem Rhythmus der Atmung eine dynamisch-harmonische Klangfolge bildet. Manche Jogger lassen sich das von Beats aus dem MP3-Player zusätzlich untermalen. Andere Zeitgenossen nutzen die Meditation des Laufens, um einem Hörbuch oder Podcast zu lauschen.

In laufender Gesellschaft verhindert die sportliche Betätigung in der Regel ausufernde Monologe. Streckenprofil und Tempo steuern die Länge von Sätzen. Je steiler und schneller, desto angenehmer empfindet der Zuhörer seine Rolle. Gemeinsames Schweigen kann eine Wohltat sein.

Läufer hören auf ihren Körper. Im Training und besonders im Wettkampf signalisiert der, wenn es ihm gutgeht, wenn es eng wird, wenn es besser ist, etwas langsamer zu machen.

Alles gut und schön und wichtig. Aber manchmal neigen Läufer auch beim Zuhören zur Übertreibung. Wenn das Knie schmerzt, die Achillessehne zwickt oder die Fußsohle muckt, dann ist es gut und wichtig vorsichtig zu sein. Vollgas zu geben ist erst dann sinnvoll, wenn die Beschwerden weitgehend oder vollständig verschwunden sind. Aber wann ist das so? War da nicht ein Zwicken in der Sehne? Nein … Oder doch? … Dieser dumpfe Schmerz … ach nee, da ist doch nichts … wirklich? … Aber vielleicht …

Dass es beim Laufen mal hier, mal dort ziept und zwickt, zieht und zwackt, ist normal. Wer fit und verletzungsfrei ist, schenkt dem keine Beachtung, spürt das nicht einmal. Wer verletzt war und dem beschwerdefreien Laufen entgegenfiebert, neigt zum Hypochonder.

Läufer sind gute Zuhörer, manchmal zu gute.