Para-Leichtathletik Comeback als Prothesen-Läufer

Schweich/Manderscheid · Fritz Kretzschmar aus Manderscheid läuft erstmals nach 18 Jahren wieder - und zwar mit Prothese. Der 45-Jährige war einer der außergewöhnlichsten Starter beim zehnten Schweicher Fährturmlauf.

 Trotz Bein-Amputation lief der 45-jährige Fritz Kretzschmar aus Manderscheid beim Schweicher Fährturmlauf fünf Kilometer in rund 50 Minuten.

Trotz Bein-Amputation lief der 45-jährige Fritz Kretzschmar aus Manderscheid beim Schweicher Fährturmlauf fünf Kilometer in rund 50 Minuten.

Foto: Holger Teusch

Ausgepumpt aber glücklich stand Fritz Kretzschmar am vergangenen Samstagnachmittag im Ziel des Schweicher Fährturmlaufs. Hinter ihm scharrte mehrere Dutzend Kinder für einen der Volksfreund-Lucky-Läufe in Erwartung auf den Startschuss nervös mit den Füßen. In der allgemeinen Aufregung der ersten großen Laufveranstaltung des Jahres ging die Leistung des 45-Jährigen unter. Die reinen Zahlen lesen sich auf den ersten Blick auch wenig beeindruckend: fünf Kilometer in 50:36 Minuten. Doch Kretzschmar lief die Strecke mit Prothese.

„Es war super anstrengend. Mein Techniker von Kersting sagt, dass ich etwa 60 Prozent mehr Energie brauche, als Zweibeiner“, erzählt Kretzschmar. So lange Strecken kann er auch nicht komplett laufend bewältigen. Gehpausen sind nötig. Aber auch die absolvierte Kretzschmar beim Fährturmlauf flott, um das angestrebte Ziel, die Strecke unter einer Stunde zu absolvieren, zu erreichen. Dabei halfen ihm der ihn betreuende Orthopädietechniker Stefan Sohn, seine Arbeitskollegin Sonja Philippi sowie Neffe Paul Kretzschmar mit Freundin Katharina Welsch. Er habe denen vor dem Start gesagt, sie sollten doch für sich (und schneller) laufen. „Aber die haben alle gesagt: Wir sind hier angetreten, um mit dir zu laufen“, freut sich Fritz Kretzschmar. Motivierend war für den Familienvater außerdem die Anfeuerung von anderen Läufern und Zuschauern: „Wo gar keiner stand, musste ich schon ganz schön kämpfen.“

„Für mich waren diese fünf Kilometer ein ganz großes Ding“, betont Kretzschmar die Bedeutung des Schweicher Fährturmlaufs für ihn. „Morgens war ich aufgeregt wie ein kleines Kind an Weihnachten.“ Es war sein erster offizieller Lauf seit 18 Jahren. Beim Osterlauf in Grevenmacher lief Kretzschmar 2004 zehn Kilometer in 49:49 Minuten. Hätte er 100 Meter vor dem Ziel nicht auf die Zehn-Kilometer-Läufer warten müssen, es wäre eine Punktlandung geworden.

Zwischen den Läufen in der luxemburgischen Grenzstadt und Schweich lag für Kretzschmar eine schwere Zeit. Bei einer Routine-Operation 2005 infizierte sich der gelernte Schreiner und Holztechniker mit Krankenhauskeimen (MRSA und Streptokokken), die sein rechtes Knie befielen. Es folgte eine Odyssee mit 25 weitere OPs. Einige Male war die Lage des gebürtigen Trierers lebensbedrohlich. Einmal so sehr, dass die Ärzte ihn für zwölf Tage in ein künstliches Koma versetzten. Letztlich gab es nur noch zwei Möglichkeiten: Versteifung des rechten Beins oder Amputation.

Bereut hat Kretzschmar es nicht. Er wandert wieder viel und läuft bis zu dreimal pro Woche. Montags fährt er sogar nach Leverkusen, um in der Para-Breitensportgruppe von Sara Grädtke, der Trainerin zahlreicher Paralympics-Teilnehmer, zu trainieren. „Das tut gut. Wir machen viel Koordination“, sagt Kretzschmar. Gut tut auch der Austausch mit Sportlern mit ähnlichem Schicksal.

Nach dem Fährturmlauf hat Kretzschmar als nächstes Ziel den virtuellen Trierer Stadtlauf im Blick. 2021 war der Ersatz für die Corona-bedingt in Präsenz ausgefallene Traditionsveranstaltung für ihn der Startschuss, auch mit Prothese wieder zu laufen. Gut drei Kilometer schaffte er damals. „Damals habe ich die Technik noch nicht so richtig beherrscht“, erklärt Kretzschmar. Diesmal dürften es mehr werden. Der Schweicher Lauf hat es gezeigt.

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