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Die Mütze, Olympia, Bundesliga und der Rekord von Johannes Brühl

50 Jahre 100-Meter-Bezirksrekord : Die Mütze, Olympia, Bundesliga und der Rekord

Seit 1970 hält Johannes Brühl den 100-Meter-Bezirksrekord. Der Trierer war auch in der engeren Auswahl für die Olympischen Spiele in München und klopfte ans Tor zum Fußball-Bundesliga-Mannschaft von Fortuna Düsseldorf.

Der schnellste Mann, der aus der Region Trier hervorgegangen ist, ist immer noch sportlich. „Ich fühle mich fit wie mit Mitte 50“, sagt Johannes Brühl, der seit einem halben Jahrhundert mit 10,3 Sekunden den Bezirksrekord über 100 Meter hält. Im Fitnessraum in seinem Haus im nordrhein-westfälischen Korschenbroich gehört das morgendliche Training für den pensionierten Sportlehrer zur täglichen Routine.

1970 war sein großes Jahr. Am 9. September lief er in Königswinter 10,3 Sekunden über 100 Meter. Das war nicht nur Bezirks-, sondern auch (für 18 Jahre) Rheinland-Rekord. „Ich weiß noch genau, wie es damals war. Die Zeitnehmer haben gesagt, dass zweimal 10,2 Sekunden und zweimal 10,3 Sekunden gestoppt wurde“, erzählt Brühl. Die Resultate wurden noch per Hand ermittelt. An diesem Abend saßen etwa zehn Zeitnehmer auf der damals üblichen Leiter auf Höhe der Ziellinie.

Als pensionierter Sportlehrer lässt es Johannes Brühl mittlerweile zwar ruhiger angehen, fit ist der 68-Jährige, der 1970 mit 10,3 Sekunden den heute noch gültigen 100-Meter-Bezirksrekord aufstellte, aber immer noch. Foto: TV/privat

„Ich war wie in Trance“, sagt Brühl. Er hatte nicht nur den Detmolder Klaus Ehl, der zwei Jahre später bei den Olympischen Spielen in München Bronze mit der bundesdeutschen 4 x 100-Meter-Staffel gewann, geschlagen, sondern auch 10,0-Sekunden-Läufer Gert Metz (Mainz). „Ich wusste, das habe ich mir erarbeitet. Nur mit dem tollen Training von Volkhart Rosch war das möglich“, resümiert Brühl.

Zur Leichtathletik kam der in Trier-Ehrang aufgewachsene schnelle Mann, als er acht oder neun Jahre alt, seinen Vater, der beim TSC Pfalzel in der Feldhandball-Oberliga gespielt hatte, im spielerischen Rennen hinter sich ließ. Johannes Brühl trainierte anschließend beim Post-Sportverein Trier (PST) bei Heinz Wiegand und Hubert Huppertz. Letzterer machte ihn zu einem guten 110-Meter-Hürdenläufer (14,8 Sekunden). Aber mit 1,77 Meter war er zu klein für die 1,06 Meter hohen Hindernisse. „Volkhart Rosch hat mich gesehen und gesagt: Der Junge muss 100 Meter laufen“, erzählt Brühl, wie der legendäre, 2017 verstorbene PST-Trainer auf ihn aufmerksam wurde.

Johannes Brühl (2. v.l.) lief nicht nur den 100-Meter-Bezirksrekord von 10,3 Sekunden, sondern stellte zusammen mit Peter Stemmermann (2. v.r.), Lothar Reintrog (links) und Manfred Kuhnen (rechts) unter Trainer Volkhart Rosch (Mitte) die Bestmarken über 4 x 100 Meter und 4 x 400 Meter auf. Foto: TV/privat

Er erinnert sich an seinen ersten Waldlauf mit der erfolgreichen Sprintergruppe, zu der auch 400-Meter-Bezirksrekordler Manfred Kuhn und der jetzige PST-Leichtathletik-Abteilungsleiter Günter Heidle gehörten. Seine Teamkollegen hätten ihm eingebläut, er solle eine Schirmmütze mitbringen. Der kaum 19-Jährige wunderte sich, tat aber wie geheißen. „Wir waren so etwa drei Kilometer gelaufen, da hieß es, ich solle die Mütze ins Gesicht ziehen“, erzählt Brühl. Er konnte nur noch auf den Boden schauen, als es schier endlos (zum Schusterskreuz) bergauf ging. „Wenn ich das Ende gesehen und mich die Trainingskameraden nicht so angefeuert hätten, ich hätte aufgegeben“, vermutet er.

Nach seinem 10,3-Sekunden-Sprint kam Brühl 1971 in die Auswahl der besten Acht für die bundesdeutsche Olympiastaffel. Doch dann stoppte den Abiturienten des Hindenburg-Gymnasiums, der mittlerweile ein Sport- und Pädagogikstudium in Mainz begonnen hatte, ein Muskelfaseranriss. „Das hat mich ein bisschen runtergezogen.“

1973 eröffnete er Rosch, dass er zwar weiterhin Leichtathletik treiben, aber auch seinem Fußball spielenden Bruder nach Ehrang folgen wolle. „Ich war eigentlich schneller als der Ball“, sagt Brühl lachend. Als sein Bruder ein Angebot vom Rheinlandligisten FC Bitburg erhielt, machte Andreas Brühl zur Voraussetzung, dass Johannes mitkommen könnte. So kickte der Sprint-Bezirksrekordler 1977 gegen die Amateure des Bundesligisten Fortuna Düsseldorf in der Endrunde um die Deutsche Amateurmeisterschaft. Der pfeilschnelle Stürmer fiel auf, bekam ein Angebot der Fortuna. Für seinen Wechsel an den Niederrhein verlangte Brühl die Vermittlung einer Lehrerstelle. „Drei Tage später sollte ich mich bei einem Gymnasium vorstellen“, erzählt er. Plötzlich ging alles ganz schnell.

In Düsseldorf war Brühl der einzige aus der Verbandsliga-Mannschaft, der auch bei den Profis unter Dietrich Weise mittrainierte. Drei Spieleinsätze in der Vorbereitungszeit hatte er im Bundesligateam. Dass er unter anderem mit Klaus Allofs auflaufen durfte, machte ihm nicht nur Freunde in der zweiten Mannschaft. Es sei nicht das Miteinander gewesen, dass er vom PST kannte. „Hier war Konkurrenzkampf und Neid.“ Seine Schnelligkeit wurde Brühl zum Verhängnis. Nur Fouls konnten ihn stoppen. Es folgten Verletzungen.

Johannes Brühl (2. v.r.) lief nicht nur den 100-Meter-Bezirksrekord von 10,3 Sekunden, sondern stellte zusammen mit Peter Stemmermann, Lothar Reintrog (von links) und Manfred Kuhnen (rechts) die Bestmarken über 4 x 100 Meter und 4 x 400 Meter auf. Foto: TV/privat

Das sei aber letztlich nicht ausschlaggebend dafür gewesen, dass sich seine Fußballkarriere schnell zum Ende neigte. Die Belastung als Lehrer sowie Training in erster und zweiter Mannschaft war zu groß. Der Weg nach Düsseldorf sei aber richtig gewesen. Denn an einer Eliteschule des Sports habe er seinen Traumberuf ausüben können. „Das war eine Aufgabe, in der ich voll aufgegangen bin“, sagt Brühl zufrieden.