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Sommerserie Nachtschicht
Auf dem Laufband um Mitternacht (Video)

Uwe Jirjahn bezeichnet sich selbst als Nachteule. Da er tagsüber immer viel zu tun hat, hat auch er sein Training in die Nacht verlagert.
Uwe Jirjahn bezeichnet sich selbst als Nachteule. Da er tagsüber immer viel zu tun hat, hat auch er sein Training in die Nacht verlagert. FOTO: TV / Patricia Prechtel
Trier. Die To-do-Listen werden länger und länger, doch der Tag hat nun einmal nur 24 Stunden. Für Freizeit bleibt da oft wenig Zeit. Es sei denn, man verlagert sie in die Nacht. Von Patricia Prechtel
Patricia Fee Prechtel

Am gegenüberliegenden Moselufer versinkt die warme Sommersonne hinter den roten Felsen. Die Straßen leeren sich, die Stadt wird immer leiser. Auf der Zurmaienerstraße sind nur noch vereinzelt Autofahrer unterwegs, die Lichtreklamen an Geschäften rechts und links springen an. Es wird Nacht. Uwe Jirjahn geht zum Sport.

Der Zeiger der Uhr im Studio geht auf Mitternacht zu. Ein Mann trainiert auf dem Laufband und hört dabei Musik, einen Raum weiter stemmt eine junge Frau Gewichte. Die Klimaanlage läuft und versucht, die warmen Temperaturen in der großen Halle für die noch anwesenden Sportler erträglich zu machen. Ab und zu zieht ein Luftzug durch, die Eingangstür steht offen.

Nur Mitglieder mit einer gültigen Karte können durch das Drehkreuz ins Studio. Ab 22 Uhr ist nur noch eine Reinigungskraft vor Ort, deren Aufgabe neben der Reinigung auch die Aufsicht über das Fitnessstudio ist. Zehn Stunden ist sie da, bis wieder ein Trainer kommt. Die Reinigungskräfte geben den Trainierenden keine Tipps, was sie bei ihren Übungen anders machen könnten. Sie haben aber immer ein Handy dabei und können im Notfall, etwa falls sich jemand beim Training verletzt, die Polizei oder einen Krankenwagen rufen. Denn es muss zu jeder Zeit eine Ansprechperson im Studio sein. Das bedeutet: Auch wenn das Reinigungspersonal eine Pause macht, macht es diese im Studio. Das McFit in Trier hat jeden Tag im Jahr 24 Stunden lang geöffnet. Diese Entwicklung ist mittlerweile in verschiedenen Fitnessstudios angekommen.

Uwe Jirjahn, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Trier, mag es, in der Nacht zu trainieren. Der große Mann mit den leicht grauen Haaren kommt schon seit mehreren Jahren in dieses Studio. „Es tut gut, die Gedanken einfach schweifen zu lassen und abzuschalten“, sagt er.

Er nimmt sich abends die Zeit, denn dann sei es für ihn „viel entspannter“, erzählt er. „Ich bin eine Nachteule, schon immer.“ Manchmal trainiere er bis zwei Uhr nachts. Der Nachmittag ist oft mit anderen Dingen vollgestopft: Er wolle auch seine Freizeit genießen und etwa mal einen Kaffee trinken oder er müsse der Pflicht nachkommen und arbeite auch zu Hause, sagt er. Oft muss er abends den nächsten Tag vorbereiten oder er unternimmt etwas. „Früher habe ich auch abends trainiert, aber das hat sich immer mehr nach hinten verschoben.“ Bei Uwe Jirjahn geht es nach einem Tag mit viel Programm vier bis fünfmal pro Woche ins Fitnessstudio.

Da stellt sich die Frage: Passt sich der Mensch seinem Tag an oder der Tag dem Menschen? Dieser Gedanke trieb schon den bekanntesten Sohn Triers, Karl Marx, um: „Die Menschen machen ihre eigene Geschichte – aber nicht auf die Art und Weise, wie sie ihnen gefällt, sondern durch Umstände, die sie nicht selbst gewählt haben.“

Für Uwe Jirjahn ist dagegen klar: Er hat selbst entschieden, nachts aktiv zu sein. Er mag es, für ihn ist es eine Art der Entspannung, spät abends zu trainieren. Am Anfang sei der Sport eine Notwendigkeit gewesen, heute mache er ihm Spaß. „Und mit 54 Jahren ist es ja auch gut, was zu tun.“ Ganz von der Arbeit abschalten kann er manchmal aber auch nicht. Denn es trainieren auch Studenten im McFit. „Die Reaktionen, wenn wir uns treffen, sind unterschiedlich“, sagt er und lacht dabei. „Manche geben gerne Ratschläge, andere unterhalten sich ein bisschen – und manchen ist es eher peinlich.“

Nachts zu trainieren, dafür hat sich auch Jessica Lautwein entschieden. Auch sie hat zunächst tagsüber trainiert, dann ihren Rhythmus weiter nach hinten verschoben.

„Es ist definitiv weniger los als zu den Stoßzeiten. Man muss nicht lange auf die Geräte warten, und auch das Klima ist angenehmer. Es ist dann nicht so stickig, gerade jetzt im Sommer.“ Die 18-jährige Schülerin hat teilweise bis in den Nachmittag Schule. Gerade an solchen Tagen sei es ihr wichtig, danach erst mal abzuschalten, etwas zu essen und zu lernen.

Also geht sie spät oder nachts zum Sport. Trainiert sie normalerweise zwischen 22 und 24 Uhr, kann es in den Ferien auch mal 4 Uhr nachts sein. Angst, alleine unterwegs zu sein, hat die blonde Sportlerin nicht. „Meine Mama sagt mir immer, ich soll auf mich aufpassen. Aber ich kann kickboxen“, sagt sie und lacht. Dass sie so spät trainieren und am nächsten Tag in die Schule gehen kann, verdankt sie der Tatsache, dass sie nicht viel Schlaf braucht, wie sie sagt. Gerade jetzt, da sie nach den Ferien in die 13. Klasse gekommen ist und sich auf ihr Abitur vorbereitet, ist das Training wichtig. Zu Hause gelinge es ihr nicht immer, abzuschalten, sagt sie. Die sozialen Medien seien zu verlockend. Beim Sport werde der Kopf eher frei.

Nachts im Fitnessstudio. Passt sich nun der Mensch seinem Tag an oder der Tag dem Menschen? Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Zwar gibt der Tag gewisse Linien vor, aber strukturieren kann der Mensch selbst. Für Dinge, die einem wichtig sind, findet sich fast immer ein bisschen Zeit.

Zu Beginn seines Trainings hat der Professor auch abends trainiert. Mit der Zeit hat sich seine Trainingszeit aber immer mehr nach hinten verschoben.
Zu Beginn seines Trainings hat der Professor auch abends trainiert. Mit der Zeit hat sich seine Trainingszeit aber immer mehr nach hinten verschoben. FOTO: TV / Patricia Prechtel
Uwe Jirjahn und Jessica Lautwein im McFit
Uwe Jirjahn und Jessica Lautwein im McFit FOTO: TV / Patricia Prechtel
Uwe Jirjahn und Jessica Lautwein beim Sport
Uwe Jirjahn und Jessica Lautwein beim Sport FOTO: TV / Patricia Prechtel
Jessica Lautwein trainiert gerne nachts im McFit in Trier. Zunächst hat sie tagsüber trainiert, dann ihren Rhythmus weiter nach hinten verschoben.
Jessica Lautwein trainiert gerne nachts im McFit in Trier. Zunächst hat sie tagsüber trainiert, dann ihren Rhythmus weiter nach hinten verschoben. FOTO: TV / Patricia Prechtel
Jessica Lautwein kann beim Training gut abschalten und nutzt den Sport als Ausgleich zum Alltag.
Jessica Lautwein kann beim Training gut abschalten und nutzt den Sport als Ausgleich zum Alltag. FOTO: TV / Patricia Prechtel
Uwe Jirjahn und Jessica Lautwein im McFit
Uwe Jirjahn und Jessica Lautwein im McFit FOTO: TV / Patricia Prechtel