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Das Stützgewebe im Körper macht Karriere

Das muskuläre Bindegewebe, auch als Faszien bezeichnet, umschließt unsere Muskeln wie ein Netz. Darauf spielt der Faszien-Forscher und Therapeut Dr. Robert Schleip von der Universität Ulm an, der sich fürs Foto in ein Kletternetz gehängt hat. Foto: www.fascial-fitness.de
Das muskuläre Bindegewebe, auch als Faszien bezeichnet, umschließt unsere Muskeln wie ein Netz. Darauf spielt der Faszien-Forscher und Therapeut Dr. Robert Schleip von der Universität Ulm an, der sich fürs Foto in ein Kletternetz gehängt hat. Foto: www.fascial-fitness.de
Fast jeder hat mal Rückenschmerzen. Mehr als ein Drittel aller Deutschen hat sogar chronische Schmerzen im unteren Rücken, dem Lendenwirbelbereich. Die Wissenschaft hat das muskuläre Bindegewebe und seine Rolle für die Gesundheit lange unterschätzt. Johanna Bayer

Doch in den meisten Fällen bleiben die Ursachen ungeklärt. Die Bandscheiben im Lendenwirbelbereich sind nur in fünf Prozent der Fälle Auslöser für den Schmerz im Kreuz. Und nach Operationen kehren die Probleme meistens zurück. So halten chronische Rückenschmerzen einen der Spitzenplätze unter den Ursachen für Arbeitsunfähigkeit und Frührente. Über Jahrzehnte hinweg verfolgten Mediziner eine ganze Reihe von Ursachen: neben den Bandschreiben auch Wirbel, Nerven, verkrampfte, schwache oder falsch belastete Muskeln, Fußfehlstellungen oder schief stehende Becken.80 Prozent der Fälle ungeklärt


Doch von diesen üblichen Verdächtigen können die Ärzte in den meisten Fällen keinen dingfest machen: Mindestens 80 Prozent der Fälle bleiben bisher ungeklärt, ohne erkennbare organische Ursache. Selbst wenn auf dem Röntgenbild eindeutig ein Bandscheibenvorfall oder abgenutzte Wirbel zu sehen sind, bereiten diese nicht unbedingt Beschwerden. Man weiß aus Studien, dass viele Menschen trotz solcher Befunde keine Schmerzen haben. Andere hingegen, deren Bandscheiben und Wirbel auf dem Röntgenbild intakt erscheinen, können vor Schmerzen nicht mehr lange stehen oder gehen.
Seit Kurzem ist ein neuer Akteur auf den Plan getreten: das Bindegewebe, auch Faszien genannt. Es ist das weiße Geflecht im Körper, das unter der Haut die Muskeln und Muskelbündel, aber auch alle Organe umhüllt sowie Sehnen bildet. Im Rücken bestehen zum Beispiel die Bänder, die die Wirbel zusammenhalten und auch die Bandscheiben umschließen, aus Bindegewebe. Oberhalb des Beckens liegt die größte Faszie des Körpers, die Lendenfaszie. Sie verbindet wie ein großes weißes Blatt die Rückenmuskeln mit dem starken Gesäßmuskel und den Oberschenkeln.
Was sich in dieser Lendenfaszie abspielt, glauben Forscher jetzt, könnte maßgeblich zu den ungeklärten Rückenschmerzen beitragen. Dass solche Faszien überhaupt eine Art Eigenleben haben, hielt man lange Zeit für unerheblich. Die Wissenschaftler glaubten, dass das Bindegewebe im Körper nur totes Füllmaterial ist, das Organe und Haut abpolstert, Muskelgruppen mechanisch verbindet oder als Sehne für Zug am Knochen sorgt. Schließlich besteht das Bindegewebe hauptsächlich aus Kollagenfasern und Wasser - Material, das man für passiv hielt.
Doch neuere Forschungen haben gezeigt, dass das Bindegewebe viele Funktionen hat: Es stützt und formt den Körper, enthält auch Lymph- und Blutgefäße und ist mit vielen Nervenendigungen, Schmerz- und Bewegungssensoren versehen. Die zahlreichen verschiedenen Sensoren machen es sogar zu einem eigenen Sinnesorgan, das mit dem vegetativen Nervensystem verbunden ist und Signale ins Gehirn schickt. Speziell für die Wahrnehmung von Bewegungen des eigenen Körpers und Aktivitäten der Organe sind Botschaften aus dem Bindegewebe von großer Bedeutung. Würden sie die eigenen Bewegungen nicht spüren, könnten Menschen nicht aufrecht stehen oder gar gehen.Wichtige Rolle für die Muskeln


Für die Muskeln spielt das Bindegewebe eine weitere bedeutende Rolle. Denn Muskeln bestehen aus einzelnen Muskelfasern und Faserbündeln. Jede Faser und jedes Bündel aus roten Muskelzellen ist von einer feinen weißen Bindegewebshülle eingeschlossen. Diese Hüllen haben es in sich: Sie übertragen die Kraft, die aus dem Zusammenziehen der roten Zellen entspringt. Ohne diese Faszien würden die Muskeln auseinanderfließen wie ein zu weicher Pudding und könnten ihre Arbeit nicht verrichten. Die Energie aus der Kontraktion würde verpuffen.

Geschädigtes Bindegewebe ist neuer Hauptverdächtiger bei Rückenschmerzen

Das muskuläre Bindegewebe im menschlichen Körper, auch als Faszien bezeichnet, wird erst jetzt gründlich erforscht. Es spielt eine wesentliche Rolle bei der Kraftübertragung, der Körperwahrnehmung und bei Rückenschmerzen.

Ulm. (jb) Dr. Robert Schleip ist als Faszienforscher an der Universität Ulm den Geheimnissen unseres Bindegewebes auf der Spur. Der studierte Psychologe beschäftigt sich mit Bindegewebe, seit er in den 1980er Jahren eine Ausbildung in alternativer Körpertherapie begann, dem sogenannten Rolfing. Diese Massagemethode wurde in den USA seit etwa 1940 entwickelt und geht zurück auf die Biochemikerin Ida P. Rolf, die das Bindegewebe als maßgebliche Körperstruktur ins Auge fasste. Statt den Muskeln messen Rolfing-Therapeuten dem Bindegewebe eine überragende Rolle bei Verspannungen zu - auch bei Rückenschmerzen. Rolfer arbeiten auf dem freien Therapiemarkt, die Patienten bezahlen privat.
Robert Schleip eröffnete in München eine eigene Praxis, die gut ging. Trotz spürbarer Erfolge genügte ihm jedoch mit der Zeit die Theorie seiner eigenen Schule nicht mehr. Von Energiefluss und Blockaden war da die Rede, und es herrschte die Vorstellung, dass der Rolfer das Bindegewebe durch Druck mit den bloßen Händen verformen kann wie Knetmasse. "Das eine war esoterisch, das andere unplausibel, und da wollte ich einfach wissen, was naturwissenschaftlich hinter unserer Methode steckt", sagt Schleip.
Nach 25 Jahren alternativer Bindegewebsmassage ging der Körpertherapeut in die harte Wissenschaft. An der Universität Ulm begann er, Bindegewebe im Labor zu untersuchen. Er entwickelte eigene Messapparate, in die er Faszienstücke einspannte und verschiedenen körpereigenen Botenstoffen aussetzte. Seine These war, dass Stress sich auf die Faszien auswirkt. Tatsächlich zeigte sich, dass Faszien sich eigenständig, unabhängig vom Muskel, zusammenziehen können. Sie kontrahieren, wenn man ihnen Substanzen zusetzt, die im menschlichen Körper mit Stress in Verbindung stehen. Heute arbeitet Robert Schleip in seiner eigenen Faszien-Forschungseinheit in Ulm und gilt in Deutschland als der bekannteste Vertreter dieses Bereichs. Das alternative Image ist er losgeworden, seit er auf internationalen Kongressen mit Schmerzforschern und Sportmedizinern auf dem Podium sitzt, selbst Kongresse organisiert und ein Netzwerk der Faszienforschung geschaffen hat. "Praktisch jeden Tag kommt neues Wissen dazu, aus der ganzen Welt", berichtet er.
Das gilt auch für Rückenschmerzen. Die haben die Faszienforscher speziell im Visier, denn die große Rückenfaszie, die eine der dicksten Faszien im menschlichen Körper ist, lässt sich seit Kurzem mit neuartigen Ultraschallgeräten untersuchen.
Schon in früheren Studien konnte gezeigt werden, so die Neurophysiologin und Ärztin Dr. Heike Jäger, die mit Robert Schleip zusammenarbeitet, dass bei Rückenpatienten die Faszien im unteren Rücken verdickt sind und dass der gesamte Bereich dort schmerzempfindlicher ist. Die Ulmer gehen dem nach.
Stress als Auslöser der Schmerzen liegt nach Schleips eigenen Forschungen nahe, aber es könnte auch anderes dahinterstecken, wie ein Rücken- und Schmerzforscher aus den USA erstmals vermutete: kleine Wunden und Risse in der Lendenfaszie, die etwa beim falschen Heben, bei plötzlichen Belastungen oder falschem Training entstehen können. Diese kleinen Verletzungen führen dann möglicherweise zu Entzündungen im Fasziengewebe.
Da die Lendenfaszie für die reibungslose Koordination der vielen starken Muskeln in Rücken- und Beckenbereich zuständig ist, hat das Folgen. Die Muskeln verkrampfen sich und der tiefe Kreuzschmerz ist da - ohne jeden Befund auf dem Röntgenbild. Denn das bildet Weichteile wie Bindegewebe nicht ab, sondern zeigt nur die - meist unschuldigen - Wirbel.
Weitere Indizien liefern die Entdeckungen des Mannheimer Muskel- und Schmerzforschers Professor Dr. Siegfried Mense. Die große Lendenfaszie ist besonders dicht mit Schmerzrezeptoren besiedelt. Verletzungen oder Dauerbelastungen können diese Schmerzrezeptoren überreizen, so dass der Schmerz chronisch wird. Weltweit werden inzwischen solche Vorgänge in den Faszien und ihr Anteil am ungeklärten Rückenschmerz diskutiert, und das könnte bald Auswirkungen auf Behandlung und Vorbeugung haben.
"Wir glauben, dass die Lendenfaszie speziell gedehnt werden muss, und zwar bei rundem Rücken. Also mit speziellen Beugungen und Dehnungen. Wichtig sind aber auch Anreize durch federnde Bewegungen", sagt Robert Schleip, der ein Trainingsprogramm entwickelt hat, das speziell auf die Faszien eingeht.
www.fascial-fitness.de

Extra: Faszien

Das muskuläre Bindegewebe im menschlichen Körper, auch als Faszien bezeichnet, wird erst jetzt gründlich erforscht. Dr. Robert Schleip ist als Faszienforscher an der Universität Ulm den Geheimnissen des Bindegewebes auf der Spur. Der studierte Psychologe beschäftigt sich damit, seit er in den 1980er Jahren eine Ausbildung in alternativer Körpertherapie begann, dem sogenannten Rolfing. Rolfing-Therapeuten messen dem Bindegewebe eine überragende Rolle bei Verspannungen zu - auch bei Rückenschmerzen. Schleip entwickelte in Ulm Messapparate, in die er Faszienstücke einspannte und verschiedenen körpereigenen Botenstoffen aussetzte. Seine These war, dass Stress sich auf die Faszien auswirkt. Tatsächlich zogen sich die Faszien unabhängig vom Muskel zusammen. Heute arbeitet Schleip in seiner eigenen Forschungseinheit und gilt in Deutschland als der bekannteste Faszien-Forscher. jb