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Wenn ein scharfes Messer in den Muskel zischt

Wenn ein scharfes Messer in den Muskel zischt

Studien zufolge betreffen rund ein Drittel aller Sportverletzungen die Muskulatur. Besonders gefürchtet ist der Muskelfaserriss. Wie entsteht er? Und wie wird er behandelt?

Trier. Der Fall Jürgen Klinsmann machte als Wunderheilung Schlagzeilen. Bei der Fußball-Europameisterschaft 1996 erlitt Deutschlands damaliger Stürmer Nummer eins im Viertelfinale gegen Kroatien einen Muskelfaserriss. Der Aufschrei war groß, die spätere Final-Teilnahme mehr als in Gefahr. Doch binnen einer Woche kurierte er dank intensiver medizinischer Betreuung seine Verletzung aus. Im Endspiel gegen Tschechien stand er in der Startelf.
Serie "Sport ist Mord…" Teil 1

 Sportmediziner Dr. Bernd Belles aus Gusterath (Kreis Trier-Saarburg). Foto: privat
Sportmediziner Dr. Bernd Belles aus Gusterath (Kreis Trier-Saarburg). Foto: privat


Die Blitzheilung des Schwaben - bis heute wird sie immer wieder thematisiert. Bei vielen anderen Fußballern ist ein Muskelfaserriss dagegen nur eine Randnotiz. Woche für Woche erwischt es Bundesliga- oder Kreisligaspieler. Und nicht nur sie. "Läufer, Speerwerfer, Turner, Handballer oder Basketballer sind genauso betroffen", sagt Dr. Bernd Belles, Facharzt für Sportmedizin aus Gusterath (Kreis Trier-Saarburg). Oberschenkel, Wade, Oberarm, Schulter - sowohl die oberen als auch unteren Ex tremitäten sind anfällig. Vor allem in Sportarten, in denen es viele Sprints und Stopps gibt.
Definition: Bei einem Muskelfaserriss zerreißen einzelne Fasern im Muskel. Umliegende Blutgefäße werden geschädigt, es bildet sich ein Hämatom (Bluterguss). Sind komplette Muskelbündel durchtrennt, spricht man von einem Bündelriss (Indizien dafür sind eine Delle oder Beule). Weniger schlimm erwischt es einen Sportler, wenn er sich eine Zerrung zuzieht. Hierbei sind die kleinsten funktionellen Einheiten des Muskels, die sogenannten Sarkomere, über das normale Maß hinaus gedehnt.
Symptome: "Ein Riss löst einen stechenden Schmerz aus - so, als ob ein scharfes Messer in den Muskel zischt. Eine Zerrung fühlt sich dagegen wie eine dumpfe Spannungsänderung an", sagt Dr. Belles.
Therapie: Bei der Behandlung einer Zerrung oder eines Faserrisses zählt Schnelligkeit. "Jede Minute, die ich für die Erstversorgung versäume, kostet mich womöglich einen Tag im Heilungsprozess", warnt Dr. Belles.
Für die Erstversorgung sollte die sogenannte PECH-Regel angewandt werden: P wie Pause, E wie Eis, C wie Compression, H wie Hochlagern. Wer feststellt, sich eine Muskelverletzung zugezogen zu haben, sollte direkt pausieren und die betroffene Körperpartie mit Eis behandeln. "Am besten ist es, einen in Eiswasser getränkten Schwamm - sogenanntes ,hot ice\' - auf die betroffene Stelle zu legen und einen elastischen Druckverband anzulegen", sagt der Gusterather Sportmediziner. Der Druckverband hilft, Einblutungen im Muskel zu verhindern und sollte auch beim Duschen angelegt bleiben. Durch die Kühlung sollen auftretende Entzündungen und Schwellungen bekämpft werden. Von Eispacks rät Dr. Belles ab: "Sie führen zu Erfrierungssymptomen auf der Haut. Deshalb lieber das ,hot ice\', heißes Eis!"

Nach der Erstversorgung sollten Sportler die betroffene Körperpartie schonen (hochlagern). Eine Ultraschall-Untersuchung gibt exakten Aufschluss über die genaue Art der Verletzung. Je nach der Schwere empfiehlt Dr. Belles unter anderem Infusionen mit Vitaminen, Elektrolyten, Spurenelementen und Homöopathika, physiotherapeutische Anwendungen oder entzündungshemmende Medikamente.
Ursachen: Für Zerrungen oder Risse gibt es eine Reihe möglicher Auslöser. Ein banaler Grund: Zu kalte Muskeln. "Richtiges Aufwärmen ist daher wichtig", sagt Dr. Belles. Neben einer Überlastung und Ermüdung sind aber auch Blockierungen im Bereich der Wirbelsäule und Gelenke sowie muskuläre Ungleichgewichte die Ursache. Dr. Belles erklärt: "Jeder Muskel hat eine bestimmte Spannung. Durch Fehlstellungen im Bereich des Beckens, der Wirbelsäule, des Knies, der Füße oder auch infolge verschieden langer Beine kommt es zu anderen Spannungsverhältnissen in den Muskeln. Ist dann zum Beispiel die Vorspannung erhöht, steigt das Risiko eines Faserrisses."
Problematisch ist aus Sicht des 49-Jährigen außerdem ein Elek trolytmangel - bedingt etwa durch eine Fehlernährung. Auf den ersten Blick kurios wirkt, dass zum Beispiel auch entzündete Weisheitszähne oder eine chronische Mandelentzündung einen Faserriss begünstigen können. Dr. Belles: "Durch eine Entzündung kommt es zu Nervenimpulsen, die andernorts in Muskelzellen Spannungsänderungen hervorrufen können."
Dauer: Eine Zerrung sollte bei optimaler Therapie nach fünf bis sieben Tagen abklingen, sagt der Sportmediziner. Ein Faserriss ist je nach Größe frühestens nach zehn bis 14 Tagen so weit ausgeheilt, dass man wieder sportartspezifisch belasten kann. Dabei gilt grundsätzlich: Die Belastung langsam steigern. Gehen, lockerer Dauerlauf (bei der Zerrung ab dem ersten Tag, beim Faserriss in der Regel ab dem fünften Tag), Tempoläufe und Sprints. Erst wenn keine Beschwerden mehr vorliegen, sollte sich der Sportler den gewohnten Wettkampfbelastungen aussetzen.
"Man darf auf keinen Fall in den Schmerz reintrainieren", sagt Dr. Belles. Die Gefahr: Ein Bluterguss könnte sich abkapseln, fest werden und zu dauerhaften Schmerzen führen. Im schlimmsten Fall könnte das in einer Operation enden.
Prävention: Sportler können das Risiko für Zerrungen und Faserrisse reduzieren: Richtiges Aufwärmen (mit verschiedenen Koordinationsübungen) hilft laut Dr. Belles ebenso wie die Überprüfung des eigenen Trainings. Einseitige Belastungen zum Beispiel durch schlechtes Schuhwerk, Probleme in der Körperstatik, muskuläre Ungleichgewichte oder ungünstige Bewegungsabläufe gilt es auszumerzen.