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60 Silvesterlauf-Runden für Amokfahrt-Opfer im Wittlicher Gefängnishof

Gedenk-Silvesterlauf : 60 Silvesterlauf-Runden im Gefängnishof für die Opfer der Amokfahrt

25 junge Männer in der Jugendstrafanstalt Wittlich beteiligten sich am virtuellen Silvesterlauf für die Opfer der Trierer Amokfahrt vom 1. Dezember. Ihre Solidarität mit den Opfern ist groß.

Es ist kalt, es regnet, sogar ein bisschen Schnee rieselt aus dem stahlgrauen Himmel auf den Werkhof der Jugendstrafanstalt (JSA) Wittlich. Es ist ein Silvestertag, der zum abgelaufenen Jahr 2020. Aber nicht nur auf den Straßen und Wegen in ganz Deutschland, auch hinter den dicken Gefängnismauern trotzen Menschen der Tristesse einen Funken Hoffnung ab. 25 junge Männer der Jugendstrafanstalt Wittlich beteiligen sich am virtuellen Gedenklauf für die Opfer der Amokfahrt durch die Trierer Fußgängerzone am 1. Dezember.

„Unsere Jugendlichen waren von der Amokfahrt in Trier schockiert“, erzählt JSA-Anstaltsleiter Jürgen Thum. Der Gefangene B. (18 Jahre) aus Trier habe erzählt, wie geschockt er war, als er von dem schrecklichen Ereignis mit vielen Toten gehört habe. Wie er rief auch ein anderer Gefangener aus Trier (N., 20 Jahre) zu Hause an und erkundigte sich, ob es den Angehörigen gut geht, ob jemand zum Zeitpunkt der Tat in der Stadt unterwegs war.

Der Kontakt zu ihren Familien ist dabei für die jungen JSA-Gefangenen durch die Corona-Pandemie noch schwieriger geworden. Der interne Tagesablauf mit Unterricht, Ausbildung innerhalb der JSA und Sport, auf den Thum als soziale Komponente und zum Abbau von Aggressionen sehr viel Wert legt, ist zwar weitgehend gleich geblieben. Lehre und Berufsschule außerhalb der Mauern haben durch Corona aber gelitten. Neue Häftlinge müssen zunächst auf eine Isolierstation. Besuche können nicht mehr empfangen werden. Stattdessen gibt es Videotelefonie. Viermal eine halbe Stunde pro Monat mit Voranmeldung und nur zu bestimmten Zeiten ist das möglich. „Ich gehe davon aus, dass unsere Gefangenen virusfrei sind“, erklärt Thum.

Insgesamt 25 Gefangene der Jugendstrafanstalt Wittlich liefen am Silvestertag mit der Gedenkstartnummer des Trierer Silvesterlaufs aus Solidarität zu den Opfern der Amokfahrt vom 1. Dezember acht Kilometer hinter Gefängnismauern. Foto: Jürgen Thum, JSA Wittlich

Der Anstaltsleiter erklärt, weshalb die Solidarität der jungen Männer mit den Opfern der Amokfahrt so groß ist. Er will nichts romantisieren, aber es gebe eine Art Kodex unter den Gefangenen: Verbrechen wie Diebstahl würden toleriert. „Aber es gibt No-Gos“, erklärt Thum.

Die Amokfahrt ist ein solches No-Go. Deshalb halten Kälte, Regen und Schnee 25 junge Straftäter nicht davon ab, ihre Runden beim Solidaritätslauf zu drehen. Zwei Gruppen, die nacheinander laufen, werden gebildet. Thum und das JSA-Sportteam mit Farid Ajlani, Ralf Klimperle und Martin Oeffling übernehmen die Aufsicht. Der personelle Aufwand soll minimal bleiben.

60 Mal müssen die jungen Männer den Werkhof umrunden, um auf die Silvesterlauf-Distanz von acht Kilometern zu kommen. Immer und immer wieder der gleiche, triste Ausblick auf die Mauern. Nicht nur eine körperliche, auch eine mentale Ausdauerleistung. Beim Laufen haben sie der Opfer gedacht, sagen die Gefangenen. Für D. (20 Jahre) aus Trier ist es wichtig mitzulaufen, weil es für einen guten Zweck ist.

Der Ehrgeiz die Strecke zu bewältigen, sei spürbar gewesen, erklärt Thum. Der Verein Silvesterlauf Trier spendet als Ausrichter des wegen Corona ausgefallenen Trierer Jahresabschlusslaufs 2400 Euro auf das offizielle Hilfskonto der Stadt. Mit der Aktion sollen weitere Spenden angestoßen werden. Und die jungen Männer hinter den Gefängnismauern sind durch ihr Engagement ein Teil davon. Sie gehören dazu.