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"Ich will in Trier als Sportlerin wachsen": Olympia-Sechste Gesa Krause im Volksfreund-Interview

"Ich will in Trier als Sportlerin wachsen": Olympia-Sechste Gesa Krause im Volksfreund-Interview

Vor der Porta Nigra hat Gesa Krause ein Trikot des Silvesterlauf-Vereins überreicht bekommen. Die Weltklasseläuferin startet ab 2017 überraschend für Trier. Im Interview spricht sie über die Hintergründe des Wechsels und Olympia.

Gesa Krause (2. v.l.) bei der Trikotübergabe durch den neuen geschäftsführenden Vorstand des Trierer Silvesterlauf-Vereins mit Pia Bösen, Egbert Ries und Christian Brand (v.l.). Foto: Holger Teusch

Die ab 2017 für Trier startende Europameisterin über 3000 Meter Hindernis sprach mit TV-Mitarbeiter Holger Teusch über die Hintergründe des Vereinswechsels von Frankfurt nach Trier, die anfängliche Enttäuschung nach den Olympischen Spielen und dass schon in alten Freundebüchern stand, dass zu Olympia wollte.

Als Europameisterin vom großen Frankfurt in die Provinzstadt Trier, was hat den Ausschlag für den Wechsel zum Silvesterlauf-Verein gegeben?
Gesa Krause: Ich habe mich im Laufe der Saison immer schon mal umgehört, was ich für Optionen habe. In Frankfurt war eine tolle Zeit. Ich bin glücklich über die letzten Jahre und dankbar für alles. Aber es war jetzt Zeit für etwas Neues. Ich glaube es ist wichtig, dass man sich immer mal wieder orientiert, was es noch für Möglichkeiten gibt. Eigentlich wollte ich nicht aus Hessen weg, weil ich ja von dort komme. Ich habe aber von Trier ein Angebot bekommen, bei dem es nicht nur primär ums Finanzielle geht, sondern um mich als Person. Wo ich Teil einer Laufbewegung, Teil des Silvesterlauf-Vereins bin, in dem ich mich mittlerweile auch heimisch fühle, nachdem ich hier fast jedes Jahr meinen Jahresabschluss und Saisonauftakt gefeiert habe. Es ist ein Gesamtpaket, von dem ich überzeugt bin, dass ich damit als Sportler wachsen kann. Aber auch etwas an die Region zurückgegeben kann, wo nicht so viel an geballtem Sport stattfindet. In Frankfurt war ich Teil einer großen Menge. Ich hoffe und denke, dass ich hier als Sportlerin und Läuferin wahrgenommen werde. Ich glaube, dass die Anerkennung hier sehr, sehr groß ist und das ist etwas, was mir sehr viel Motivation gibt.

Aber beim diesjährigen Silvesterlauf werden sie nicht in Trier sein?
Gesa Krause: Die Entscheidung gegen einen Silvesterlauf war schon sehr früh gefallen, weil eine Olympiasaison sehr lang und hart ist. Deshalb mache ich auch diesmal vor Weihnachten kein Höhentrainingslager. An Silvester werde ich nicht in Trier sein. Das war schon vor dem Wechsel anders geplant und leider nicht mehr rückgängig zu machen.

Was ändert sich durch den Wechsel für sie?
Gesa Krause: Prinzipiell erst einmal gar nicht so viel. Ich bleibe in Frankfurt wohnen. Ich habe eine schöne Wohnung gemeinsam mit meinem Freund. Meine Eltern wohnen in Mittelhessen, mein Trainer im Odenwald. Das ist ein Gefüge, das gut funktioniert. Ich bin froh, dass ich vom DLV weiterhin die Unterstützung für die Trainingslager erhalte. Ich muss mir aber drumherum ein Netzwerk aufbauen, in dem ich mich wohlfühle und gut arbeiten kann. Ich glaube nur so ist es mir möglich, optimale Leistung zu erbringen. Dazu gehört auch der Verein, der mich stärkt. Es nicht so wichtig, ob das in der Stadt ist, in der ich wohne. Es ist viel, viel wichtiger, wie groß der Kontakt ist. Wenn die Harmonie stimmt, sind räumliche Distanzen klein.
Kommende Saison werde ich von Januar bis Mai ganz normal in meine Trainingslager fahren. Dann fangen die Wettkämpfe an. In der Zeit bin ich kaum zu Hause. Ich habe zwar meinen Wohnsitz in Frankfurt, bin aber eigentlich ständig auf Achse. Aber wenn ich zurück komme, ist es wichtig, dass ich weiß: Ich habe mein Umfeld, in dem ich gut arbeiten kann.

Wolfgang Heinig ist nicht mehr Bundestrainer, bleibt aber ihr Trainer. Welche Bedeutung hat er für sie?
Gesa Krause: Er ist neben meinem Freund und meiner Familie die wichtigste Bezugsperson für mich. Der Sport nimmt sehr viele Stunden am Tag ein. Seien es Trainingsstunden, aber auch viele Gedanken drehen sich um den Sport. Ernährung, Lebensweise, alles dreht sich um meinen Trainingsalltag. Da ist Wolfgang Heinig mein Ansprechpartner Nummer eins. Er steht auf dem Platz, wenn ich Tempoläufe mache, ob es regnet oder schneit, ob es Minusgrade sind oder ob wir in Kenia in der Hitze schwitzen. Wenn ich ein offenes Ohr brauche, ist er da. Neben dem Trainerjob ist er zu einem Freund geworden, mit dem ich auch über etwas anderes reden kann. Ich bin sehr, sehr froh, dass er mir zur Seite steht. Er macht das aus Leidenschaft für den Sport. Ich möchte ihm natürlich auch etwas zurückgeben. Das ist primär die Leistung, aber auch ein harmonisches Verhältnis zwischen Trainer und Athlet.

2017 sind die Weltmeisterschaften in London. Was sind ihre Ziele für die kommende Saison?
Gesa Krause: Ich habe mich gar nicht so mit der WM beschäftigt. Dieses Jahr ging alles um Olympia und die EM - und dann sprechen alle schon von den Europameisterschaften 2018 in Berlin. Deswegen war London für mich immer ein bisschen aus den Augen, aus dem Sinn. Ich habe immer gesagt: 2017 mache ich viele Wettkämpfe. Da will ich tolle Zeiten laufen. Da will ich präsent sein, sodass die Leute sagen: Oh, die Gesa ist im Rennen! Dass ich eine große Breite an guten Wettkämpfen habe, das ist mir persönlich sehr, sehr wichtig. Aber am Ende wird natürlich auf den Höhepunkt geschaut. Das heißt, ich darf eine WM nicht außer Acht lassen. Die Wettkämpfe drumherum werde ich benutzen, um mir persönliche Stärke zu holen und hoffentlich meine Bestzeit (Anmerkung: 9:18,41 Minuten, gleichzeitig deutscher Rekord) zu forcieren. In London werde ich alles aus mir heraus holen.

Der Rückblick auf 2016 ist doch bestimmt Motivation. Deutscher Rekord, Europameisterin, Olympia-Sechste, ein Traumjahr!
Gesa Krause: Es war ein tolles Jahr. Ich glaube, das beste, das ich bisher hatte. Ich weiß auch nicht, weshalb ich am Anfang nach Rio so enttäuscht war. Ich glaube nach WM-Bronze 2015 hatte ich gehofft, dass ich auch in diesem Jahr in die Medaillenränge laufen kann. Wenn man realistisch zurückblickt, war es einfach nicht möglich. Ich rede von Zeiten unter 9:15 Minuten, die ich laufen will, aber ich hätte 9:07 laufen müssen für Bronze. Da liegt noch etwas Arbeit vor mir. Mich hat auch etwas frustriert, dass sechste Plätze in unserer Leistungsgesellschaft untergehen. Aber es ist toll, wenn man an so einen Ort wie Trier zurück kommt, wo die Leute beim Silvesterlauf so nah bei einem sind und die Leistung honorieren. Das ist etwas, was ich sehr wertschätze und was mir unheimlich viel gibt.

Aber eine Olympiamedaille ist möglich?
Gesa Krause: Das Ziel von einer Olympiamedaille habe ich natürlich immer noch. Ich habe ja auch noch ein paar Jahre vor mir. Es ist auch gar nicht schlimm, dass es noch nicht geklappt hat. Manchmal weiß man auch nicht, wozu es gut war, dass jetzt noch nicht funktioniert hat.

Denken sie auch über 2020 hinaus?
Gesa Krause: Ja. Ich kann zwar noch nichts über Ziele nach Tokio sagen oder auf welcher Strecke ich dann zu Hause sein werde. Das kommt ganz darauf an, wie mein Gesundheitszustand ist, wie meine Motivation ist, wie mein Körper mitspielt oder ob ich mal ein Jahr Pause mache. Ich möchte natürlich auch irgendwann eine Familie gründen. Ich denke, das ist auch ganz legitim. Aber den Sport an den Nagel hängen, habe ich in näherer Zukunft nicht geplant.

Sie sind jetzt 24 Jahre alt. Vor acht Jahren gingen sie ins Sportinternat nach Frankfurt. Was fasziniert sie an der Leichtathletik, am Laufen?
Gesa Krause: Es ist genau das, was ich machen möchte, was ich schon immer machten wollte. Ich habe als Kind davon geträumt, etwas Außergewöhnliches zu machen. Als ich vor vier Jahren bei den Olympischen Spielen in London war, hat meine Cousine ein Bild auf Facebook gepostet: einen Auszug aus einem Diddl-Freundebuch. Bei mein allergrößter Wunsch stand: einmal bei Olympia zu sein. Ich wollte keinen normalen Job. Ich wusste auch nie wirklich, was ich werden will. Erst bin ich so ein bisschen da reingerutscht: Der Sport ist mein Hobby, habe ich gesagt. Das mache ich so nebenbei und es macht mir viel Freude. Aber jetzt ist es mein Beruf, den ich lebe. Ich bin bereit dem alles unterzuordnen.

Gibt es ein Erfolgsrezept?
Gesa Krause: Es bringt nichts in Träumen zu leben. Ich habe mir gedacht: Gesa, du musst das machen, was du am besten kannst. Und das ist nun einmal der Laufsport. Ich habe immer daran festgehalten: Mit dem Wechsel aufs Internat mit 16. Ich habe immer gesagt, ich möchte genau das machen. Ich glaube, das ist ganz wichtig, dass man eben nicht sagt, das ist nicht möglich, sondern daran glaubt und festhält. In den ersten Jahren hatte ich nicht viel finanzielle Unterstützung. Meine Wünsche von meinen Eltern waren Geld fürs Trainingslager oder neue Schuhe. Ich habe mir alles hart erarbeitet. Ich hatte natürlich das Glück, dass mir der Übergang von der Jugend in den Aktivenbereich sehr gut gelungen ist. Aber ich musste mir jede Sekunde, jeden Sprung nach vorne hart erarbeiten. Das ist auch etwas, was mich stärkt.

Internetseite Silvesterlauf Trier und Verein