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Virtueller Trierer Silvesterlauf für Amokfahrtopfer geht unter die Haut

Silvesterlauf : Virtueller Silvesterlauf geht unter die Haut

Ob in Japan, Äthiopien, an der Mosel oder in der Eifel, in ganz Deutschland und nahezu weltweit waren am Silvestertag Läufer mit Gedenk-Startnummern des real ausgefallenen Bitburger-0,0%-Silvesterlaufs in Trier unterwegs.

Und es gab doch Gänsehaut-Atmosphäre! Der Silvesterlauf-Rundkurs in der Trierer Innenstadt versprühte am 31. Dezember ganz im Gegensatz zu den 30 Jahren zuvor nur tristes Schmuddelwetter-Flair. Aber wer am Computer oder Smartphone die vom Verein Silvesterlauf Trier anstelle der wegen Corona ausgefallen Veranstaltung angestoßenen Aktivitäten zugunsten der Opfer der Amokfahrt durch Trier verfolgte, war doch überwältigt.

„Das geht richtig unter die Haut“, erklärte Silvesterlauf-Renndirektor Berthold Mertes. Als Erste heftete sich eine Läuferin in Japan zu in Deutschland noch nachtschlafender Zeit die einheitliche Gedenk-Startnummer ans Laufdress und rannte in Gifu fünf Kilometer. Die Stadt liegt etwa 250 Kilometer westlich von Tokio - der Olympiastadt, auf die sich Gesa Krause vom Ausrichterverein im Jahr 2021 fokussiert.

Die deutsche Rekordlerin über 3000 Meter Hindernis organisierte und lief auch mit: fünf Kilometer auf dem Laufband in 17:22 Minuten. Ein Training zum Jahresabschluss. So wie für viele. Manche wollten zum Jahresabschluss aber den Leistungstest nicht missen und rannten wie im Wettkampf.

Ruandas Nationalcoach John Peter Ndacyayisenga (rechts) freute sich über die guten Zeiten von Claudette Mukasakindi, Alice Ishimwe und Marthe Yankulje (von links). Foto: privat

Im rheinland-pfälzischen Partnerland Ruanda organisierte John Peter Ndacyayisenga in Kigali auf dem Gelände des Nationalstadions auf einem extra vermessenen 750-Meter-Rundkurs ein Testrennen in Hinblick auf die Olympischen Spiele für je drei Frauen und Männer der Nationalmannschaft. Mit einem Resultat, das den Nationalcoach, der seit 2016 mit Sportlern zum Jahresabschluss nach Trier kommt, frohlocken ließ. Der ehemalige ostafrikanische Schullaufmeister Yves Nimubona lief acht Kilometer in 22:16 Minuten - fünf Sekunden schneller als der Trierer Asselauf-Rekord. „Es ist schon irre, wie schnell manche unterwegs waren“, sagt Mertes.

Nimubonas Zeit ist natürlich genauso inoffiziell, wie die „Ergebnisliste“ (in Anführungsstrichen), die der Silvesterlauf-Miterfinder erstellen will. Darin werden illustre Namen wie der von Lauflegende Haile Gebrselassie (der 47-Jährige lief im äthiopischen Addis Abeba 29:10 Minuten), der 2009 in Trier gewann, der dreimaligen Siegerin Sabrina Mockenhaupt-Gregor (LG Sieg), Marathonrekordler Amanal Petros (lief um den Kölner Dom) oder der EM-Medaillengewinner Jan Fitschen (TV Wattenscheid) und Carsten Schlangen (LG Nord Berlin) zu finden sein, denen die Tragödie am 1. Dezember besonders nahe ging.

Nicolas Krämer und Finn Willars von der LG Vulkaneifel mussten erst einmal Schnee räumen, bevor sie in Gerolstein ihren Beitrag zum virutellen Trierer Silvesterlauf leisten konnten. Foto: privat

Gehörig ins Zeug legte sich beispielsweise der letzte deutsche Asselauf-Gewinner Homiyu Tesfaye (TSG Pfungstadt). Er lief auf dem Laufband acht Kilometer in 23:02 Minuten. Ebenfalls auf der Tretmühle rannte die Vorjahressiegerin im Sparkassen-Elitelauf Katharina Steinruck (LG Eintracht Frankfurt) 15:47 Minuten über die Frauenlauf-Distanz von fünf Kilometern. Marthe Yankurije war bei idealen 20 Grad in der ruandischen Hauptstadt Kigali (statt wie an Silvester 2019 in Trier bei winterlichen Bedingungen) 40 Sekunden langsamer. Die 16 Jahre alte Lokalmatadorin Rebecca Bierbrauer vom Verein Silvester Trier rannte an der Mosel bei knapp über null Grad 17:39 Minuten. In der Eifel mussten Nicolas Krämer und Finn Willars von der LG Vulkaneifel sogar erst einmal Schnee räumen. „Danach warten wir schon fix und foxi“, erklärt Krämer lachend. Acht Kilometer (Krämer) beziehungsweise fünf Kilometer (der 16-jährige Willars) liefen sie anschließend natürlich trotzdem. Thorsten Baumeister vom PST Trier, bis letztes Jahr Jugendlauf-Streckenrekordler, lief ebenfalls im Schnee, in Lappland (33:33 Minuten).

Für Silvesterlauf-Vorstandssprecher Hans Tilly (links) und Vorstandsmitglied Norbert Ruschel endete ihr virtueller Silvesterlauf auf dem erstmals seit 30 Jahren leeren statt von begeisterten Menschen gesäumten Trierer Hauptmarkt. Foto: privat

Wehmut kam bei den Silvesterlauf-Vorstandsmitgliedern Norbert Ruschel und Hans Tilly auf. „Es ist sehr bedruckend. Die letzten 30 Jahre haben wir hier das Laufen gefeiert und jetzt stehen wir hier vor Gedenkkerzen“, sagte Ruschel, als er zusammen mit dem Vorstandssprecher die letzten Meter ihres Jahresabschlusstrainings auf dem Silvesterlaufparcours zurücklegten. So trist das regennasse Pflaster des Trierer Hauptmarkt auch wirkte, dass so viele Läufer dem Aufruf folgten, um mit dem virtuellen Silvesterlauf an die Amokfahrt-Opfer zu denken und zu spenden, gibt laut Tilly auch Hoffnung: „Die Läufer spenden und wir als Verein.“ 2400 Euro gibt der Club auf offizielle Hilfskonto. Und durch die - wenn auch virtuelle - Gemeinschaftsaktion dürften weitere Spenden angestoßen werden, ist sich Tilly sicher.