Der Lauf ihres Lebens

Die Schweicherin Dorothea Zeller hat einen großen Traum: Vor ihrem 60. Geburtstag will sie einen Halbmarathon schaffen.

Aus einer Sektlaune heraus sind schon die unglaublichsten Dinge entstanden. Kurze Ehen mit noch kürzeren Zeremonien in Las Vegas. Unvorteilhafte Kurzhaarfrisuren bis hin zu kahlrasierten Schädeln. Sinnfreie Tattoos, die am Vorabend unglaublich kreativ schienen und jetzt nur noch peinlich sind. Oder aber die Ankündigung, in nicht allzu ferner Zukunft einen Halbmarathon laufen zu wollen.
Noch heute schüttelt Dorothea Zeller ungläubig den Kopf. "Das war damals doch überhaupt nicht ernst gemeint!" Sie sitzt vor rund vier Jahren mit ihren Freundinnen vom Lauftreff Schweich im Zug. Die Runde lacht viel, die Gruppe gluckst, kichert und verbreitet gute Laune. Die Schweicher kommen gerade aus Dresden und haben dort einen Zehn-Kilometer-Lauf geschafft. Bei diesem Erfolg fährt ein bisschen Übermut mit zurück. Und doch betont Dorothea Zeller noch einmal: "Absoluter Blödsinn war das."

Am kommenden Sonntag soll aus Blödsinn Ernst werden, der Spaß macht. Auch wenn sie es sich am Anfang, als Walkerin, nie hätte vorstellen können: Auf der Urkunde des Trierer Stadtlaufs soll schwarz auf weiß stehen, dass sie die 21,0975 Kilometer geschafft hat. Die Zeit ist dabei eher nebensächlich. Wobei - so ganz stimmt das nicht. Zwar ist ihr die Zeit, die sie für den Lauf benötigt, nicht so wichtig. Wohl aber ihr eigenes Alter. Am 22. Januar 2012 wird Zeller 60 Jahre alt. Ein Datum, dem sie nicht nur mit Freude entgegenblickt. "60. Ich kann das gar nicht so richtig glauben."
Ein Geschenk an sich selbst

Außenstehende auch nicht, denn die zierliche Frau mit den rotbraunen Haaren geht auch locker als jünger durch. Sie lacht viel, sogar mitten im anstrengenden Training der TV-bewegt-Gruppe unter Trainer Michael Plauel, als der Schweiß schon vom Gesicht tropft. Zwischenzeitlich muss sie wirklich kämpfen, muss sich jedes Mal aufs Neue selbst motivieren, aber sie weiß ja, wofür sie kämpft: einen absolvierten Halbmarathon vor dem einschneidenden Geburtstag. Das Geschenk, das sie sich selbst machen will, ist das Gefühl, sich selbst bezwungen zu haben. Es sich selbst, aber auch den anderen gezeigt zu haben. "Wann, wenn nicht jetzt, sollte ich das machen? Ich werde ja nicht jünger." Eine verständliche Einstellung, die aber nicht jeder in ihrem Umfeld teilt, wie sie erzählt: "Ich bin auch schon gefragt worden: ,Warum tust du dir das alles in deinem Alter überhaupt noch an?'"

Doch es macht ihr nichts aus, wegen ihres Vorhabens ab und an belächelt zu werden. Denn sie erfährt auch jede Menge Unterstützung auf dem Weg zu ihrem großen Ziel: von ihren Lauftreff-Kollegen, vom TV-bewegt-Team und auch von ihrem Mann. Der quält sich nämlich mit ihr in aller Herrgottsfrühe aus dem Bett, um schon um kurz vor sieben Uhr morgens die erste Runde zu drehen. "Dieses frühe Aufstehen ist eigentlich gar nicht mein Fall", gesteht Zeller. Doch noch größer als der Drang, sich morgens einfach noch einmal umzudrehen, ist der große Ehrgeiz, diesen Lauf durchzustehen. Auch wenn das bedeutet, sich manchmal selbst austricksen zu müssen: "Ich verabrede mich mit anderen zum Training. Dann kann ich aus Bequemlichkeit nicht absagen, das wäre mir einfach zu peinlich."
Und überhaupt hat die 59-Jährige wenig Lust, sich zu Hause zu verkriechen. Neben dem Lauftraining hat sie vor kurzem noch zwei weitere Projekte in Angriff genommen. Das erste ist musikalischer Natur, Zeller nimmt Klavierstunden. "Wir haben nämlich ein Klavier zu Hause, und ich finde es einfach schade, wenn das nicht benutzt wird." Außerdem hat sie sich in diesem Jahr ans Theaterspielen herangewagt und sich bei den "Vagina-Monologen" gleich auf die Bühne getraut. Das wird aber eher ein Einzelfall bleiben: "Für die Bretter dieser Welt bin ich einfach nicht gemacht. Dieses Lampenfieber - das ist nichts für mich."

Sagt sie und schnürt sich die Turnschuhe, kurz bevor das TV-Training losgeht. Im Gegensatz zum Theater gibt's hier kaum Zuschauer. Noch. Denn auch das wird sich beim Stadtlauf ändern, wenn Schaulustige die Straßen säumen. "Aber ich bin optimistisch, weil ich mich im Training schon enorm verbessert habe."

Was kann nach dem 26. Juni noch kommen, wenn das große Ziel endlich erreicht ist? Klar, die Antwort liegt nahe: ein Marathon. Dorothea Zeller wirft den Kopf nach hinten und lacht laut. "Nein, nein, wirklich nicht", winkt sie ab. Auf der anderen Seite: Dieser Frau ist - im positivsten Sinne - alles zuzutrauen. Wer weiß: In rund sechs Monaten wird sie vielleicht mit einem Gläschen Sekt auf ihren Ehrentag anstoßen. Und aus einer Sektlaune heraus entstehen ja manchmal die unglaublichsten Ideen.

Extra: Der Trierer Stadtlauf

...wie das richtige Trinken während des Wettkampfs. Foto: Holger Teusch
Das richtige Schuhwerk ist für passionierte Hobbyläufer genauso wichtig... Foto: Holger Teusch
Jens Nagel (links) von GetFit ist einer der Trainer der TV-bewegt-Gruppe. Dorothea Zeller (Mitte) lächelt - wie sollte es anders sein. Foto: Holger Teusch

Der Internationale Trierer Stadtlauf jährt sich am kommenden Sonntag, 26. Juni, zum 28. Mal. Bevor die Menschenmassen das Altstadtfest bevölkern, drehen unerschrockene Läufer schon morgens ihre Runden durch die Innenstadt - Feiern hin oder her. Der Hafen Trier Halbmarathon startet um 9.10 Uhr in der Hoffnung, einer möglichen großen Hitze so entgehen zu können. Die Anmeldegebühr für die rund 21 Kilometer lange Strecke beträgt 20 Euro, für die anderen Läufe sind die Kosten je nach Länge entsprechend niedriger. Noch sind Anmeldungen möglich.
Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.triererstadtlauf.de oder im Laufportal des Trierischen Volksfreunds: www.volksfreund.de/laufen bec