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Virtueller Trierer Stadtlauf motiviert Manderscheider Prothesenläufer

Trierer Stadtlauf : Virtueller Stadtlauf motiviert Prothesenläufer

Fritz Kretzschmar aus Manderscheid läuft erstmals nach eineinhalb Jahrzehnten wieder - und zwar mit Prothese. Der 44-Jährige will zeigen, dass man trotz Amputation aktiv bleiben kann.

(teu) Fritz Kretzschmar hat am vergangenen Wochenende keine der offiziellen Trierer Stadtlauf-Distanzen geschafft. Nach 3,18 Kilometern musste der 44-Jährige seine Uhr anhalten. Weiter ging es einfach nicht. Trotzdem ist Kretzschmar einer der großen Gewinner der virtuellen Auflage des wegen Corona schon zum zweiten Mal als Präsenzveranstaltung ausgefallenen Traditionslaufs. Denn es war Kretzschmars erster Lauf seit mehr als 16 Jahren. „Der Osterlauf in Grevenmacher war mein letzter Wettkampf mit zwei Beinen“, erzählt der in Manderscheid lebende Familienvater. Der virtuelle Stadtlauf sein erster mit Sportprothese. Dazwischen liegt eine Leidensgeschichte, aber auch eine Geschichte, die Mut macht.

Der Osterlauf in der luxemburgischen Grenzstadt, der Trierer Silvesterlauf, Fußball spielen und Wandern, Fritz Kretzschmar war immer ein aktiver Mensch. Bis er sich 2005 einer Operation unterzog. Ein Routine-Eingriff, wie er erzählt. Aber dabei infizierte sich der gelernte Schreiner und Holztechniker mit Krankenhauskeimen (MRSA und Streptokokken), die sein rechtes Knie befielen - und nichts war mehr wie vorher. Es folgte eine Odyssee mit 25 weitere OPs. Einige Male war die Lage des gebürtigen Trierers lebensbedrohlich. Einmal so sehr, dass die Ärzte ihn für zwölf Tage in ein künstliches Koma versetzten. Letztlich gab es nur noch zwei Möglichkeiten: Versteifung des rechten Beins oder Amputation.

Kretzschmar entschied sich für die zweite Möglichkeit. „Es war die richtige Entscheidung“, sagt er acht Jahre später. „Ich kann mich fast normal bewegen. Ich bin sehr glücklich!“ Einfach war war der Weg aber nicht. „Ich musste neu gehen lernen“, erzählt er. Aber mittlerweile sind Wanderungen mit zweistelliger Kilometer-Leistung möglich. „Ich gehe nicht mehr so zügig wie früher, dafür intensiver“, sagt der lebensfrohe Mitvierziger.

Das Müllerthal in Luxemburg, der Lieserpfad, der Eifelsteig, Kretzschmar ist wieder viel unterwegs. „Man kann das Kniegelenk mittels App ein bisschen einstellen“, erklärt er, wie er seine Prothese für Abschnitte bergauf oder -ab konfiguriert. „Auf dem Lieserpfad gibt es auch ein paar Stellen, die gehe ich nie allein“, betont er. Seit Kretzschmar gemerkt hat, dass es nicht genug Informationen über die Eignung von Wanderwegen für Prothesenträger gibt, betreibt er einen eigenen Blog (www.aktivmitprothese.de). Um über Wanderwege zu informieren, aber auch, um anderen Menschen mit ähnlichem Schicksal Mut zu machen.

Auch bei der Herausforderung virtueller Trierer Stadtlauf holte sich Kretzschmar Unterstützung von seiner Familie. Von seinem Orthopädietechniker hatte er eine Sportprothese bekommen. „Das ist ein reines Sportgelenk wie bei den Paralympics. Damit kann man nur laufen“, erklärt er. Das ist eine Umstellung! Beim ersten Versuch sei er gerade bis zu seinem Nachbar um die Ecke gekommen. „Dann konnte ich nicht mehr. Es ist so schwierig, das kann man sich gar nicht vorstellen.“ Aber Kretzschmar ließ sich nicht unterkriegen. Seine Frau Stefanie und sein Bruder Peter erzählte ihm vom virtuellen Trierer Stadtlauf. Das war die Motivation, es auch mit dem Laufen mit Prothese weiter zu probieren.

Dass bei den gemeinsamen Runden um den Mattheiser Weiher in Trier am Ende gut drei statt der erhofften fünf Kilometer zusammen kamen, war nur ein Wermutstropfen. „Wenn die Muskeln im Stumpf zumachen, ist die Gefahr groß zu stützen“, erklärt Kretzschmar. Das sollte er nicht riskieren. Aber er will weiter trainieren. „Mein Ziel - oder eher Traum - wäre irgendwann noch einmal den Silvesterlauf in Trier zu schaffen.“