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TV-Serie Spochtipedia
Läufst du noch oder sammelst du schon?

Vor allem Verpackungen und Tüten aus Kunststoff sind am Moselufer zu finden.
Vor allem Verpackungen und Tüten aus Kunststoff sind am Moselufer zu finden. FOTO: TV / Benedikt Laubert
Trier. Sich sportlich zu betätigen und gleichzeitig etwas für die Umwelt zu tun – klingt für manch einen reizvoll. Ploggen heißt ein Trend, der gerade aus Skandinavien zu uns schwappt. Ploggen steht für: Joggen und gleichzeitig Müll aufsammeln. Dahinter steckt mehr als nur Sport. Im weitesten Sinne auch eine politische Frage. Aber wie funktioniert das genau? Ein Selbstversuch von TV-Volontärin Patricia Prechtel.
Patricia Fee Prechtel

Die Enten schnattern im Wasser und tauchen mit den Köpfen unter. Das Wasser der Mosel schwappt ans Ufer. Im Gras glitzert und reflektiert es leicht, wenn die Sonnenstrahlen auf liegengelassene Plastikabfälle treffen.

Auf den Hängen und am Wegrand liegt der meiste Müll. Das bedeutet: Beim Ploggen auch mal vom Weg abweichen und sich genau umschauen.
Auf den Hängen und am Wegrand liegt der meiste Müll. Das bedeutet: Beim Ploggen auch mal vom Weg abweichen und sich genau umschauen. FOTO: TV / Benedikt Laubert

Es ist 8 Uhr morgens unter der Woche an der Mosel, und ich habe mir vorgenommen, auf meiner üblichen Joggingstrecke den Trend Ploggen auszuprobieren. Das heißt: Beim Joggen auf dem Fußweg neben der Mosel von der Römerbrücke über die Kaiser-Wilhelm-Brücke wieder zurück an den Startpunkt  laufen und dabei versuchen, so viel Müll wie möglich aufzusammeln. Ausgerüstet bin ich mit Sportkleidung, einem normalen Müllsack (25 Liter) und Handschuhen.

Eine Skyline aus Müll: Flaschen, Verpackungen und vor allem Plastik liegen an der Mosel.
Eine Skyline aus Müll: Flaschen, Verpackungen und vor allem Plastik liegen an der Mosel. FOTO: TV / Benedikt Laubert

Vom Ploggen habe ich aus dem Internet und von einer Bekannten erfahren. Sie ist Schwedin und hat mir von dem skandinavischen Modesport erzählt. Das Wort setzt sich aus dem schwedischen Verb „att plocka“ (dt. sammeln) und dem englischen Wort Joggen zusammen. Angefangen hat diese Entwicklung, die dem Müll den Kampf angesagt hat, in Jämtland, Schweden. In der Region um den Touristenort Åre wurde eine Initiative gestartet, um die Natur von Müll zu befreien. Diese fruchtete – und es entwickelte sich später auch in Stockholm ein regelrechter Trend daraus, der sich nun immer weiter verbreitet.

Beim Ploggen treibt man Sport und sammelt Müll auf. Der Trend aus Skandinavien hat schon viele Fans gefunden. Denn: Er lässt sich gut mit dem Alltagssport verbinden, auch wenn er in der Region noch weitgehend unbekannt ist.
Beim Ploggen treibt man Sport und sammelt Müll auf. Der Trend aus Skandinavien hat schon viele Fans gefunden. Denn: Er lässt sich gut mit dem Alltagssport verbinden, auch wenn er in der Region noch weitgehend unbekannt ist. FOTO: TV / Benedikt Laubert

Das Konzept ist simpel: Man joggt, hat einen Müllsack dabei, und wenn man Abfall sieht, stoppt man kurz, sammelt den Müll auf, nimmt ihn mit und joggt weiter. Am Ende entsorgt man dann den (wahrscheinlich sehr gefüllten) Müllsack.

Schon nach kurzer Zeit bemerke ich: Auch an der Mosel füllt sich mein mitgebrachter Sack sehr schnell. Immer wieder entdecke ich nach ein paar Metern achtlos zurückgelassene Abfälle, die entweder mitten auf dem Fußgängerweg, im Gebüsch, im hohen Gras oder in einer abgmähten Wiese liegen. Zu meinen Funden zählen vor allem Strohhalme, eine Brotdose, leere Verpackungen von Chipstüten oder Kindergetränken, Plastikbeutel, Bierdosen, Plastikflaschen, Glas (Flaschen und Scherben), … Der Müllsack wird immer voller und schwerer. Der Müll ist feucht vom morgendlichen Tau und stinkt ein bisschen. Teilweise liegt er schon länger.

Durch Ploggen kann man einen kleinen Beitrag leisten.
Durch Ploggen kann man einen kleinen Beitrag leisten. FOTO: TV / Benedikt Laubert

Vorbeilaufende und -fahrende frühmorgendliche Jogger, Fahrradfahrer und Passanten jeden Alters schauen interessiert und fragen teilweise nach, warum ich am Aufsammeln bin. Die Frauen und Männer, in Gruppen oder alleine, bleiben kurz stehen oder gucken im Vorbeigehen zu. Oft hört man auch nur ein „Sehr gut“, „Das ist ja vorbildlich“, „Ah, die Saubermänner“ oder zustimmendes Gebrummel.

Zustimmung gibt es auch vom Zweckverband Abfallwirtschaft der Region (ART), der der Ansicht ist, dass jeder etwas ausrichten kann.  „Selbstverständlich unterstützt jeder, der privat Abfälle in der Natur sammelt, den Kampf gegen Littering“, sagt Kirsten Kielholtz.

Und der Kampf gegen den Müll fängt an, richtig Spaß zu machen. Ganz automatisch legt sich der Fokus vom Joggen aufs Sammeln. Immer wieder entdeckt man die zurückgelassenen oder achtlos weggeworfenen Abfälle. Nach nicht einmal meiner halben Strecke ist der Müllsack schon fast voll. Mit jedem aufgesammelten Stück Müll, wächst bei mir aber auch der Frust, dass man die Natur so verschandeln kann.

Da so viel aufzusammeln ist, gerät das Joggen immer mehr in den Hintergrund. Denn: Ich laufe los, finde mein Tempo, der Atem geht gleichmäßig, der Puls steigt, da glitzert wieder ein Kronkorken im Gras oder ein Stück Plastik lugt unter einem Blatt hervor.

Der Lauffluss ist beim Ploggen ständig unterbrochen. Aber das stört kaum, immer mehr rückt das Sammeln in den Vordergrund und macht geradezu süchtig. Denn das Gefühl, das Richtige zu tun und der Umwelt damit zu helfen, auch wenn es nur ein bisschen ist, ist ein tolles.

Das einzige Manko ist der Kampf mit den Handschuhen: da es mir beim Joggen warm wird, erhitzen sich die Hände in den Handschuhen. Das An- und Ausziehen wird problematisch, da sie an der Haut kleben und sich sträuben. Aber da ich all den weggeworfenen Müll anderer Leute nicht mit bloßen Händen anfassen will, ist mir die Hygiene in dem Moment wichtiger als schwitzende Hände.

Nach dem Versuch steht für mich eines fest: Wenn ich ab jetzt joggen gehe, dann immer mit einem Müllbeutel.

1,3 Kilogramm Müll wurden bei einer Runde Joggen gesammelt.
1,3 Kilogramm Müll wurden bei einer Runde Joggen gesammelt. FOTO: TV / Patricia Prechtel