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Scharf auf totale Selbstkontrolle

Scharf auf totale Selbstkontrolle

Die sogenannten Selbstvermesser dokumentieren ihren Alltag in Daten und Zahlen und veröffentlichen sie im Internet. Die Industrie wittert Verkaufschancen, Datenschützer sind alarmiert.

München. Florian Schumacher hat am Vortag 8434 Schritte in der Münchner Innenstadt zurückgelegt. Er kennt aber nicht nur die genaue Anzahl seiner Schritte, sondern auch die Menge an verbrannten Kalorien, die Dauer seines Schlafs in der Nacht davor, sein exaktes Gewicht und den Wert seines Blutdrucks. Er überwacht sich selbst, Tag für Tag.
Florian Schumacher ist Teil der Quantified Self- oder Selbstvermesser-Bewegung. Seit etwa zwei Jahren beobachtet er seinen Körper und zeichnet die Daten nicht nur auf, sondern veröffentlicht einen Teil von ihnen auch im Internet.
So zum Beispiel auch die Anzahl seiner Schritte, die er abends auf Seiten wie dem Portal www.runkeeper.com veröffentlicht.
Die Geräte, die Schumacher zur Vermessung seines Alltags benutzt, angefangen beim Schrittzähler, sind mit den Online-Seiten der Hersteller verbunden und erlauben ihm eine statistische Auswertung seiner Daten.
Die Firmen wittern im sogenannten Selftracking, also der Selbstüberwachung, eine neue Verkaufschance. So kamen vor einigen Jahren beispielsweise die ersten Laufschuhe auf den Markt, die per Mikrochip Laufstrecke und Geschwindigkeit aufzeichnen. Das soll die Motivation der Läufer steigern.
Tatsächlich stellt auch der 31-jährige Florian Schumacher fest, dass seine Selbstdisziplin durch die neue Lebensart gestiegen ist. In diesem Bereich liegt auch das Hauptinteresse der internationalen Quantified Self-Bewegung, die in den USA ihren Anfang nahm.
Ziel der meisten Anhänger ist eine Leistungssteigerung oder Selbstoptimierung. Schumacher sieht in der intensiven Beschäftigung mit sich selbst die Möglichkeit, sich zu einer gesünderen Lebensweise zu motivieren und persönliche Ziele zu verwirklichen.
Die Anwendungsmöglichkeiten sind vielfältig: Auch Kranken kann das Selftracking helfen. So bietet zum Beispiel die Internetseite www.asthmapolis.com für Asthmakranke ein spezielles System, das mittels GPS-Chip im Inhalator die Orte aufzeichnet, an denen besonders viele Menschen häufig einen Asthma-Anfall erleiden. Betroffene können so diese Orte meiden und schädlichen Umwelteinflüssen ausweichen.
Die meisten Anhänger hat die Bewegung noch immer in den USA, doch auch in Deutschland entdecken immer mehr, vor allem junge Menschen, die Idee der digitalen Selbsterkenntnis für sich. Am 17. Dezember vorigen Jahres fand das erste Treffen der Quantified Self-Gruppe Deutschland in Berlin statt.
Viele der Anhänger seien selbst im Informatikbereich tätig und beschäftigten sich mit der Entwicklung neuer Aufzeichnungs- oder Auswertungsmethoden, berichtet Schumacher.
Dabei sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt: Von der Dauer sexueller Betätigung über die Schlafqualität bis zur Effektivität am Arbeitsplatz - alles, was messbar ist, scheint mitteilungswürdig.
Gefährlich wird die intensive Selbstbeobachtung allerdings dann, wenn sie zur Sucht wird. Schumacher betrachtet die Bewegung aber als eher harmlos: "Nur für Menschen mit labiler Persönlichkeit oder extreme Statistikfans sehe ich eine Gefahr, ansonsten ist es einfach nur Neugierde bezüglich der eigenen Lebensweise."
Er gehe davon aus, dass in wenigen Jahren viele Produkte mit Selbstüberwachungs-Funktion auf dem Markt sein werden und der Einzelne dann ganz selbstverständlich mit diesen Daten umgehen wird.
Doch auch das wachsende Interesse der Großkonzerne an dem Trend birgt Risiken. Viele persönliche Daten werden bei den Herstellern der Geräte zwischengespeichert, Datenmissbrauch kann nicht ausgeschlossen werden. Datenschützer sind alarmiert, wenn Selbstvermesser sogar intimste Details preisgeben und sich so zum Versuchskaninchen für Pharmakonzerne und Co. machen. Florian Schumacher sagt, er habe für sich klare Grenzen gezogen, welche Daten er privat hält und welche er veröffentlicht.
asthmapolis.com
runkeeper.com