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Verlorenes Jahr mit Trotzreaktionen und Lerneffekt

Corona-Saison : Verlorenes Jahr mit Trotzreaktionen und Lerneffekt

Leichtathletik-Trainer der Region Trier ziehen Corona-Saison-Bilanz. Noch konnte der große Aderlass verhindert werden.

„Summa summarum kann ich der Saison nicht viel Gutes abgewinnen“, sagt Thomas Fusenig und ergänzt: „Es war einfach ein verlorenes Jahr.“ Berechtigte Hoffnungen auf die Teilnahme an deutschen Meisterschaften bei den vom Sprint- und Sprungtrainer des Post-Sportvereins Trier (PST) betreuten Jugendlichen haben sich in Luft aufgelöst: Titelkämpfe fanden entweder gar nicht statt oder die Normen wurden erhöht, um die Teilnehmerzahlen zu reduzieren. Der Hinweis, dass sich den jungen Sportlern noch mehr Möglichkeiten bieten werden, hilft den Betroffenen da nur wenig.

Ganz so frustriert wie Fusenig blicken nicht alle Leichtathletik-Trainer der Region Trier auf die abgelaufene (Corona-)Saison zurück. Manche junge Sportler hätten eine regelrechte Trotzreaktion gezeigt, als es wieder losging, erzählt Willi Günther von der TG Konz und weiter: „Die wenigen Sportfeste, die es gab, waren ein Highlight.“ „In meiner Gruppe war die Motivation eher größer“, sagt auch Marc Kowalinski über die Vorfreude, als sich dem Lockdown im Frühjahr andeutete, dass es auch wieder Wettkämpfe geben würde. Allerdings: Die Rennpraxis habe gerade jungen Athleten gefehlt, sagt der PST-Mittelstreckentrainer.

Dass die Bilanz der Corona-Saison und der Ausblick unterschiedlich ausfällt, hängt auch mit der Vielfalt der Leichtathletik zusammen. Die Mittel- und Langstreckler hatten (und haben) es tendenziell leichter als Sprinter, Springer, Werfer oder gar Mehrkämpfer. „Gerade im Laufbereich kann man viel machen“, weiß Willy Oelert von der LG Vulkaneifel (LGV). Dass man für Erfolge auf den längeren Strecken nicht zwingend auf ein Training auf Kunststoffbahnen angewiesen ist, haben die Läufer aus der Eifel in den vergangenen Jahrzehnten etliche Male bewiesen.

Auch der ehemalige deutsche 1500-Meter-Vizemeister Kowalinski erinnert sich seiner sportlichen Wurzeln bei der LGV und manchem Crosslauftraining an der Gerolsteiner Büschkapelle. „Im November und Dezember brauche ich als Läufer keine Tartanbahn“, sagt der 42-Jährige. „Dauerläufe und Tempowechselläufe kann man auch im Wald machen. Das ist mir sowieso lieber.“ Nichtsdestotrotz ist er auch mit Blick auf seine Trainerkollegen in den anderen Disziplinen froh und dankbar, dass das Trierer Moselstadion für den Individualsport geöffnet ist. Fusenigs Schützlinge absolvieren so eigenständig ihre Sprints. Bisher hat das milde und trockene Wetter das möglich gemacht. „Aber bei Minustemperaturen kann man nicht mehr draußen sprinten“, erklärt 2,10-Meter-Hochspringer Fusenig. Und die Sporthallen können momentan auch nicht genutzt werden. „In den technischen Disziplinen fällt der Winter total aus“, prognostiziert Günther, dessen Athleten das Konzer Stadion auch nicht individuell nutzen können.

Da ist es auch kein Trost, dass die Leichtathletik-Übungsleiter angesichts der Corona-Lage sowieso nicht mit Hallensportfesten und -meisterschaften rechnen. Die allgemeinen athletischen Trainingseinheiten unterm Dach im Herbst und Winter haben in der Individualsportart Leichtathletik aber traditionell auch eine soziale Funktion. Sie bringen in vielen Vereinen die Athleten der unterschiedlichen Disziplinen zusammen.

Das Gemeinschaftsgefühl hat sowieso schon gelitten, macht Wolfgang Baum, Sportwart der LG Bernkastel-Wittlich und hauptamtlicher Trainer beim SFG Bernkastel-Kues, Sorgen. Gerade in den mehr breitensportlich orientierten Gruppen und bei den Jüngeren sei es oft so, dass eine große Motivation zum Training die Begegnung mit Freunden ist. Sobald es möglich war, habe man beim SFG deshalb mit den erlaubten Gruppengröße wieder gemeinsame Übungsstunden angeboten. „Das war ein wahnsinns Aufwand“, erzählt Baum über detaillierte Zeitpläne und der Desinfektion von Bällen. Als Trainer habe man teilweise dreimal so lange auf dem Platz gestanden, sagt Oelert: „Man splittet sich und macht drei Einheiten statt einer.“

Dem Engagement der Übungsleiter ist es wohl zu verdanken, dass bei den gefragten Trainern - bisher - nur geringe Abgänge zu verzeichnen sind. „Der Aderlass in der Leichtathletik war nicht so groß“, erzählt Baum von etwa einem halben Dutzend Kinder, die seit dem ersten Lockdown im März nicht wieder ins Training gekommen seien. Ein Verlust im einstelligen Prozentbereich. Darunter sind aber auch junge Athleten aus der Talentgruppe, denen ohne Wettkämpfe der Anreiz zum Training fehlt.

Fusenigs kleinere Gruppe älterer Jugendlicher ist komplett geblieben. „Ich muss meinen Leuten ein Kompliment machen, dass sie das so durchgezogen haben“, sagt der 52-Jährige. Aber der erneute Lockdown mache es für einen Trainer natürlich nicht leichter bei 16-, 17- oder 18-Jährigen die Motivation hochzuhalten für vier Trainingseinheiten pro Woche. Willi Günthers Athleten bekommen modulare Programme. „Da können sie sich dann raussuchen, was sie vor ihrer Haustür machen können“, erzählt der 71-Jährige wie er versucht die Situation zu meistern, mit der er in mehr als einem halben Jahrhundert Trainertätigkeit noch nicht konfrontiert wurde.

Kowalinski kann der eigenverantwortlichen Trainingsorganisation auch Gutes abgewinnen: „Die jungen Sportler haben dadurch viel theoretisches Wissen aufgebaut. Sie müssen sich mit dem Plan auseinandersetzen, den Plan verstehen und auch hinterfragen.“ Das sei langfristig wichtig für die Entwicklung der Athleten. Die sich vielleicht schon auszahlt, wenn - wie alle Trainer hoffen - im Frühjahr wieder Wettkämpfe stattfinden.