1. Sport
  2. Laufen

Weltmeisterin der Herzen

Weltmeisterin der Herzen

Gestürzt, aufgestanden, weitergerannt: Wie die für Trier startende Gesa Krause das dramatische WM-Finale verarbeitet.


London Im Mittelpunkt dieser Geschichten, die der Sport schreibt, will niemand stehen. Auch Gesa Felicitas Krause nicht. Aber es sind diese Geschichten, die den Sport mehr ausmachen als Siege, Weltmeistertitel, Medaillen und Rekorde.
"Ich habe immer gehofft, dass es nicht mich erwischt", sagt Gesa Felicitas Krause nach dem dramatischen Weltmeisterschaftsfinale über 3000 Meter Hindernis. Neunte ist die 25-Jährige vom Trierer Silvesterlauf-Verein geworden. In 9:23,87 Minuten, rund acht Sekunden über ihrem deutschen Rekord.
Nicht diese Zahlen, sondern die Geschichte dahinter hat die Sportwelt am Freitagabend aufgewühlt. "Gebt Gesa Krause einen Fair-Play-Preis!", lautet eine Aufforderung im Internet. "Weltmeisterin der Herzen" wird die beste deutsche Hindernisläuferin genannt. Mehr als 10 000-mal wurden Krauses emotionale Einträge auf Facebook und Instagram binnen weniger Stunden geliked, ihr in mehr als 1000 Kommentaren Mut zugesprochen.
"Heldensaga" nennt irgendjemand die Szenen, die Dutzende Male über die Fernsehbildschirme flimmern: Erst verpasst Krauses Konkurrentin Beatrice Chepkoech im Finallauf den ersten Wassergraben. Dann, rund 700 Meter sind gelaufen, strauchelt die Kenianerin am siebten Hindernis. "Ich habe versucht, mich so lange wie möglich auf den Beinen zu halten", erzählt Krause. Doch im Aufstehen reißt Chepkoech die Europameisterin um, als diese versucht, mit einem großen Schritt der Afrikanerin auszuweichen. Die Europameisterin hat keine Chance, die nachfolgenden Läuferinnen rempeln Krause an. Sie bekommt einen Schlag gegen den Kopf, die Australierin Genevieve LaCaze tritt Krause auch noch auf den linken Fuß. Ein großes blau-violettes Hämatom am rechten Knie wird noch einige Tage an den Sturz erinnern.
Doch Krause gibt nicht auf: Sie reißt sich zusammen, läuft weiter, auch wenn sich mit dem Sturz alle Träume von einer weiteren WM-Medaille, wie 2015 Bronze in Peking, in Luft aufgelöst haben.
Aber sie macht niemandem einen Vorwurf. "Wir versuchen die Hindernisse so geschickt wie möglich zu überwinden, und manchmal fallen wir dabei auf die Nase", sagt Krause. Das sei Teil des Sports. Des Sports, dem die wohl Akribischste unter den deutschen Läuferinnen zusammen mit Trainer Wolfgang Heinig alles unterordnet. Ihm dankte sie aus tiefstem Herzen. Weil der 66-Jährige immer an sie glaube: "Er macht jeden Prozess mit und auch meine Launen muss er manchmal ertragen."
Zusammen mit Heinig ist Krause seit gestern wieder zurück in Davos. "Ich bin gesund. Ich kann da weitermachen, wo ich aufgehört habe", gibt Krause hinsichtlich bleibender Verletzungen Entwarnung. Doch das WM-Rennen mental zu verarbeiten, wird noch einige Zeit dauern. "Das 'Was wäre wenn ...' plagt mich", gesteht Krause.
Die neue Weltmeisterin Emma Coburn (Siegerin in 9:02,58 Minuten, USA) lag bei Krauses deutschem Rekord in Doha Anfang Mai nur eine Sekunde vor ihr. Vizeweltmeisterin Courtney Frerichs (9:03,77 Minuten, USA) war in London erstmals schneller als Krauses Bestzeit. Wäre ohne Sturz eine Medaille drin gewesen? "Das ist ganz schwer zu sagen", erklärt Krause.
Der Doppelerfolg der Amerikanerinnen mache ihr aber Mut. Und man darf gespannt sein: Am 24. August will Krause beim Diamond League-Finale in Zürich zeigen, was sie drauf hat. Man darf gespannt sein, wenn Weltmeisterin Coburn auf die Weltmeisterin der Herzen trifft.Extra: REAKTIONEN


"Auf jede Schuldzuweisung an die Konkurrentin zu verzichten, die deinen Sturz verursachte - das zeugt von großer Fairness und zeigt deine Größe. Es macht dich zum sportlichen Vorbild - nicht nur für die Jugend unseres Vereins." (Vorstand des Silvesterlauf Trier e.V. via Facebook) "Trotzdem nicht aufgegeben und den Lauf zu Ende gebracht! Hochachtung vor dieser tollen Sportlerin." (Michael Maxheim, Vizepräsident Sportbund Rheinland und stellvertretender Sportkreisvorsitzender Trier-Saarburg) "Super in Form wird sie in einen Sturz verwickelt und läuft unter Schmerzen noch auf einen bravourösen 9. Platz. Herzlichen Glückwunsch zu diesem beherzten Lauf!" (Katarina Barley, Bundesfamilienministerin aus Schweich auf Facebook) "Sie war am Boden zerstört und unfassbar gefasst. 25 Jahre ist sie jung. Aber sie tritt auf wie eine weise Frau." (Frank Busemann, Olympia-Zweiter im Zehnkampf 1996 in einem Kommentar für die ARD)