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Die besondere Historie des Nürburgrings

Nürburgring : Grüne Hölle: Ihre Glückstage, ihre Dramen

Zur Rückkehr der Formel 1 an den Nürburgring am kommenden Wochenende: Legenden, Halbwahrheiten und die heimliche Geliebte des Rings: die Wetterhexe.

Regen, Nebel, Graupel, und mitunter sogar ein paar Flocken Schnee im Eifeler Wetterchaos:  Kaum ein zweiter Traditionskurs rund um den Globus hat im Laufe vieler Jahrzehnte dermaßen außergewöhnliche, verrückte, unglaubliche Rennsituationen und damit vorher kaum für möglich gehaltene Resultate wie die „Grüne Hölle“ in der Eifel produziert. Bevor am morgigen Freitag die ersten freien Trainingsrunden zum „Aramco Großen Preis der Eifel“ auf dem 5,148 Kilometer langen Grandprix-Kurs gedreht werden, werfen wir einen Blick in den Rückspiegel des „Mythos Nürburgring“.

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Die Geschichte mit der angeblichen Geburt der „Silberpfeile“ ist bekannt. Ob es damals im Juni 1934 auch wirklich so war, dass der Mercedes-Sportchef Alfred Neubauer in der Nacht vor dem Eifelrennen den Lack von den weißen W 25 hat abkratzen lassen, um das Gewichtlimit einzuhalten, und dass seine Autos daraufhin mit blinkendem Aluminium-Blech an den Start gingen, das kann niemand mehr bestätigen oder dementieren. Fama est.

Verbrieft ist dagegen das Urteil des Remageners Rudolf Caracciola, kurz „Karratsch“ genannt, der am 18. Juni 1927 das erste Rennen auf der neuen Strecke im Kompressor-Mercedes gewann: „So etwas hatten wir noch nicht erlebt. Da lag mitten in den Eifelbergen eine Straße, eine geschlossene Schleife mit fast 180 Kurven, die auf 22 Kilometer verteilt waren. Eine Strecke mit Steigungen, die dem Motor scharf an die Lungen griffen, aber auch mit unsagbar schönen Ausblicken weit über das Land, auf Täler und Dörfer.“

Als Nothilfe, um der darbenden Region zu wirtschaftlichen Impulsen zu verhelfen, war die Strecke in etwas mehr als zwei Jahren von rund 2500 Arbeitern in das „Armenhaus der Nation“ gewuchtet worden.

Die Nordschleife, für viele immer noch alleinige Inkarnation des Nürburgrings, wurde zum Schauplatz motorsportlicher Dramen, aber auch zu einem Stück deutscher Zeitgeschichte. Die „Grüne Hölle“, wie der schottische Weltmeister Jackie Stewart sie ehrfurchtsvoll taufte, sah die ganz Großen und Verwegenen ihrer Zeit, wie Ascari, Fangio, Moss, von Trips – oder eben Niki Lauda.

Als nach dem Feuerunfall des Österreichers am 1. August 1976 die Nordschleife für die unkontrollierbaren Geschosse ohne Sicherheitsvorkehrungen passé war, hielt 1984 mit der neuen Grandprix-Strecke auch die Moderne und die Generation Senna, Schumacher, Häkkinen bis hin zu Hamilton und Vettel Einzug. Es war die Blütezeit der Formel 1 in der Eifel. Wenn „Schumi“ Hof hielt, der fünfmal auf der Strecke gewann, die nur 90 Kilometer von seiner Heimatstadt Kerpen entfernt liegt, gewann, kamen bis zu 140 000 Fans an den Ring.

Die „Grüne Hölle“ war aber weit mehr als nur die Formel 1. Wenn die „Wetterhexe“ am Ring nicht will, dann stehen alle Räder still. So wie beim 24h-Rennen 2016, als Hagel- und Graupelschauer biblischen Ausmaßes das Feld lahmlegten, die 600-PS-Boliden bei Aremberg in Reih und Glied in die Leitplanken krachten und in der Fuchsröhre hilflos wie auf Schmierseife herumrutschten.

Oder wie 1999, als Johnny Herbert in einem Chaos-Rennen mit fünf Spitzenreitern, extremen Wettereskapaden dem Team von Jackie Stewart schließlich auf verrückte Art und Weise seinen ersten Formel-1-Sieg überhaupt bescherte. 1992 schließlich kam es im undurchdringlichen Nebel des unterbrochenen 24h-Rennens zu dem Kuriosum, dass Fahrer mit mangelhafter Streckenkenntnis sich regelrecht verirrten und die Rennpiste mit einer angrenzenden Rettungsstraße verwechselten. Das alles trug zur Legendenbildung bei und veranlasst Jahr für Jahr Tausende von Privatiers, die glauben, dass ein wenig Rennfahrerblut durch ihre Adern fließt, die Nordschleife gegen Bezahlung  selbst einmal „unter die Schlappen“ zu nehmen. Kaum einer von ihnen wird jemals dieses Gefühl mit nach Hause bringen, das Sir Jackie (Stewart) einst so plakativ beschrieb: „Es gab keinen Piloten, der nicht ein bisschen Angst vor dem Ring hatte. Auf einer Runde haben wir in sieben Minuten mehr Angst und Anspannung erlebt als die meisten Menschen in ihrem kompletten Leben.“

ADAC TOTAL 24h Nürburgring 2020 Foto: 24h Media

Der Schotte war Legastheniker, woraus er auch nie einen Hehl machte. Und wenn Jackie  einmal besonders gut gelaunt war, dann erzählte er auch Jahrzehnte nach dem Ende seiner Karriere die folgende Geschichte: „Ich kann mir nicht einmal den Text unserer Nationalhymne merken, aber ich könnte Ihnen heute noch jeden Bremspunkt und jeden Gangwechsel für jede Kurve auf dem Nürburgring nennen. Auf dem Nürburgring zu fahren, das war wie Rodeo reiten.“