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Formel 1 in Russland
Vettel braucht rotes WM-Wunder – Hamiltons Sotschi-Souvenir

Russlands Präsident Putin gibt dem Drittplatzierten Sebastian Vettel die Hand. Foto: Sergei Grits/AP
Russlands Präsident Putin gibt dem Drittplatzierten Sebastian Vettel die Hand. Foto: Sergei Grits/AP FOTO: Sergei Grits
Sotschi. Voller Respekt verfolgte Sebastian Vettel die Debatte um das wohl WM-entscheidende Sotschi-Souvenir von Mercedes für Lewis Hamilton. Von Martin Moravec, dpa

Den Glauben an seine immer dramatischer schwindenden Chancen auf den Premierentitel mit Ferrari will der viermalige Formel-1-Weltmeister aus Deutschland aber noch lange nicht aufgeben. Selbst wenn Vettel fünf Grand Prix vor dem Saisonfinale schon 50 Punkte Rückstand auf den britischen Spitzenreiter hat und damit aus eigener Kraft ein rotes Wunder nicht mehr schaffen kann.

„Es ist ein großer Brocken, aber nicht unmöglich. Jeder weiß, wie viel passieren kann“, meinte Vettel nach der Stallorder-Blaupause der Silberpfeile in Russland. „Ich glaube noch immer an die Chance.“ In der aktuellen Form von Mercedes werde „es aber schwer.“

Zu dieser Erkenntnis ist Vettel nicht nur wegen der Leistungsstärke von Hamilton gelangt. Der viermalige Weltmeister aus England ist nach dem fünften Erfolg in den vergangenen sechs Grand Prix auf dem schnurgeraden Weg, nach Titeln mit Ikone Juan Manuel Fangio gleichzuziehen. Die Geschehnisse von Russland seien ein „Grabstein auf den Hoffnungen“ von Ferrari gewesen, befand selbst die „Gazzetta dello Sport“.

Vettel erkannte die polarisierende Taktik von Mercedes an, den Führenden Valtteri Bottas einzubremsen, um Hamilton dadurch den Sieg zu ermöglichen. „In ihrer Position ist es ein Selbstläufer, was sie getan haben“, äußerte der Heppenheimer vor der nächsten Station in Japan Verständnis. „Sie haben als Team sehr gut zusammengearbeitet.“ Ohnehin ist die Stallorder seit der Saison 2011 auch wieder erlaubt.

Genau solch eine Form des Teamworks hätte Vettel Anfang September beim Ferrari-Heimspiel in Monza gebrauchen können. Doch die Scuderia ließ in seinem Windschatten den Finnen Kimi Räikkönen zur Pole Position fahren. Man beschäftige schließlich „Fahrer und keine Butler“, beschied damals Teamchef Maurizio Arrivabene. Hamilton fand in Russland hingegen für Bottas Bezeichnungen wie „wahrer Gentleman“ und „unglaublicher Teamplayer“.

Von dieser Form der Schützenhilfe fühlte sich der Engländer dennoch beschämt. „In dem Sport ist das der merkwürdigste Tag in meiner Karriere, an den ich mich erinnern kann“, meinte der 33-Jährige nach seinem 70. Grand-Prix-Sieg. „Ich will auf die richtige Weise gewinnen. Dieser Sieg steht definitiv auf der Liste meiner Siege, auf die ich am wenigsten stolz bin.“ Aus der Heimat sekundierte der „Telegraph“ eilig: „Diese Art von Sieg ist nicht Hamiltons Stil.“

Bottas war sichtlich deprimiert. Sein fast greifbarer erster Saisonsieg wäre Seelenbalsam für ihn gewesen. Da sich der Mercedes-Kommandostand aber mit dem Zeitpunkt des Reifenwechsels bei Hamilton vergriff, wodurch dieser erst hinter Vettel auf die Strecke zurückkam und sich dann bei der Verfolgung auf den Gummiwalzen auch noch Blasen einfing, mussten die Bosse handeln.

„Jemand muss der Bösewicht sein und diesmal bin ich es“, räumte Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff ein, obwohl die Silberpfeil-Strategen mit ihren beiden Fahrern vorab schon diverse Szenarien durchgespielt hatten. „Du musst dann abwägen: Willst du am Sonntagabend aus vielen richtigen Gründen der Bösewicht sein oder der Idiot am Ende der Saison in Abu Dhabi. Dann bin ich lieber der Bösewicht heute und nicht der Idiot in Abu Dhabi.“

Vettel wäre glücklich, könnte er eine WM-Entscheidung bis zum Wüstentrip hinauszögern. Vor der Kulisse aus 1001 Nacht findet am 25. November das Saisonfinale statt. Hamilton könnte rein rechnerisch aber schon im übernächsten Rennen in den USA die WM perfekt machen.

„Ich war kein Genie in Mathematik, bin aber clever genug und weiß, dass es nicht einfacher wird, wenn wir Punkte verlieren“, sagte Vettel. „Ich denke aber noch immer, wenn wir die nächsten Rennen gewinnen, können wir eine Menge Druck auf sie aufbauen.“