Truck-Grand-Prix auf dem Nürburgring Wenn Brummis außer Rand und Band sind (Fotostrecke)

NÜRBURGRING · Seit 38 Jahren unverwüstlich: Was macht eigentlich die Faszination des „Trucker“ genannten Spektakels auf dem Nürburgring aus?

Fotos vom ADAC Truck Grandprix am Nürburgring
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Nürburgring: ADAC Truck Grandprix

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Wo ordnet man diese ganz und gar ungewöhnlichen drei Tage vom Freitag bis Sonntag auf und neben dem Nürburgring eigentlich ein? Motorsport? Ja, keine Frage. Und was für welcher. Industriemesse für Speditionen, für Brummi-Fahrer, für Menschen, die sich Sorgen um ihren Berufsstand machen? Auch, und nicht zu wenige. Oder Tummelplatz und Festival-Ground für Frauen und Männer mit Cowboy-Stiefeln, breitkrempigen Hüten und Johnny-Cash-CDs zu Hause im Plattenschrank? Auch das!

Genau deshalb hat der ADAC Truck Grandprix, seit vielen Jahren nur „Trucker“ genannt, seine Daseinsberechtigung in der Eifel. Seit nunmehr 38 Jahren. So wie sich Ihre Lordschaft mit Frack und Zylinder inklusive dazugehöriger Damen in Robe zum Pferderennen in Ascot einfinden, so schlagen am Ring die Trucker-Jungs in Fransen-Lederwesten mit bunt gekleideten Halstuch-Mädels auf. Unkonventionell, hemdsärmelig. Das Gegenteil von Allem, was in Größe, Leistung, Optik und bäriger Akustik unter das Adjektiv normal fällt.

Was macht die Faszination dieses Spektakels, das sich seit mehr als dreieinhalb Jahrzehnten in der Eifel nicht nur hält, sondern permanent größer und vielfältiger wird, eigentlich aus? Ist es die Prämisse vom „Leben und leben lassen“? Oder einfach nur die Vorgabe, das schrille und ungewöhnliche Treiben auf der Rennstrecke, in den Fahrerlagern, an den Verkaufsständen und auf der Festivalwiese für drei Tage frei und hemmungslos genießen zu dürfen?

Kein Mensch käme im täglichen Berufsverkehr auf die Idee, mit einem Nutzfahrzeug-Koloss mit weit mehr als 1000 PS um die Ecken zu fliegen und sich bei Tempo 160 mit dem Nebenmann um die weitere Funktionsfähigkeit des Seitenspiegels zu streiten. Beim Trucker geht das. Inklusive Lackaustausch und Kaltverformung des Blechs. Da erwartet man das. Wer nicht dagegenhält, wer den Gasfuß lupft, der hat hier nichts zu suchen.

Und doch ist Truckracing alles andere als ein blindwütiger Anachronismus. Hier wird nicht in den schwankenden Führerhäusern „gebolzt“, bis der – oder auch die - Letzte übrigbleibt und der Rest der Renntrucks vom Lumpenkrämer zusammengekehrt wird. „Wir fahren um die Titel unserer Serie, der Truck-Europameisterschaft, nach einem festen Reglement, mit Fahrzeugen, die von den technischen Kommissaren vor und nach jedem Rennen aufs Schärfste kontrolliert werden. Und den oder die Konkurrenten einfach von der Strecke zu befördern, geht schon gar nicht“, sagt Sascha Lenz.

Der Unternehmer aus Plaidt in der Eifel ist einer der profiliertesten Könner im fest montierten Sitz des schwankenden Führergehäuses. Truck-Rennfahrer verrichten ihre Arbeit am absoluten körperlichen, psychischen und technischen Limit. Sie tragen feuerfeste Unterwäsche, Rennanzug, Helm und HANS (head and neck support). Wie Nordschleifen-Profis oder Formel-1-Fahrer. Vorsicht ist bei Autos mit mehr als 1150 PS die Mutter der Porzellankiste.

Als sich der ADAC Mitte der 1980er Jahre auf dem neu eröffneten Kurs in der Eifel entschloss, dort LKW-Rennen zu veranstalten, da galt das als gewagtes Unterfangen. Das in den Gründerjahren entdeckte und vom Weltmotorsportverband FIA alsbald annektierte Truckracing ist mittlerweile ein wichtiges Marketing-Instrument der gesamten LKW-Branche geworden.

Als MAN in den 1990er Jahren aussteigen wollte, gab es heftige Reaktionen aus dem Kundenkreis und die Münchener traten brav weiter mit an, wenn die programmierten Crashs Hunderttausende begeisterten und die Rennen zum „Familienfest der Brummis“ wurden. Inzwischen beherrschen viele Mitspieler der milliardenschweren Nutzfahrzeug-Szene die Klaviatur der marktschreierischen Propaganda. Freightliner, Iveco oder Scania duellieren sich um die Plätze an der Sonne. Bei der Siegerehrung, an den Verkaufsständen und im Schaufenster.

Neue Berufszweige haben sich entwickelt. Männer und auch Frauen wie etwa Ex-DTM-Pilotin Ellen Lohr oder die aktuelle Top-Fahrerin Steffi Halm genießen bei den Fans Legendenstatus. Am Wochenende drängelten sich die Besucher zu Tausenden bei den Autogrammstunden ihrer Idole, die sie von voll besetzten Tribünen aus anfeuerten. Doch im Gegensatz zu den meisten anderen Motorsportserien auf zwei oder vier Rädern, dem Rundkurs oder der Wertungsprüfung, ist Truckracing weit weniger ergebnis-orientiert.

Die Top-Fahrer wie Europameister Norbert Kiss (Ungarn), oder in der Eifel die beiden deutschen Piloten Jochen Hahn und Sascha Lanz, haben eigene Fanclubs und genießen hohes Ansehen. Wer aber momentan in der aktuellen Wertung der Truck-Europameisterschaft vorn liegt, wer wie viele Punkte hat, wer die letzten Rennen vor wem gewonnen hat, das wussten viele der Besucherinnen und Besucher, die wir stichprobenartig danach gefragt hatten, auf Anhieb nicht.

Der Trucker, ein Mix aus Motorsport, Berufsethos, Jahrmarkt und Budenzauber für allen möglichen Country-Krimskrams, ist eigentlich eine gelungene Lifestyle-Party. Für Männer und Frauen, die einmal im Jahr die Fesseln des Alltags abstreifen möchten, und in heile Trucker-Romantik eintauchen möchten.

Um es mit Johnny Cash zu sagen: Drei Tage „Ring of fire“.