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Radsport: Wie Teams bei der Tour de France funktionieren

Radsport : Tour de France: Brunnenputzer, Schildknappen, Edelhelfer

Typen wie Bölts, Buchmann oder Heras: Die innere Ordnung und Stabilität eines Teams ist von elementarer Bedeutung für den Erfolg des Chefs.

Wer gesehen hat, wie Tadej Pogacar am Mittwoch auf der Königsetappe der diesjährigen Tour de France die letzten (Kilo)Meter scheinbar leichtfüßig hinauf auf den Col du Portet „geflogen“ ist, fragt sich als zwar interessierter, aber nicht ganz so firmer Radsport-Zuschauer am Bildschirm schon, welchen Anteil dessen Team, seine Helfer, deren Auswahl und Aufgabenbewältigung an einer solchen Triumphfahrt haben. Ist Radsport in diesen sprichwörtlichen Höhen finales Ergebnis einer ausgeklügelten Mannschafts-Strategie oder einfach nur die logische Konsequenz der Annahme, dass der Stärkste auch als Erster ankommt?

Große Namen prägen den professionellen Radsport. Bei Fahrern wie bei Mannschaften. Telekom, T-Mobile, US Postal, Discovery Channel, Sky, oder eben jetzt UAE, also Team­emirates. Die Equipe der Vereinigten Arabischen Emirate. Tour-de-France-Sieger, auch solche, denen ihre Erfolge später wegen nachgewiesenen Dopings aberkannt worden waren, wurden immer von mächtigen Konzernen alimentiert.

Bestückt sind diese Ausnahmekader mit Spezialisten für Aufgaben, die sich an den Fähigkeiten ihres Kapitäns orientierten. Ist dieser ein ausgewiesener Klassementfahrer, braucht es gute Leute am Berg und für die Rückführung. Ist der Leader ein Aspirant für das Grüne Trikot des besten Sprinters, kommt eine Equipe nicht ohne die listigsten, mutigsten, oft auch rücksichtslosesten Anfahrer im finalen Gedränge aus, um den Chef für die entscheidenden Meter nach vorn zu lotsen.

Es ist die Tragik oder die unvollendete Geschichte vieler extrem guter Radsportler, dass sie eigene Ansprüche – auf Anweisung und nach vorheriger Absprache – im Sinne der Equipe und des Kapitäns völlig hinten anstellen und sich oft um bessere Platzierungen oder gar Siege und Erfolge bringen.

Der stets die Öffentlichkeit völlig ignorierende Andreas Klöden oder auch Udo Bölts aus dem pfälzischen Heltersberg erfüllen dieses Rollenbild. Bis zur Selbstaufgabe Domestike des oft an sich zweifelnden jungen Jan Ullrich, war Bölts von der persönlichen Beschaffenheit her der geborene „Schildknappe“ des Radsports.

Auf eigene Rechnung auszureißen, wäre dem Mann aus dem Pfälzer Wald nie in den Sinn gekommen. Paradebeispiel einer auf das alleinige Ziel zugeschnittenen Teamorder ist Roberto Heras (47). Der Spanier, zu Hause viermaliger Vuelta-Sieger, war seinerzeit einer der besten Bergfahrer, ein Mann fürs Tour-Podium. Indes: er durfte, für viel Geld, nicht so wie er wohl gerne gewollt und vermutlich auch gekonnt hätte. Armstrong profitierte damals genauso vom Handlanger Heras wie danach Alberto Contador oder Alejandro Valverde von den Lieferdiensten des unscheinbaren, aber in der Not stets präsenten Roman Kreuziger.

Vor Jahren saßen wir abends nach einer Tour-Etappe mit Christian Henn, damals Sportlicher Leiter bei Team Gerolsteiner zusammen. Henn, der nach seiner Zeit als Telekom-Profi Ende der 1990er Jahre den Missbrauch des Blutdopingmittels EPO zugegeben hatte, wusste als Betroffener um den schmalen Grat dessen, was zu jener Zeit offen im Team kursierte und was sich später Jahr für Jahr zunehmend in der Grauzone individueller Handhabung abspielte.

Im kleinen Kreis der „Blauen Stunde“ sagte der immer sehr zurückhaltende und fast schon medienscheue heute 57-Jährige, das sei „die schlimmste Zeit meines Lebens“ gewesen. Ihm sei danach klar gewesen, „wenn ich noch einmal im Radsport eine Tätigkeit aufnehme, dann nur ohne Doping“. Der Heidelberger wusste wie nur wenige um die Schwierigkeiten der inneren Balance eines Teams mit verschiedenen Fahrer-Charakteren. Typen wie er hätten nie gegen die innere Ordnung und Stabilität eines so fragilen Gebildes verstoßen. So wie in diesem Jahr der zuvor hoch gehandelte Emanuel Buchmann, der alle persönlichen Chancen zugunsten des neuen Bora-Chefs Wilco Kelderman aufgab. Der Weg vom Hoffnungs- zum Wasserträger ist oft nicht weit.