1. Sport
  2. Sport aus der Region

1. FC Kaiserslautern: Ein Höllenritt für die Roten Teufel

3. Liga : 1. FC Kaiserslautern: Ein Höllenritt für die Roten Teufel

Der vierfache Deutsche Meister kämpft gegen den Abstieg aus der 3. Liga – Große Sorge unter Ex-Spielern und Fans.

Die Alarmglocken schrillen beim 1. FC Kaiserslautern. Der zuletzt so jämmerliche Auftritt in der 3. Liga beim 0:1 gegen den SV Wehen-Wiesbaden lassen die Abstiegssorgen beim traditionsreichen und einst so erfolgreichen Club aus der Pfalz immer größer werden. Die Angst vor dem Höllenritt der Roten Teufel in die Regionalliga ist groß. Deshalb zogen die Verantwortlichen kurz nach dem Spiel am Samstag die Reißleine und beurlaubten den glück- und zuletzt immer ratloseren Trainer Jeff Saibene. Nachfolger des Luxemburgers, der erst Anfang Oktober verpflichtet worden war, wird Marco Antwerpen (siehe Extra).

Wie sie die aktuelle Lage beim FCK sehen, welche Gründe es für den Niedergang gibt, und wie groß die Hoffnung auf Besserung ist, sagen frühere Spieler und Fans in einer TV-Umfrage.

Unter dem neuen Trainer Antwerpen setzt Thomas Riedl vor allem auf „deutlich mehr Mut – das, was zuletzt geboten wurde, war Angsthasenfußball“. Der 44-Jährige war einst mit den Lauterern Deutscher Meister (1998) und spielte auch für 1860 München in der Bundesliga. Die Ausgeglichenheit in der 3. Liga macht ihm Hoffnung: „Da kann fast jeder jeden schlagen.“ Riedl, der 2010 auch mal einige Monate für Eintracht Trier in der Regionalliga gespielt hat, sehnt die „Rückkehr von Spaß und Freude zurück. Vielleicht ist Marco Antwerpen jetzt der, der den Jungs den Stress nimmt“. Zugute hält er dem kurz nach Saisonstart verpflichteten Saibene, dass dieser „mehr oder weniger mit dem vorhandenen Spielermaterial auskommen musste“.  Gerade jetzt sieht Riedl die Zeit gekommen, um das eigene Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) zu stärken: „Das ist das Gold des Vereins. Es braucht wieder mehr Talente aus den eigenen Reihen.“

Mit öffentlichen Aussagen halten sich FCK-Aufsichtsrat Fritz Fuchs und Clublegende Hans-Peter Briegel momentan zurück. Beide machen aber keinen Hehl daraus, dass sie die Lage als sehr prekär einstufen. „Es ist schon genug Unruhe. Wir sind intern im Austausch“, sagt Briegel, der einst wie Fuchs in Trier die sportliche Leitung innehatte.

Als Mitglied der FCK-Traditionsmannschaft sieht auch Thomas Richter die Lage bei den Profis der Roten Teufel mit wachsender Sorge. Der Wahl-Trierer – 1991 mit Kaiserslautern Deutscher Meister – sah am Samstag eine „total platte Mannschaft. Wenn sie so weiterspielt, steigt sie ab“. Dabei hatte die Mannschaft auch nach Ansicht des 53-Jährigen eine Woche zuvor beim 3:4 in Dresden noch eine ordentliche Leistung geboten. Als zunehmendes Problem sieht Richter die schwierigen Platzverhältnisse im Fritz-Walter-Stadion, die ein geordnetes Spiel fast gar nicht zulassen – ähnlich wie 1996, als man aus der Bundesliga abstieg.

Rund zwei Dutzend Fans stellten die FCK-Spieler nach dem peinlichen Auftritt gegen Wehen-Wiesbaden am Samstag vor den Stadiontoren zur Rede. In Corona-Zeiten können die Anhänger nur zu Hause am Bildschirm mitfiebern.

Per Whatsapp oder bei eher zufälligen Treffen auf der Straße im Trierer Stadtteil Euren hält Hardi Greza derzeit Kontakt zu den Mitgliedern des Fanclubs ,Treverer Teufel’. „Einige bei uns meinten schon, dass es momentan besser ist, nicht vor Ort sein zu können. Da würden wir uns ja nur totärgern“, gibt der Vorsitzende des 280 Mitglieder starken Fanclubs zu. Der Glaube an die Mannschaft ist immer noch da: „Andere, wie momentan Zwickau, machen es vor, wie schnell man mit ein paar Siegen unten raus ist.“ Mit einem Absturz in die Regionalliga will sich Greza noch nicht ernsthaft beschäftigen. Und wenn doch der Worst case eintritt, „bleiben wir treu. Wir sind auch schon mit in die Dritte Liga gegangen. Immerhin wären dann einige Auswärtsfahrten nicht mehr so weit“.

Die Lauterer Defizite wurden aus Sicht von Petra Beucher vom FCK-Fanclub Mittelmosel aus Wehlen im jüngsten Spiel sehr klar: „Das war eine absolute Schande. So kann und darf man sich nicht verkaufen. Dieses Team ist einfach nur schwach. Zudem hat man das Gefühl, dass die Fitness und die Kondition einfach nicht reichen.“

Hinzu komme, dass sich der Druck auf die Akteure immer mehr erhöhe: „Da kommt Angst hinzu, die dann wieder Kopf und Beine lähmt.“ Sportdirektor Boris Notzon wirft sie vor, dass er „Spieler eingekauft hat, die aber kein Team bilden“. Mit der Einstellung, die diese Mannschaft zutage lege, „wird das auch nichts mehr in dieser Saison. Da könnten auch ein Klopp oder Mourinho als Trainer nichts ausrichten“. Patrick Schäfer vom Fanclub Eifelhölle aus Bitburg-Matzen war überrascht von den Aussagen des Aufsichtsrats Markus Merk in der Fernsehsendung SWR-Sport am Sonntagabend: „Da hat er gesagt, dass Sportdirektor Boris Notzon nicht mehr in die Suche nach dem neuen Trainer involviert war. Das kommt einer Entmachtung gleich.“ Der Niedergang des FCK ziehe sich „wie ein roter Faden durch die letzten Jahre. Das zermürbt einen schon als Fan“, gibt Schäfer zu. 

Als Fan und Journalist begleitet Thomas Hilmes den Verein. Seit gut 20 Jahren betreibt der Moselaner aus Piesport das Online-Magazin www.der-betze-brennt.de. Keinen Hehl macht er daraus, persönlich den einst als Spieler für den FCK aktiven und aus der Pfalz stammenden Torsten Lieberknecht eher als neuen Cheftrainer favorisiert zu haben. Der stattdessen verpflichtete Marco Antwerpen „gilt als menschlich schwierig, aber fußballerisch als Fachmann. Er hat bei früheren Stationen Erfolg gehabt“.

Auch Hilmes macht viel Ärger und Frust in der FCK-Fangemeinde aus. Das Interesse ist aber unverändert groß. Auf seiner Webseite zählte er am Samstag und Sonntag je 400 000 Aufrufe, was gut drei Mal über dem normalen Schnitt liegt.

Tausende Fans hat der vierfache Deutsche Meister und zweimalige DFB-Pokalsieger nach wie vor in der Eifel, an Mosel und Saar sowie im Hunsrück. Seit 1988 ist Thomas Nummer (45) aus Wittlich dabei. Er sieht den geschassten Jeff Saibene als Bauernopfer: „Dass wir viele talentierte Spieler, aber keine Mannschaft haben, ist eine Produktion seines Vorgängers Boris Schommers und von Boris Notzon. Ich glaube nicht, dass Marco Antwerpen das Ruder herum­reißen kann.“ Das Jahr eins nach dem Wiederaufstieg in die Bundesliga (2009) macht Stefan Philipp aus Malborn (Kreis Bernkastel-Wittlich) als „Beginn des schleichenden Niedergangs aus“. Beim 60-Jährigen, der dem FCK seit 1970 die Daumen drückt, regiert das Prinzip Hoffnung, dass Marco Antwerpen mit der Mannschaft nun die Kurve kriegt. Gerade in diesen so schweren Zeiten werden bei so manchem Anhänger Erinnerungen an gute, alte Zeiten wach. Albert Thiex aus Merlscheid (Kreis Bitburg-Prüm) wurde 1974 Fan des FCK, nachdem er das Bundesligaspiel gegen Werder Bremen besucht hatte: „Trainer war Erich Ribbeck. Als Spieler sind mir besonders Sepp Pirrung und Klaus Toppmöller im Gedächtnis geblieben.“

Auch wenn die Lage beim FCK nun bedrohlich ist und das Spiel am Samstag „eines der schlechtesten Spiele war, das ich je vom FCK gesehen habe“, ist er  „dennoch guten Mutes, dass es nun mit  dem Drittliga-erfahrenen Antwerpen und der Tatsache, dass Boris Notzon nicht mehr das Sagen hat, einen echten Neuanfang gibt“. Nach Meinung von Harald Stach aus Kenn (Kreis Trier-Saarburg) ging die Talfahrt des FCK schon kurz nach der Deutschen Meisterschaft 1998 los: „Den Untergang zu verantworten hat in erster Linie die frühere Führungsriege mit Jürgen Friedrich und Co., die den Verein durch teure, abgehalfterte Spieler wie Youri Djorkaeff und Taribo West und illusorische Ziele in wirtschaftliche und sportliche Schieflage gebracht haben.“ Den Glauben an die Qualität des aktuellen Kaders hat Frank Hermes nicht verloren. Der 48-jährige Nusbaumer (Eifelkreis Bitburg-Prüm) verweist auf „einen der teuersten Kader in der 3. Liga. Wenn die Jungs ihr Potenzial abrufen würden, ist der Klassenerhalt noch zu packen“. An die Mentalität der Spieler appelliert Oliver Bauer aus Pölich an der Mittelmosel: „Gerade in der 3. Liga und besonders beim FCK braucht es Leute, die Gras fressen.“ Der 50-Jährige betreibt ein Schnellrestaurant in Schweich. Der Montag ist für ihn oft der schlimmste Tag in der Woche: „Da werde ich dann immer auf das angesprochen, was der FCK am Wochenende wieder fabriziert hat.“