Beim Testtag von WM-Spitzenreiter Thierry Neuville hoch über der Mosel bekommen die Fans einen Vorgeschmack auf die Deutschland-Rallye in gut zwei Wochen.

Motorsport : Kommt ein Belgier geflogen

Beim Testtag von WM-Spitzenreiter Thierry Neuville hoch über der Mosel bekommen die Fans einen Vorgeschmack auf die Deutschland-Rallye in gut zwei Wochen.

Morgens um 7 Uhr ist am gestrigen Donnerstag die Welt in den Weinbergen oberhalb des Moselorts Ensch schon längst nicht mehr in Ordnung. Das liegt an einem emsig arbeitenden Trupp von Männern in dunkelblauen Monteur-Anzügen, die aus den Bäuchen etlicher Dreieinhalb-Tonner jede Menge Material wuchten. Stangen und  Planen,  die sie in Windeseile zu einem  Vordach zusammenschrauben. Dazu Rampen, Kisten, Kanister, Kabeltrommeln, Flatterbänder, Bohrmaschinen. Heimhandwerker-Herz, was willst du mehr.

Gut zwei Wochen vor dem deutschen Lauf zur Rallye-Weltmeisterschaft, dessen Herzstück neben der Panzerplatte in Baumholder immer noch die Weinbergs-Prüfungen sind, hat das Hyundai Shell World Rallye Team mit dem WM-Führenden Thierry Neuville aus Belgien an diesem Tag genau 4,393 Kilometer Asphalt von der Gemeinde Ensch für einen Testtag angemietet.

Zwischen den schnellen Schotterpisten der  finnischen Wälder vergangene Woche und den engen, winkligen Prüfungen im Schlund der grünen Rebstöcke muss vieles an den Rallye-Autos geändert werden. Aufhängung, Dämpfer, Differential. Und, und, und.

Um kurz vor 8 Uhr kommt der, auf den es an diesem Tag ankommt: Thierry Neuville  – lässig,  freundlich nach allen Seiten grüßend, mit schicker Brille als Markenzeichen. Die Monteure haben seinen Hyundai i20 WRC, noch in unschuldigem Weiß strahlend, schon angeworfen.

Dann endlich, um kurz nach 9 Uhr: die erste Testfahrt für heute. Streckenposten haben längst alle möglichen Zufahrtswege abgesperrt, sind mit Funkgeräten untereinander verbunden, DRK-Rettungswagen stehen an neuralgischen Punkten. Neuville und sein Beifahrer Nicolas Gilsoul bringen  das mächtige Triebwerk kurz zum Aufheulen.  Dann  stürzt sich das Duo ins Geschehen. In der steil nach oben führenden Bornwiese in Ensch winden sich zur gleichen Zeit die Fans nach oben. Viele kennen sich aus, sind mit GPS unterwegs zur besten Sprungkuppe, zur engsten Haarnadelkurve, zur „Blindflug-Passage“ zwischen hohen Rebstöcken.

Neben ihrem Rettungswagen, der ihnen etwas schützenden Schatten gewährt, hoffen Sandra Phlepsen und Markus Rummel vom DRK-Ortsverein Schweich darauf, „dass wir möglichst nichts zu tun bekommen“. Die beiden sind ehrenamtlich vor Ort und mahnen die vielen Fans, nicht in der prallen Sonne zu stehen sowie genügend Flüssigkeit zu sich zu nehmen.

Neuville und Gilsoul drehen Runde um Runde. „70 Grad ungefähr“, sagt Neuville in der ersten kleinen Pause, herrschen im Cockpit des World Rallye Car. Er trägt feuerfeste Unterwäsche, Rennanzug, Helm.  Er ist motiviert bis in die Haarspitzen.

Während die Mechaniker Änderungen vornehmen und die beiden Piloten mit den Renn-Ingenieuren Daten auswerten, werfen die belgischen Fans zwischen den Rebstöcken den Grill an. Jeff, der stolz seinen Hörnerhelm in den Landesfarben trägt, erzählt,  dass sie Neuville fast zu jedem Test vor der Deutschland-Rallye begleiten: „Die Belgier sind Rallye-verrückt. Thierry ist einer von uns.“ Zwischendurch bleibt Neuville ein wenig Zeit für eine Einschätzung. „Die erste Asphalt-Rallye nach Finnland ist immer ein Abenteuer. Es gibt so viele Dinge am Auto, die getauscht und geändert werden müssen.“ Die Deutschland-Rallye sei eine Art Heimrallye für ihn. Vor vier Jahren hat er bei ihr seinen ersten Sieg für Hyundai eingefahren.

Mit der Deutschland-Rallye verbindet er ganz besondere Erinnerungen. „So viele Fans von mir sind sonst nirgends. Diese Rallye hat einen ganz besonderen Charme. Nirgendwo sonst wird der Fahrer so gefordert wie hier. Das sind drei verschiedene Rallyes in einer.“  Und genau deshalb sind diese Testtage so wichtig. So wie der gestern in Ensch.

Mehr von Volksfreund