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WM-Geflüster
Bitte kein Ende ohne Legende

Die WM-Legenden des Fußballs sind herrliche Geschichten. Spannend und faszinierend auch Jahrzehnte später, im Gutem wie im Bösen. Viele dieser Legenden haben deutsche Nationalmannschaften geschmiedet oder waren zumindest an ihrer Entstehung beteiligt. Von Jörg Pistorius
Jörg Pistorius

Es sind nicht nur die Titel 54, 74, 90 und 2014, die bis heute Theken und Wohnzimmer in Schauplätze lautstarker Debatte verwandeln können. Da gibt es noch wesentlich mehr zu erzählen.

Zum Beispiel die Begegnung zwischen dem damaligen Gastgeber Schweden und dem amtierenden Weltmeister Deutschland 1958. Das Spiel ging in die Geschichte ein als die Hölle von Göteborg. Schwedische Einpeitscher hetzten das Publikum regelrecht auf, viele Spieler agierten überhart und übermotiviert. Als der deutsche Verteidiger Erich Juskowiak sich für ein Foul im Affekt bei seinem Gegenspieler Kurt Hamrin revanchierte, wurde er vom Platz gestellt – heute dumm, aber normal, damals ein Riesenskandal.

Noch ein Skandal? Kein Problem. Im Achtelfinale 1990 in Italien traf die deutsche Mannschaft auf die Niederlande. Deren Abwehrchef Frank Rijkaard spuckte den deutschen Stürmer Rudi Völler mehrfach an. Nach einem Gerangel im niederländischen Strafraum stellte der Schiedsrichter schließlich beide vom Platz, dabei war Völler völlig unschuldig. Was sich in diesem Moment vor deutschen Fernsehern abspielte, entzieht sich jeder Vorstellungskraft und wurde wohl nur noch durch den Jubel nach Jürgen Klinsmanns und Andreas Brehmes Siegtreffern übertroffen.

Noch einer? Gerne. Die Schande von Gijon 1982. Deutschland führte gegen Österreich früh mit 1:0, ein Stand, der beiden Teams das Weiterkommen in die nächste Runde garantierte. Nach diesem Tor geschah deshalb – nichts mehr. Harmloses Ballgeschiebe. Bis heute kann man sich herrlich darüber aufregen, und zwar völlig zu Recht.

Klar gibt es auch die guten Legenden, die Geschichten von Ruhm und Ehre. Das großartige Spiel des Jahrhunderts zwischen Deutschland und Italien 1970. Das Sommermärchen 2006.

Und heute? Wo sind sie denn, die Geschichten, an die man sich noch in einem halben Jahrhundert erinnern wird? Neymars Fallsucht, auch wenn nur ein Windhauch ihn trifft, Messis unrühmlicher Auftritt, der Abschied der meisten Turnierfavoriten und auch Toni Kroos‘ genialer Freistoß in letzter Sekunde – sorry, aber das reicht bei weitem nicht. Daran wird sich niemand erinnern, darüber wird in 30 Jahren niemand an der Theke streiten. Ist die Zeit der Legenden denn vorbei? Hoffentlich nicht. Und noch läuft das Turnier.