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Blick in die Region Trier: Wie Corona, Netflix und ein Star den Schachsport beflügeln.

Schachsport-Boom : Streifzug durch die Region Trier: Es läuft für Läufer und Co.

Wie die Corona-Pandemie, eine Serie bei Netflix und ein Nachwuchs-Star aus Rheinland-Pfalz den Denksport beflügeln.

Abgeriegelte Sporthallen, abgesperrte Sportplätze, geschlossene Fitness-Studios. Im aktuellen Lockdown sind viele Sportarten auf Eis gelegt. Manche Kurse oder Übungen lassen sich online anbieten. Doch Eins-zu-eins-Projizierungen ins Internet sind – gerade was Wettkämpfe und Wettbewerbe angeht – oftmals nicht möglich.

Eine Ausnahme: Schach. Partien können problemlos auch am Computer-Bildschirm ausgetragen werden. Der Denksport erlebt dank dieser Möglichkeit aktuell einen Boom.

Wie sieht’s in der Region Trier aus? Wir haben uns umgehört.

Gibt’s einen (Online-)Schach-Boom? „In den letzten Wochen sind viele Anfragen bei den Vereinen eingegangen, die regelmäßig ihren Mitgliedern Online-Schach anbieten. Das Spektrum umfasst die Mutter, deren sechsjähriger Sohn das Schachspielen für sich entdeckt hat, den Schüler, der sich erinnert, dass in der Schule eine Schach-AG angeboten wird, oder den Senior, der nach vielen Jahren wieder einsteigen möchte“, berichtet der Schweicher Achim Schmitt, Präsident des Schachbezirks Trier.

Foto: -/Screenshot

Wie ist das größere Interesse zu erklären?

„Schach hat den Vorteil, dass man es auch online relativ problemlos spielen kann (die Probleme mit Mogeleien einmal außen vor gelassen). Die Teilnehmerzahlen bei Online-Turnieren sind explodiert, und neue Online-Plattformen haben sich am Markt etabliert“, sagt Schmitt.

Aus Sicht von Eric Berres, Turnierleiter beim Schachclub Wittlich, sind die Umstände der Corona-Pandemie sowie eine bessere Vermarktung maßgeblich für den Boom ausschlaggebend: „Es mangelte in den letzten Jahrzehnten an charismatischen Persönlichkeiten. Aktuell beginnt Mag­nus Carlsen diese Rolle mehr und mehr einzunehmen. Und auch in Deutschland gibt es einen Hoffnungsträger: Vincent Keymer aus Mainz. Wenn er es schafft, entsprechend seinem Potenzial in die Weltspitze zu gelangen, wird dieser aktuelle Boom erst der Anfang sein.“

Welche Rolle spielt die Netflix-Serie „Damengambit“?

Mehr als 100 Millionen Menschen haben weltweit die seit einigen Wochen auf Netflix gestreamte Serie gesehen. Was macht sie so erfolgreich? Aus Sicht von Christoph Görres, 2. Vorsitzender der Schachgesellschaft (SG) Trier, spielen mehrere Faktoren eine Rolle: „Die Serie ist sehr authentisch. Viele junge Schachtalente haben einen ähnlichen Weg genommen: Sie wurden von einem Trainer/Lehrer in den Bann gezogen, haben die Regeln erlernt, sind tiefer in die Materie eingestiegen, bis sie dann in irgendwelchen Schachzeitungen nach Turnieren in der Nähe suchen.“

Foto: dpa/Georgios Souleidis

Was wird im Schachbezirk Trier geboten? Mehrere Vereine sowie der Dachverband bieten über die kostenfreie Plattform „Lichess“ eine Reihe von Online-Spielabenden und -Turnieren an. Laut Schmitt hat der Bezirk Trier bisher 37 Lichess-Jugendeinzelturniere und zwei Lichess-Mannschaftsturniere organisiert.  Jeden Mittwoch finde von 18.30 Uhr bis 20 Uhr ein Schnellschachjugendturnier auf Lichess statt.

Die Ausschreibung eines Online-Schachturniers ist laut Harald Enders, Vorsitzender der  Schachfreunde Bitburg, in wenigen Minuten möglich: „Für alles andere sorgt der Server – einschließlich der Organisation der Siegerehrung mit digitalem Pokal und Konfetti.“ Die Vereine können so eine Reihe von Online-Angeboten machen – seien es Turniere oder Trainings. Die Schachfreunde Bitburg zum Beispiel greifen beherzt zu: Seit April 2020 wurden laut Enders etwa 70 vereinsinterne Turniere gespielt.

Auch die SG Trier ist bei Turnieren und Online-Ligen dabei. Christoph Görres berichtet von einem Highlight: „Vor einigen Wochen haben wir in einer Liga mit dem Verein des Schachweltmeisters Magnus Carlsen gespielt, und Carlsen hat sich zwischendurch als Zuschauer einige Partien angesehen.“

Auf der Lichess-Seite des Schachclubs Wittlich sind nach Auskunft von Eric Berres zurzeit 30 Mitglieder angemeldet: „Und es kommen stetig noch welche hinzu.“

Dirk Koch, Vorsitzender des Schachklubs Schweich, hebt die verschiedenen Spielarten hervor, die sich im Online-Schach bieten: „Da wird sogenanntes Atomschach, Räuberschach, Bulletschach, Horde oder Schach 960 gespielt. Es sind gerade diese unterschiedlichen Variationen, die das virtuelle Schachleben bereichern.“

Was ist noch geplant?

Bezirkschef Schmitt berichtet, dass der Deutsche Schachbund mit der Schach-Online-Liga (DSOL) ein Konzept entwickelt hat, um Mannschaftskämpfe online annähernd ähnlich wie Präsenz-Mannschaftskämpfe durchführen zu können. Bei der ersten Auflage 2020 haben nach Auskunft des Schweichers 246 Teams teilgenommen, für die zweite Auflage ab 18. Januar hätten sich kurz vor Meldeschluss 298 Teams registriert. Auch in Rheinland-Pfalz würden derartige Turniere organisiert.

Online-Turniere sind schnell organisiert – mehr Mühe bereitet dagegen, vor allem die Jüngsten und Senioren mit dem Umgang mit PC, Maus und dem Internet vertraut zu machen. Harald Enders von den Schachfreunden Bitburg: „Wir haben Handlungsanweisungen für die Eltern zum Umgang mit Lichess, dem Videokonferenz-System Discord und Schachtrainingsprogrammen geschrieben und verteilt. Zwischen Juni und Oktober 2020 haben wir die Zeit der Lockerungen für die Übungen am PC im Präsenztraining nutzen können. Mit finanzieller Unterstützung der Stiftung der Kreissparkasse Bitburg Prüm und der Stadt Bitburg haben wir PCs, Beamer und 60 Lizenzen für Schach-Trainingsprogramme beschafft und eingeführt. Insgesamt war der Weg mühsam, aber er hat sich sehr gelohnt.“

Ist Online-Schach dasselbe wie Präsenz-Schach?

Klar, das Ziel des Spiels ist dasselbe. Doch die Rahmenbedingungen sind fundamental anders. Bezirkschef Schmitt: „Die meisten Spieler bevorzugen das klassische Schachbrett wegen der persönlichen Atmosphäre und der wesentlich längeren Bedenkzeit. Viele Spielmöglichkeiten auf Lichess haben mit dem eigentlichen Schachspiel wenig zu tun. Nach einer Präsenz-Schachpartie können die Spieler in einem persönlichen Gespräch die Partie anhand der Notationen nochmal analysieren und ihre Emotionen dazu austauschen. Online-Schachspiel verführt zu schnellerem Spielen, wobei hier die Qualität leidet.“

Kurze Bedenkzeiten machen aber auch die Attraktivität aus. Harald Enders von den Schachfreunden Bitburg: „Wer online spielt, spielt viel häufiger als vorher. Wir haben einen Neunjährigen im Verein als Neumitglied gewonnen, der seit Beginn der Corona-Krise auf Lichess mehr als 5000 Schachspiele bestritten hat. Die große Zahl kommt auch durch sogenannte Bullet-Partien mit einer Minute Bedenkzeit für das gesamte Spiel zustande.“

Christoph Görres von der SG Trier macht auf den fehlenden psychologischen Aspekt beim Online-Schach aufmerksam: „Man kann dem Gegner keine Nervosität ansehen, man sieht nicht, auf welchen Bereich des Brettes er schaut.“

Nicht zu unterschätzen sind aus Sicht von Eric Berres vom Schachclub Wittlich zudem Unterschiede in der Visualisierung: „Das Spielen online unterscheidet sich in erster Linie durch die Ansicht des Brettes. Viele kommen mit der Visualisierung eines ,2D-Brettes‘ nicht so zurecht.“

Dirk Koch vom Schachklub Schweich stellt fest, dass es beim Online-Schach im wahrsten Sinne des Wortes nicht immer bierernst zugeht: „Der Erfolg, der im realen Schach zumeist an erster Stelle steht, ist nicht so wichtig. Hier wird geflachst, Partien werden kommentiert (zumeist auf lustige Weise). Und, was im Turnierschach ein Unding ist: Man gönnt sich auch schon mal das ein oder andere Bier.“

Werden aus Online-Mitgliedern Vereins-Mitglieder?

Bei allen Möglichkeiten, die das Online-Schach bietet – die Vereine sehnen den Zeitpunkt herbei, um sich wieder Auge in Auge gegenübersitzend dem Denksport widmen zu können. Bezirks-Präsident Schmitt: „Der Schachbezirk Trier hat bereits ein Konzept erarbeitet, um mit Präsenzschachspiel entsprechend den Hygienevorschriften in kleinen Gruppen starten zu können, sobald dies wieder möglich sein wird – bis wir wieder zum regulären Spielbetrieb, hoffentlich im Herbst, zurückkehren können.“

Und dennoch: Online-Schach soll aktuell helfen, eine coronabedingte Austrittswelle aus Vereinen zu verhindern. Doch auch nach Überwindung der Pandemie werden Online-Angebote wohl stärker als bisher eine Rolle spielen.

Ob die Schachvereine auf Sicht Mitglieder hinzugewinnen können, bleibt abzuwarten. „Wichtig ist, dass wir Vereine, aber auch die übergeordneten Organisationen, versuchen müssen, diesen Boom zu ,vermarkten‘“, sagt Schmitt.

Dirk Koch, Chef des Schachklubs Schweich, sieht  für die Zukunft eine Kombination aus beiden Schachwelten: „Die werden wir auch umsetzen müssen, wollen wir auch künftig in unserem Nischensport erfolgreich sein.“

Auch Christoph Görres von der SG Trier glaubt an ein belebteres Nebeneinander von Online- und Präsenz-Schach in der Zukunft: „Wer über eine Online-Plattform, eine Netflix-Serie oder Youtube-Videos zum Schach gefunden hat, wird höchstwahrscheinlich bald in einen Verein eintreten. Denn Schach ist und bleibt ein Vereinssport. Daher sind Online-Plattformen keine Konkurrenz, sondern ein wichtiges Angebot vor allem für junge Schachspieler.“