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Das Damengambit: Die Netflix-Serie löst in der Region Schachboom aus

„Damengambit“ - ein Erfolg bei Netflix : Schach ist nicht nur schwarz und weiß

Wie die Streamingserie dem Schach zu vielen neuen Fans verhilft. Spoiler: Am Denksport allein liegt der Riesen-Erfolg nicht.

Die Erinnerung an einen Spieltag in der besten Schachliga der Welt flackert auf. Es ist keine sechs Jahre her, im neon-nüchternen Konferenzraum der Stadtwerke Trier. Treffen der Großmeister aus halb Europa, Alltag beim Bundesliga-Spieltag. Die SG Trier, damaliger Bundesligist, empfängt unter anderem Bayern München, Trier wird haushoch gewinnen. Der Pressebeauftragte flüstert dem Reporter einen Satz zu, pssst, schade, dass der Karpov heute nicht dabei ist, der Ex-Weltmeister, der steht ja im Kader von ...

Pssst! Schon baut sich der Schiedsrichter resolut vor den Flüster-Rabauken auf. Wenn Blicke mattsetzen könnten: Ruhe, aber pronto! Hier müssen Menschen arbeiten, sich konzentrieren.

Zehn Jahre lang spielte Trier in der Schach-Bundesliga, finanziell unterstützt von einem solventen Schachfan, bis zum freiwilligen Rückzug 2017. Zehn Jahre Weltklasse-Spieler, ohne dass die Region groß Notiz davon genommen hätte. Die Eingeweihten schon, die im Nebenraum alle Partien analysierten – und die auch vor dem Jahr 2020 und ohne Netflix-Nachhilfe wussten, was ein Damengambit ist (eine häufig gespielte Schach-Eröffnung). Aber für die ganz breite Masse war zumindest das Spitzenschach-Ambiente: zu langatmig, zu verkopft, zu anstrengend, zu verkonferenzraumt. Das ist natürlich ein falscher Eindruck vom Denksport.

Deswegen erinnert bei der Netflix-Miniserie „Das Damengambit“ auch wenig an die mittleren 2010er-Jahre in Trier, höchstens die Figuren, die Bretter, die Spieleröffnungen der Großmeister. Die Ende Oktober erschienene siebenteilige Miniserie eröffnet dem Denksport ganz neue Welten – mehr als 100 Millionen Menschen haben die Serie bereits gesehen. Natürlich geht es bei der Adaption des Romans von Walter Tevis nicht nur um Schachpartien – aber das „Spiel der Könige“ ist auch nicht nur Mittel zum Zweck.

Im Zentrum der Serie steht Beth Harmon, grandios gespielt von Anya Taylor-Joy, die im kargen Kentucky der 50er und 60er aufwächst. Ohne Vater und mit einer labilen Mutter, die bei einem Autounfall stirbt. So verbringt Beth ihre Kindheit in einem Waisenhaus, wo sie ihre geniale mathematische Begabung beim Schachspielen entdeckt – widerwillig beigebracht vom Hausmeister Shaibel. Im Lauf der Serie besiegt Beth Gegner um Gegner, das klappt alles vielleicht ein bisschen reibungslos, aber das ist dem Erzähltempo geschuldet. Ihren schwersten Kampf führt sie gegen die Sucht, in die sie schon im Waisenhaus durch verabreichte Beruhigungsmittel gedrängt wird. Es geht um eine starke Frau, die sich in einer Männerdomäne durchsetzt.

Das Buch knüpft nicht an eine reale Person an, vermutlich dürfte der Sexismus gegenüber Schachspielerinnen damals ausgeprägter gewesen sein als in der Serie vermittelt. Aber das ändert nichts daran, dass „Das Damengambit“ nicht nur wegen der coolen Optik – gedreht wurde übrigens nicht in den USA, sondern in Berlin – und der schauspielerischen Leistungen sehenswert ist. Auch die Schachpartien sind gut umgesetzt. Dass die oft minutenlangen Pausen zwischen Zügen wegfallen, entspricht zwar nicht der Realität – aber das ist in diesem Format auch gut so. Als Berater stand Garry Kasparow zur Seite, der alte Rivale von Anatoli Karpow.

Wie die Geschichte ausgeht? Das lässt sich selbst überprüfen, falls noch nicht geschehen. Nur so viel: am Ende gibt’s eine Hängepartie – also eine Partie, die sich so lange hinzieht, dass sie am nächsten Morgen fortgesetzt werden muss. Die Wendung hat sich gehalten, im Schach ist der Begriff aber inzwischen obsolet: Sonst ließe sich die Partie von den Beteiligten abends durch den Computer jagen. Daran war in den 50ern und 60ern noch nicht zu denken.

„Das Damengambit“ ist auf Netflix abrufbar.