Der Werdegang von Ruder-Weltmeister Oliver Zeidler ist verblüffend.

Rudern : Oliver Zeidler: Einer wie keiner

Der Werdegang von Oliver Zeidler zum Ruder-Weltmeister verblüfft. Ein Treffen mit einem ungewöhnlichen Athleten vor der Gala zu Deutschlands „Sportlern des Jahres“.

Als Oliver Zeidler mit dem Rudern begann, war der Trierer Richard Schmidt als Mitglied des Deutschland-Achters bereits Weltmeister und Olympiasieger. Weltmeister ist Zeidler mittlerweile auch. Drei Jahre, nachdem er erstmals ernsthaft in ein Boot gestiegen war. Olympiasieger will er noch werden.

Das ist die Geschichte eines ganz und gar ungewöhnlichen Athleten, den der TV kurz vor der Gala „Sportler des Jahres“ in Baden-Baden (Sonntag, 15. Dezember, 22.15 Uhr/ZDF) traf. Zeidler hat das Zeug, bei der Wahl weit vorne zu landen.

Als der Leistungsschwimmer Oliver Zeidler die Qualifikation für Olympia 2016 in Rio verpasst hatte, deshalb ziemlich sauer war und etwas Neues machen wollte,  erinnerte er sich nicht nur an die Ruder-Verdienste seines Vaters. Es war die Geburtsstunde eines neuen Top-Athleten im Deutschen Ruderverband.

Das Rudern liegt Oliver Zeidler und der gesamten Familie in den Genen. Der Opa, Hans-Johann Färber, wurde als  Mitglied des legendären „Bullen-Vierers“  auf der Regattastrecke in Oberschleißheim 1972 Olympiasieger im Vierer mit Steuermann.  Vater Heino,  jetzt auch Trainer des Sohnes, war zweimal WM-Vierter. Der Onkel, Matthias Ungemach,  war 1990 Weltmeister  im Achter und 1991 im Vierer mit Steuermann.  Tante Judith Zeidler gewann 1988 im DDR-Achter Olympia-Gold. Schwester Marie-Sophie rudert im Nationalkader.

Dennoch war für Oliver Zeidler, der nur ein paar Kilometer von der Regattastrecke in Oberschleißheim entfernt wohnt, das Rudern keine Liebe auf den ersten Blick: „Ich  hatte es mehr mit dem Schwimmen. Meine Grundlagen-Ausdauer war exzellent. Und meine Statur war dafür prädestiniert.“ Zeidler, 2,03 Meter groß und heute 105 Kilo schwer, hat eine  Spannweite wie ein Anden-Kondor – und ultralange Beine. Der Koloss pflügte durch das Wasser. Und scheiterte als Jahrgangsbester doch an der Olympia-Norm.

„Warum, weiß ich eigentlich selbst nicht mehr.“ Eigentlich wollten sie ihn zu Hause von Kindesbeinen an ins Boot setzen, aber das wollte der kleine Oli nicht. „Mit 15 hatte ich es mal versucht. Nach zwei Ruder-Schlägen bin ich umgekippt und ins Wasser gefallen. Da hab ich gewusst, das war nix für mich.“

Doch er sollte sich irren.  Als er mit 20  vom Vater erst mal die Grundbegriffe beigebracht bekommen hatte, „explodierten“ die Gene in dem mächtigen Körper.  Richtig greifen, sitzen, ziehen, anwinkeln, rollen. Und beugen, ziehen, rollen. Immer und immer wieder.  Oliver Zeidler saß von Beginn an im technisch anspruchsvollsten Boot. Im Einer.  Es war wie die Verwandlung einer Raupe zum Schmetterling. Zwei Jahre  später ruderte Zeidler auf dem Rotsee bei Luzern um EM-Medaillen. In diesem Jahr, mit 22, wurde er Weltmeister. Das war ungefähr so, als hätte der 2014er-Weltmeister Bastian Schweinsteiger 2011 mit dem Fußballspielen begonnen.

Für ihn, erzählt Zeidler dem TV,  sei dieser Weg  an die Weltspitze eigentlich gar nicht so verwunderlich gewesen: „Ich brachte ja die besten Voraussetzungen mit. Ich hatte nur vorher nicht richtig gewollt.“

So etwas wie Futterneid auf den Quereinsteiger, der keine Ruder-Akademie durchlaufen hatte, bekommt er nicht zu spüren. „Ich bin ja auch Einzelkämpfer.“ Dennoch, am Regatta-Tag läuft man sich über den Weg. Zu denen, die er immer wieder trifft, gehört Richard Schmidt. Der Trierer ist ein Kopf des erfolgreichen Deutschland-Achters. „Richard ist ein Glücksfall für unseren Sport“, sagt Zeidler.

Ob er sich vorstelle könnte, mit Schmidt einmal gemeinsam im großen Boot zu sitzen? „Klar, warum nicht? Ich weiß ja nicht, wie lange Richard noch macht. Er ist ja ein ganzes Stück älter als ich. Vergangenes Jahr haben wir es einmal im Vierer versucht.“ Doch Zeidler ist Einzelkämpfer geblieben. Er sitzt, greift, zieht, beugt und rollt jetzt in der Erbfolge der großen deutschen Parade-Recken  wie Peter-Michael Kolbe, Thomas Lange oder Marcel Hacker.

 Im nächsten Jahr steht Tokio an. Olympia. Als Weltmeister ist er einer der potenziellen Kandidaten für das oberster Podest des Treppchens. „Aber eben nur einer. Es gibt schon noch ein paar andere“, sagt Zeidler und lacht.

Ein bisschen müsse man Masochist sein, um ganz nach oben zu kommen und vor allem dort zu bleiben. „Damit habe ich kein Problem. Ich kann mich ganz gut quälen“, sagt Zeidler.  Quälen, das heißt zum Beispiel: Zwei Stunden Training mit 2000 mal Knie beugen, 2000 mal Arme ziehen, 2000 mal Blatt führen.

Oliver Zeidler (links), Jürgen C. Braun. Foto: TV/Ulrike Hugger

Was er sich ausrechnet bei der Wahl zu Deutschlands „Sportler des Jahres“? „Na ja, mal sehen. Wir sind ja eigentlich die Exoten, nicht so sehr im Blickpunkt. Aber schön wäre es schon, mal möglichst weit oben zu stehen bei der Proklamation.“