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Dart: Die reine Kunst der Konzentration

Dart : Die reine Kunst der Konzentration

Benjamin Freudenreich aus Trier wurde bei den German Masters deutscher Vizemeister im Dart – nur acht Monate, nachdem er mit dafür gesorgt hatte, dass es wieder einen Verein im Stadtteil Ehrang gibt.

Sieben Jungs aus dem Trierer Stadtteil Ehrang entdecken vor 20 Jahren ihre Lust am Darten, treffen sich in Kneipen, gründen sogar ihren eigenen Klub, die „DC Psychos“, und spielen in regionalen Ligen. Dann kamen Schichtarbeit, Familie und vieles mehr – Dart verschwand in ihrer Lebensplanung in den Hintergrund. Nur einer blieb immer am Pfeil: Benjamin Freudenreich. Am Anfang war der heute 40-Jährige nur der Ersatzspieler bei den „Psychos“, aber durch kontinuierliches Training zu Hause und in anderen Vereinen wurde Freudenreich immer besser, spielte zunächst beim früheren Bundesligisten „DC Royals Eifel“, dann beim DC Krokos in Welschbillig, wechselte schließlich 2021 zum Bundesligisten Nostra-Dart-Mus Kaiserslautern und nahm an größeren Turnieren teil.

„Vielleicht hätte in Sachen Dart mehr aus mir werden können, aber die Arbeit als Dachdecker geht vor“, sagt Freudenreich. Aber das Darten bestimmt immer noch seine Freizeit, nicht nur in Kaiserslautern, sondern seit vergangenem Herbst auch wieder in Ehrang.

Fünf der alten Kumpels gründeten im Oktober 2021 die Dart-Abteilung beim SV Ehrang, die mittlerweile auf zwölf Spieler (inklusive zwei Jugendspieler) angewachsen ist. Und sie haben im alten Vereinshaus der Tennisabteilung an der vereinseigenen Sportanlage „Auf der Heide“ ihre neue Heimat gefunden. „Das Vereinshaus stand lange Zeit leer, wurde nur für ein paar Veranstaltungen genutzt. Durch die Unterstützung von Sponsoren haben wir eine neue, professionelle Dartanlage mit vier Scheiben installiert – und treffen uns jetzt mehrmals wöchentlich dort“, sagt Kevin Simon, der Abteilungsleiter.

Die Ehranger spielen ab der neuen Saison in der Eifel-Mosel-Hunsrück-Liga, haben bereits zwei eigene Turniere im Vereinshaus organisiert – und dafür ausschließlich positive Kritiken der Gastspieler erhalten, die von „Profibedingungen“ schwärmten. „Hier können wir unter uns darten, müssen – gerade wegen unserer Jugendspieler – nicht in einer Kneipe trainieren. Denn eines unserer Ziele ist es, weg vom Kneipenimage in verrauchten Hinterzimmern mit Bier auf den Tischen zu kommen“, sagt Simon.

Bei den Turnieren, an denen Benjamin Freudenreich teilnimmt, gilt generell Rauch- und Alkoholverbot, denn dort wird auf semi-professionellem Topniveau gespielt. Vor zwei Wochen gelang Freudenreich der große Coup. Beim rheinland-pfälzischen Ranglistenturnier hatte sich der Dachdecker einen Platz für die German Masters in Frankfurt-Ginnheim erkämpft. Am ersten Tag hatte er entscheidenden Anteil am größten Erfolg aller Zeiten der rheinland-pfälzischen Mannschaft, die Dritte wurde.

Und beim Einzel am nächsten Tag legte Freudenreich noch einen drauf: Unter 294 Spieler kämpfte er sich als erster Rheinland-Pfälzer überhaupt ins Finale vor, scheiterte dort knapp. Als deutscher Vizemeister kehrte er aber heim. „Der Modus ist hart: Wenn du ein Spiel verlierst, bist du raus“, sagt Freudenreich, der bis zum Finale neun Spiele im Modus 501 (Serie best of five beziehungsweise Halbfinale und Finale best of seven Sätze) gewann, teilweise gegen Halbprofis.

„Ich war wie im Tunnel. Ich bin mit einem guten Gefühl angereist, und alles lief perfekt“, sagt der Ehranger, für den beim Dart „der Kopf deutlich wichtiger ist als die Hand. Unser Sport ist die reine Kunst der Konzentration und der mentalen Stärke“. Mit dem Dartboom vor einigen Jahren kam die Idee, wieder einen Klub in Ehrang zu gründen: „Benjamin hat uns alle motiviert, wieder zu darten“, sagt Kevin Simon. Und weil auch fast alle Spielerfrauen identisch zur Anfangszeit sind und sie die Freude ihrer Männer zum Darten auch heute noch teilen, stehen die Familien hinter dem Hobby und engagieren sich im Verein. Im Falle von Benjamin Freudenreich wurden die Dart-Gene sogar schon vererbt: sein 13-jähriger Sohn Elias wurde Fünfter bei der Rheinland-Pfalz-Meisterschaft.

 Die neue Dart-Mannschaft des SV Ehrang (von links): Benjamin Freudenreich, Max Kratz, Daniel Grundheber, Kevin Simon, Elias Freudenreich, Frank Roth (es fehlen: Axel Simon, Simon Engel, Sascha Baumann, Bob-Luc Farmery und Jason Pütz).
Die neue Dart-Mannschaft des SV Ehrang (von links): Benjamin Freudenreich, Max Kratz, Daniel Grundheber, Kevin Simon, Elias Freudenreich, Frank Roth (es fehlen: Axel Simon, Simon Engel, Sascha Baumann, Bob-Luc Farmery und Jason Pütz). Foto: TV/Björn Pazen

Aber hätte Benjamin Freudenreich nicht Lust gehabt, beim European Dart Matchplay vergangenes Wochenende in der Arena Trier gegen die ganz Großen seiner Zunft anzutreten. Den Plan gab es wirklich, aber: „Ich hatte im Herbst einen schweren Arbeitsunfall, fiel vom Dach, und da war ich fürs Qualifikationsturnier im Januar noch nicht fit, sonst wäre das natürlich ein Traum gewesen.“ Ein Leben als Vollprofi hätte er sich sowieso nicht vorstellen können: „Da bist du 300 Tage im Jahr unterwegs, das ist nichts für mich.“ So spielt er lieber wieder mit seinen alten Kumpels – da wo alles begann, in Ehrang.