Gehirnerschütterungen im Sport : Die unterschätzte Gefahr: Gehirnerschütterungen im Sport

40 000 Gehirnerschütterungen werden pro Jahr im deutschen Sport diagnostiziert. Wahrscheinlich, so sagen es Mediziner, liegt die Dunkelziffer deutlich höher. Denn: Viele Geschädigte gehen nicht zum Arzt. Wieso das so ist, warum auch leichte Gehirnerschütterungen zu Depressionen führen können, und was Ärzte Betroffenen dringend raten: Eine Recherche.

Es ist ein Erlebnis, das Marco van den Berg geprägt hat. Er kann dieses Testspiel nicht mehr vergessen. Er will es auch nicht, denn es hilft ihm – ihm und seinen Spielern, egal, welchen Club er auch trainiert. „Diese Erfahrung“, so sagt der frühere Trainer von Basketball-Zweitligist Gladiators Trier, „diese Erfahrung hat mich ultra-vorsichtig werden lassen – bis heute“.

Saisonvorbereitung 2006. Marco van den Berg ist damals Trainer des niederländischen Erstligaclubs Omniworld Almere. Für ein Testspiel tritt er mit seinem Team beim deutschen Zweitligisten Baskets Paderborn an. Ein Duell mit Folgen. Van den Berg erinnert sich: „Mitten im Spiel bekam Sander van der Holst, eins der größten Talente im Kader, von seinem Gegenspieler den Ellbogen voll auf die Nase, ein heftiger Schlag. Er war danach richtig fertig, das Spiel war für ihn beendet.“ Die Diagnose der Ärzte: leichte Gehirnerschütterung, kurze Pause. Van der Holst hält sich daran, setzt kurzzeitig mit dem Training aus – zu kurz, wie sich zeigen wird. Als er wieder anfängt, kommen die Schmerzen im Kopf zurück, die Gehirnerschütterung ist deutlich schwerwiegender als angenommen – sein Wiedereinstieg kommt viel zu früh und hat gravierende Folgen für den jungen Mann: „Er hatte fortan immer wieder Probleme mit seinem Kopf“, berichtet Marco van den Berg, „es war scheinbar viel zu viel für sein Gehirn. Er musste zeitweise sogar mit seinem Studium pausieren“. Schließlich die bittere Erkenntnis: Es geht nicht mehr, Karriereende. „Er war ein knallharter Junge, hat immer weitergemacht, auch wenn er mal Schmerzen hatte“, sagt der 53-Jährige. „Er hat es auch wieder und wieder versucht, wollte unbedingt erneut hochklassig spielen, aber die Schmerzen in seinem Kopf hörten nicht auf – er konnte danach nie mehr Basketball auf Top-Niveau spielen.“

Eine Erfahrung, die sich van den Berg bis heute zu Herzen nimmt: „Sobald einer meiner Spieler eine Gehirnerschütterung erleidet, gibt es nur eins: Pausieren, pausieren, pausieren – in ganz enger Absprache mit der medizinischen Abteilung“, betont der 53-Jährige. „Lieber man setzt einen Tag zu viel aus als zu wenig – denn: Ist das Gehirn einmal schwerwiegend geschädigt, gibt’s kein Zurück mehr.“

Mehr als 40 000 – so viele Gehirnerschütterungen werden jedes Jahr in Deutschland im Sport diagnostiziert. Das berichtet Professor Eckhard Rickels dem TV. Rickels ist Chefarzt der Neurotraumatologie im Allgemeinen Krankenhaus im niedersächsischen Celle und medizinischer Berater der Initiative Schütz Deinen Kopf! Gehirnerschütterungen im Sport (siehe Extra). Weitaus höher sei jedoch die Dunkelziffer, wie Rickels betont: „Denn leider werden diese Verletzungen bislang oft gar nicht erkannt oder bagatellisiert – mit teilweise lebenslangen gesundheitlichen Folgen.“

Bagatellisierung? „Stimmt“, sagt Martin Guldenkirch, „ich finde schon, dass Gehirnerschütterungen verharmlost werden“. Der 21-Jährige spielt für Handball-Oberligist TV Bitburg. „Bei einer Platz-
wunde, einem Bruch oder ähnlichem“, sagt der Handballer, „da ist äußerlich etwas zu sehen, wodurch man automatisch mehr Bedenken hat als bei einer Gehirnerschütterung, bei der von außen meist nichts zu sehen ist und der Betroffene vielleicht nur Kopfschmerzen hat“.

An seine letzte Gehirnerschütterung erinnert sich Guldenkirch noch gut. Es passierte in einem Oberliga-Spiel. Die Schlussminuten liefen, als sein Gegenspieler nach einem technischen Fehler plötzlich den Ball fallen ließ. „Ich versuchte, mich nach dem Ball zu werfen. Gleichzeitig ging mein Gegner auch auf den Ball zu und traf mich mit dem Knie direkt am Kopf – dann wurde es schwarz.“ Zehn Sekunden lag er bewusstlos auf dem Boden, kam auch danach nicht ohne Hilfe auf die Beine. „An Weiterspielen war für mich nicht mehr zu denken, ich hatte dröhnende Kopfschmerzen, musste mich nach Hause fahren lassen.“

Zum Arzt, so gesteht der 21-Jährige, sei er nicht gegangen, habe sogar in der Woche danach schon wieder trainiert. „Ich weiß, dass das vielleicht nicht die gesündeste Einstellung ist“, gibt der Handballer zu. „Aber ich wüsste ganz ehrlich nicht, was mir der Arzt hätte sagen, wie er mir hätte helfen können. Was bringt mir ein Krankenhausaufenthalt in dieser Sekunde? Die sagen mir: ,Mach‘ Pause‘. Aber man kriegt ja keine Medikation verschrieben. Und eine Schmerztablette kann ich auch selber nehmen.“

Professor Eckhard Rickels aus Celle betont: „Jeder Sportler mit Verdacht auf eine Gehirnerschütterung ist umgehend aus dem Spiel zu nehmen und darf nicht zur Aktivität zurückkehren, bevor sie oder er medizinisch untersucht worden ist. Sportler mit Verdacht auf eine Gehirnerschütterung dürfen nicht allein gelassen werden und kein Fahrzeug führen.“

Damit auch im Amateurbereich – wo nicht immer direkt medizinische Betreuung zur Verfügung steht – schnellstmöglich entschieden werden kann, ob eine Gehirnerschütterung vorliegt, haben Rickels und die Mitglieder der Initiative Schütz Deinen Kopf! Gehirnerschütterungen im Sport eine kostenlose App fürs Smartphone entwickelt. Anhand von Symptomerfassung, Gedächtnistest, Reaktionstest, Testung der Augenfunktion und Gleichgewichtstest kann innerhalb von wenigen Minuten die Möglichkeit einer Gehirnerschütterung ermittelt werden (siehe Extra).

Wie die Langzeitfolgen mehrfacher Gehirnerschütterungen aussehen können, zeigen Fälle aus dem American Football. Dort erkrankten in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Sportler an der sogenannten Chronisch-traumatischen Enzephalopathie (CTE).

Eine Studie der Uni Boston zeigte im Jahr 2015: Bei 96 Prozent der untersuchten Gehirne verstorbener Ex-Spieler der Profiliga NFL wurde CTE nachgewiesen, Dutzende hatten wegen Gedächtnisverlusts,
Depressionen und Demenz Selbstmord begangen. Die Profiliga NFL legte daraufhin für Tausende Betroffene einen Entschädigungsfonds auf.

Dr. Andreas Junge, Facharzt für Orthopädie, Unfallchirurgie sowie spezielle Unfallchirurgie und seit 2003 Chefarzt der Abteilung für Unfall- und Wiederherstellungschirurgie im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Trier, sieht in seiner Arbeit häufig Patienten mit einer Gehirnerschütterung. Er erklärt: „Bei der CTE handelt es sich ganz einfach gesagt um eine Hirnkrankheit. Das ist in diesem Fall eine chronische Form – eine Folgeerkrankung immer wiederkehrender Schäden am Kopf wie beispielsweise Gehirnerschütterungen.“ Die Folge können laut Junge diverse psychische Veränderungen wie Depressionen, Demenz oder Suizidgefahr sein.

Heißt das, jeder Sportler, der häufiger eine Gehirnerschütterung erleidet, läuft theoretisch Gefahr an CTE zu erkranken? „So ist es“, sagt der Mediziner. „Das Risiko ist mit Sicherheit deutlich erhöht gegenüber der Normalbevölkerung.“

Dabei, so betont Andreas Junge, wisse man in der Medizin, dass auch die einfachen Formen der Gehirnerschütterung – beispielsweise mit leichtem Schwindel – einen Schaden zur Folge haben können. „Treten diese einfachen Formen der Gehirnerschütterung immer wieder auf, kann dies auch zu den oben angesprochenen chronischen Erkrankungen wie CTE führen.“

Wie man eine Gehirnerschütterung optimal auskuriert, weiß Simon Schmitz zu berichten. Der Kapitän von Basketball-Zweitligist Gladiators Trier kassierte vor zwei Jahren beim Auswärtsspiel in Paderborn einen heftigen Ellbogenschlag gegen die Schläfe. „Ich hatte einen Blackout, mir wurde für ein paar Sekunden schwarz vor Augen – es hat gedauert, bis ich wieder aufstehen konnte“, erinnert sich der Gladiator. Paderborns Teamarzt führt den 28-Jährigen in die Kabine. Schmitz ist schwindelig und übel. Gut für den Basketballprofi: Paderborns Teamarzt ist Neurologe, weiß genau, was zu tun ist. Der Aufbauspieler erinnert sich: „Er hat mich direkt in der Kabine untersucht und die Gehirnerschütterung diagnostiziert. Sein Rat lautete: Entweder sollte ich eine Nacht im Krankenhaus verbringen, oder – falls ich mit dem Team zurück nach Trier fahren wolle – sollte ich unbedingt wach bleiben. Zudem sollte jemand auf mich aufpassen.“ Nach Ankunft in Trier, so der Mediziner, sollte dann dringend noch ein weiterer Check folgen.

Gesagt, getan: Nach der Rückkehr aus Paderborn geht Schmitz in Trier zum Arzt. Über mehrere Tage ist an Training oder Spiele für ihn nicht zu denken. Schmitz brummt der Schädel. „Ich habe in diesen Tagen einfach versucht, zu Hause abzuschalten. Kein Fernsehen, wenig Licht, keine lauten Geräusche – das war mir alles zu viel.“ Erst nach Tagen, als die Kopfschmerzen und die Sehstörungen verschwunden sind, steigt Schmitz wieder ins Training ein. „Ich war extrem vorsichtig, habe wirklich erst wieder begonnen, als ich komplett beschwerdefrei war – da bin ich den Ärzten und meinem damaligen Trainer Marco van den Berg sehr dankbar. Die haben alle gesagt: Pausiere lieber etwas länger.“

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Längere Pausen müssen auch die Schützlinge von Peter Stockreiser des Öfteren einhalten. Der 57-Jährige ist Abteilungsleiter im Bereich Boxen beim Polizei-Sportverein (PSV) Trier. „In Bezug auf Kopfverletzungen sind wir sehr sensibel“, betont Stockreiser. „Geht ein Boxer – egal ob Jugendlicher oder Senior – in einem Kampf k-o., dann steht für ihn eine dreimonatige Schutzsperre an, in der er nicht boxen darf.“ Danach müssten sowohl Hausarzt als auch Verbandsarzt unabhängig voneinander darüber entscheiden, ob er wieder boxfähig ist, oder ob die Sperre verlängert werden müsse.

Stockreiser selbst boxte jahrzehntelang, davon mehr als zehn Jahre für Leverkusen und Frankfurt in der Bundesliga, zudem in der Nationalmannschaft. Seine Bilanz: 168 Kämpfe, 98 davon durch k.o. gewonnen, selbst nie k.o. gegangen, wie er betont. „Als ich mit zwölf Jahren angefangen habe mit dem Boxen, hatte ich nach Kämpfen schon öfter mal Kopfschmerzen“, gesteht der Trierer. Gehirnerschütterungen seien damals aber nie bei ihm diagnostiziert worden.

„Je länger man einen Kampfsport wie Boxen betreibt, desto mehr schützt man seinen Kopf und desto weniger lässt man den Gegner an sich heran.“ In seiner späteren Senioren-Laufbahn habe er nur selten Kopfschmerzen nach einem Kampf gehabt. „Langzeitfolgen wie Gedächtnislücken beobachte ich bei mir keine“, unterstreicht Stockreiser, der heute beim PSV Trier zahlreiche Nachwuchsboxer trainiert.

Besonders bei Kindern und Jugendlichen werde extrem auf Vorsichtsmaßnahmen geachtet: „Die tragen einen Kopfschutz, werden vor und nach jedem Kampf eingehend untersucht. Klagt ein Jugendlicher nach dem Kampf über Kopfschmerzen oder Schwindel, geht’s direkt ins Krankenhaus.“

Generell, so betont der frühere Nationalmannschafts-Boxer, halte er das Boxen für nicht besonders risikoreich. „Fußball und Basketball sind deutlich gefährlicher“, findet Stockreiser. „Und um mal beim Beispiel Fußball zu bleiben: Wenn ich auf dem Rasen einen Ball mit voller Wucht gegen die Stirn geschossen bekomme, ist das mit Sicherheit gefährlicher für den Kopf als ein Boxschlag gegen die Stirn.“ Daher sei für ihn klar: Der Boxsport ist auch für Jugendliche nicht gefährlicher als andere Sportarten. Im Gegenteil: „Ich kann jedem Jugendlichen nur raten, mit dem Boxen anzufangen – allein schon, weil es Jungs und Mädchen in Sachen Selbstverteidigung weiterbringt.“

Spricht man den Trierer Mediziner Andreas Junge auf das Thema an, sagt dieser: „Kinder und Jugendliche sind aufgrund der körperlichen Entwicklung gegen viele Verletzungen deutlich besser geschützt als Erwachsene, weil sie elastischer sind. Aber ich bin mir ganz sicher, dass Boxen in der Kindheit für die geistige Entwicklung nicht förderlich ist.“ (siehe Interview: „Auch eine kleine Gehirnerschütterung kann dauerhaften Schaden verursachen“).

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