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Fan-Aktion in Mönchengladbach – 20 000 Pappkameraden als Mahnung

Kostenpflichtiger Inhalt: Interview Thomas Weinmann : Fan-Aktion in Mönchengladbach – 20 000 Pappkameraden als Mahnung

Obwohl auch die Samstags-Partie zwischen Mönchengladbach und Leverkusen ein Geisterspiel ist, werden mehrere Tausend Zuschauer im Stadion sein – als Foto-Aufsteller. Den Machern der Aktion geht es aber nicht um beeindruckende Bilder, wie der Fanbeauftragte der Borussia im TV-Interview erklärt. Vielmehr ist das Projekt eine Mahnung.

Anfangs sind die Initiatoren von 1000 Bestellungen ausgegangen.  Doch die Fan-Aktion „Sei dabei. Trotzdem!“ von Borussia Mönchengladbach erzeugt so viel Aufmerksamkeit, dass die Nachfrage ungebrochen groß ist. Aktuell sind schon rund 20 000 Aufsteller mit Fotos von Anhängern geordert worden, 12 000 von ihnen werden zum Heimspiel gegen Leverkusen im Borussia-Park montiert sein. Im TV-Interview spricht Borussias Fanbeauftragter Thomas Weinmann über die Entstehung und Ziele des Projekts, das sogar in Nordamerika und Japan mediales Interesse hervorgerufen hat.

2:1 gegen Köln, 3:1 in Frankfurt. Zwei Geisterspiele, zwei Borussia-Siege: Eigentlich müssten Sie ein großer Fan von Spielen ohne Publikum sein …

Weinmann: Nein, nein, nein! Ich bin Fanbeauftragter und kein Spielbeo­bachter. Ich freue mich, wenn es sportlich läuft. Aber ohne Fans ist ein Sieg nichts wert. Die Anhänger leiden sehr. Bei ihnen sind teilweise Serien gerissen, weil sie 30 Jahre lang kein Spiel verpasst haben. Die Geisterspiele sind aus der Not geboren. Wir müssen die Faust in der Tasche ballen, weil die Saison irgendwie zu Ende gebracht werden muss.

Wie haben Sie den ersten kompletten Geisterspieltag am Wochenende empfunden?

Weinmann: Ich fand es katastrophal. Ich fand den Kommentar von Bayern-Spieler Thomas Müller treffend, der sagte, es fühlt sich an wie ,Alte Herren, 19 Uhr, Flutlicht-Atmosphäre‘. Geisterspiele haben mit echtem Fußball nichts zu tun.

Gut gefüllt: In weiten Teilen der Nordkurve im Borussia-Park wurden Foto-Aufsteller von Fans installiert. Foto: picture alliance/dpa/Marius Becker

Ein paar Trikots und Schals über Sitzschalen in Köln oder Zaunfahnen im Heimblock von Arminia Bielefeld: Warum gab es so wenige richtig sichtbare Geisterspiel-Aktionen in den Stadien?

Weinmann: Für Choreografien und Spruchbänder sind meistens die Ultras zuständig. Da sie die Geisterspiele strikt ablehnen, waren bewusst keine Aktionen zu erwarten, um zu dokumentieren: Hier fehlt etwas! Das ist bei uns auch nicht anders. Der Block 16 direkt hinter dem Tor, in dem unsere Ultras stehen, wird beispielsweise am Samstag im Spiel gegen Bayer Leverkusen komplett leer bleiben. Da stehen dann auch keine Pappkameraden.

Gutes Stichwort: Wie kam es zu der Aktion „Sei dabei. Trotzdem!“, durch die zahlreiche Fotos von Fans als Kunststofffiguren im Stadion montiert werden?

Weinmann: Es war zunächst eine Schnapsidee von einem Paar aus Berlin. Der Mann ist Dauergast im Borussia-Park und war sauer, weil er wegen der Corona-Unterbrechung nicht zu Spielen reisen konnte. Da sagte seine Frau: ,Schick halt ein Foto zur Borussia, damit sie es im Stadion anbringen kann. Dann bist du dabei, wenn’s ohne Zuschauer wieder losgeht.‘

Gesagt, getan …

Weinmann: Er meldete sich bei mir, und wir begannen mit der Umsetzung. So wurde eine Aktion des FPMG Supporters Club e.V. draus. Die Idee: Fans schicken ein Bild von sich, das auf Kunststoff-Aufsteller geklebt wird. 1900 ist das Gründungsjahr der Borussia, also sollte die Foto-Aktion mit Kaufpreisen von 19 Euro funktionieren. Wir brauchten drei Tage zur Kalkulation ehe feststand: Das klappt. Und dann musste die Geschäftsführung des Vereins überzeugt werden.

Wohin fließen die Einnahmen?

Weinmann: Neben 2,50 Euro virtueller Vorverkaufsgebühr für den Supporters Club als Ausgleich für entgangene Einnahmen wegen der Corona-Krise gehen jeweils zwei weitere Euro an „Nordkurve Aktiv“ und „Support your Local Heroes“ sowie zwei Euro an die Borussia-Stiftung. Der Rest sind Herstellungs- und Bearbeitungskosten. Es wurde eine App entwickelt – und los ging’s. Anfangs dachten wir: Wenn wir 1000 Aufsteller verkaufen können, wäre das schön.

Damit haben Sie tiefgestapelt.

Weinmann: Mein persönliches Ziel waren 5000. Wir haben nicht gedacht, dass die Aktion so durch die Decke geht. Jetzt kommen wir gar nicht mehr hinterher. Im Stadion werden beim Spiel gegen Leverkusen rund 12 000 Pappfiguren auf den Tribünen angebracht sein. Für den Aufbau sind 40 bis 50 aktive Fans im Stadion im Einsatz – sie machen das freiwillig und ehrenamtlich. Sie sind aber natürlich nur dann im Stadion, wenn die Mannschaft nicht dort trainiert. Wir müssen auch in diesem Punkt die Hygiene- und Sicherheitsvorgaben einhalten.

Wir dachten, dass sich der harte Kern abseits der Ultra-Szene verewigen lässt. Aber das mittlerweile rund 20 000 Bestellungen vorliegen, ist fast schon Irrsinn.

Wir können pro Tag 500 Mails abarbeiten – damit ist eine Mitarbeiterin acht Stunden lang beschäftigt. Und dann muss das ja alles in die Druckerei, deren Kapazität nicht unendlich ist. Wir hängen momentan zehn Tage hinterher.

54 000, ein ausverkauftes Stadion mit Pappkameraden – ist das zu erreichen?

Weinmann: Nein, das ist unrealistisch. Die Pappkameraden sind größer als normale Menschen. Alleine aus diesem Grund  ist das Stadion gar nicht komplett voll zu bekommen. Wir knacken auf jeden Fall die 20 000er-Marke. Und gegebenenfalls geht es noch weiter bis 25 000. Im Gästeblock gibt es übrigens auch einzelne Pappfiguren von zwei Dortmund-Fans sowie Anhängern von Hoffenheim, Frankfurt und Leverkusen.

Welche Hürden waren bei der Umsetzung des Projekts zu nehmen – etwa mit Blick auf Datenschutzhinweise und Persönlichkeitsrechte?

Weinmann: Ja, das musste in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen geregelt werden. Schließlich können die Fotos jederzeit öffentlich sichtbar sein - im Fernsehen oder auf Fotos in Zeitungen.

Die Aktion ist witzig, aber es geht Ihnen um eine ernste Sache. Um was konkret?

Weinmann: Klar, ein Gedanke war, in der schweren Zeit etwas Lustiges zu machen. Doch der Hintergedanke ist ernst. Wenn da nur Kunststofffiguren stehen, sieht jeder, dass bei Geisterspielen  wirklich etwas fehlt – nämlich die Masse der Fans. Die Bilder von den Tribünen sind beeindruckend. Aber die Aktion ist als klare Mahnung zu verstehen. Die Pappkameraden sind eine Art Mahnwache.

Wird die Stellung der Fans gestärkt, gerade weil sie derzeit ausgeschlossen sind?

Weinmann: Davon bin ich fest überzeugt! Spätestens am Ende dieser Saison mit noch acht Geisterspieltagen wird klar sein, dass man bei bestimmten Themen nochmals auf die Fans zugehen muss. Es ist ein Geben und Nehmen. Fans sind wichtig im Fußball. Und Ultras auch. Sie sind der Motor in der Kurve, ohne die nichts geht. Es braucht gegenseitiges Verständnis.

Wie muss aus Ihrer Sicht der Bedeutung der Fans in der Nach-Corona-Zeit  besser als zuletzt Rechnung getragen werden?

Weinmann: Die Fußball-Macher müssen anerkennen, dass neben den wichtigen Fernseh- und Sponsoreneinnahmen auch die Fans im Stadion einen hohen Stellenwert haben.

Ja, der Fußball ist ein Produkt geworden. Er ist ein Berufszweig. Eine Zerstückelung des Spieltags beispielsweise wird nicht mehr rückgängig gemacht werden können, wobei ja mit der Abschaffung der Montagsspiele etwas erreicht worden ist. Da darf man sich nichts vormachen, schließlich ist auch die internationale Fernsehvermarktung ein wichtiger Zweig. Es kann keiner mehr so romantisch sein und neun Spiele parallel am Samstag um 15.30 Uhr fordern.

Aber es gibt andere Themen – etwa die Fahrt-Distanzen bei Abendspielen, die Frage nach erlaubten Fan­utensilien in Stadien oder bezahlbare Eintrittskarten sowie nicht ausufernde Bier- und Wurstpreise –, bei denen die Fans wachsam sein können und sollen.

Die Aktionsseite im Internet: ­seidabei-trotzdem.de