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Fitnessstudios und Corona: „Wir werden in die böse Ecke gestellt“

Fitnessstudios und Corona : „Wir werden in die böse Ecke gestellt“

Fitnessstudios dürfen ab Mittwoch wieder den Sportbetrieb aufnehmen. Die langfristigen Auswirkungen auf die Branche sind aber noch unklar. Ein Betreiber macht auf eine paradoxe Situation aufmerksam.

So etwas hat Hans Kaufmann noch nicht erlebt. Mehr als ein hal­bes Jahrhundert betreibt er Triers ältestes Fitnessstudio. Mehr als zwei Monate Zwangsschließung, das musste der 82-Jährige seit 1966 noch nie verkraften. „Die Leute kommen vielleicht wieder“, hofft er genauso wie seine Kollegen in der Region.

Wenn am morgigen Mittwoch Fitnessstudios wieder öffnen können, ist die Krise aber noch nicht vorbei, glaubt Christoph Klein. Es sei gut, dass es weitergeht, sagt der Inhaber der active-Studios in Bernkastel-Kues und Traben-Trarbach. Gleichzeitig mahnt er: „Was die Spätfolgen angeht, ist das noch nicht so klar.“ Klein erklärt seine Skepsis mit der hohen Fluktuation in der Branche von im Schnitt etwa einem Drittel der Mitglieder. Habe ein Studio 1000 Mitglieder, werden gut 300 Neuzugänge pro Jahr gebraucht, um das Niveau zu halten. Nach nun bald drei Monaten Schließung sei aber wohl mindestens ein Viertel der Fluktuation nicht mehr kompensierbar, glaubt er trotz der bei ihm im Vergleich zum Branchenschnitt geringeren Rate. „Hinzu kommt, dass wir nicht 100 Prozent unserer Leistung bringen können“, spricht Klein an, dass die gestern Mittag noch unklaren Hygieneauflagen zu Einschränkungen führen werden.

Klein geht wie seine Kollegen davon aus, dass die Richtlinien in Rheinland-Pfalz ähnlich aussehen werden wie in anderen Bundesländern, in denen Fitnessstudios bereits öffnen durften. Trotzdem: „Es ist schwer vorzubereiten“, pflichtet Petya Elsner vom Studio fitZone in Prüm bei. Natürlich messe man mindestens 1,50 Meter Abstand zwischen den Geräten ab, aber die Ungewissheit wiege schwer.

Frustrierend sei, dass man zum Nichtstun gezwungen sei, sagt Patrick Heim. „Sonst konnte man immer reagieren“, erklärt der Inhaber des Sirona-SC in Morbach den Unterschied zu Herausforderungen der Vergangenheit. Home-Fitness über Online-Videos hält er nicht für eine langfristige Erscheinung. „Ich glaube, dass die Menschen soziale Wesen sind.“ Und entsprechend miteinander trainieren wollen. Gemeinsames Training sei darüber hinaus wirksamer.

Nichtsdestotrotz boten und bieten die meisten Fitnessstudios zum Teil auch kostenlose Online-Kurse an. „Wir haben jeden Tag Videos an Mitglieder geschickt, aber hauptsächlich, um in Kontakt zu bleiben“, berichtet Klein. Von – in normalen Zeit  – zehn Kursen pro Woche wurden vier online abgehalten, sagt Petya Elsner. Mehr als 30 Kurse habe man so seit März gefilmt. Außerdem wurden Trainingspläne so abgewandelt, dass sie die Mitglieder zu Hause absolvieren konnten. Jetzt im Sommer bieten sich auch in der Eifel Freiluft-Aktivitäten an. Elsner: „Wir wollen viele Kurse draußen anbieten, wenn wir dürfen.“

Trotzdem: Die Kosten laufen weiter. Obwohl er Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt hat und andere Sparmaßnahmen ergriffen hat, bleibt Heim bei seinem Studio mit etwa 1000 Quadratmetern Fläche monatlich auf gut 10 000 Euro Kosten sitzen. Das geht an die Existenz. Noch einen Monat länger erzwungene Schließung, und die Aufbauarbeit von mehr als 15 Jahren wäre innerhalb kürzester Zeit zunichte gemacht worden.

Auch wenn nun die Öffnung kommt, rechnet der studierte Volkswirt mit einem Drittel weniger Jahresumsatz. „Bei uns läuft das schleichender als in der Gastronomie“, glaubt er wie Klein, dass die Krise noch lange nicht vorbei ist. „Was man nicht einschätzen kann ist, wie die Leute jetzt reagieren“, sagt Heim.

In Nordrhein-Westfalen ging es nur schleppend los. „Die Leute sind sehr vorsichtig“, hat auch Petya Elsner festgestellt. „Ein Teil sagt, sie haben Angst und wollen noch nicht kommen“, lautet die Erfahrung der Prümerin. Positiv sei, dass die Zahl der Kündigungen bisher zumindest nicht höher lag als sonst.

Ärgerlich finden die Fitnessstudio-Betreiber, dass sie zu den letzten gehören, bei denen die Corona-Maßnahmen gelockert werden. „Wir sorgen mit unserer Arbeit dafür, dass sich die Risikogruppe verkleinert“, sagt Christoph Klein. Patrick Heim ergänzt: „Ich finde es etwas paradox: Wir wollen Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbessern. Aber wir sind jetzt diejenigen, die in die böse Ecke gestellt werden. Wir bieten den Menschen Gesundheit an und werden in die Kategorie Risiko eingeordnet.“