Gehen: Der Hüftschwung ist das Markenzeichen

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Unter den leichtathletischen Disziplinen nimmt die Bedeutung des Gehens immer mehr ab. Eine kleine Gruppe aus dem Prümtal motiviert diese Sportart aber wie eh und je – und sie heimst immer wieder größere Erfolge ein.

Treffpunkt Fitnesspark, am Eingang zum Prümtalradweg: Das Geher-Quintett der Leichtathletik-Gemeinschaft Pronsfeld-Lünebach trifft sich zur wöchentlichen Trainingseinheit. Die Gruppe um Albert Thiex wird gleich eine gute Stunde unterwegs sein und knapp acht Kilometer zurücklegen. Die Aktiven sind alle (weit) jenseits der 50-Jahre-Marke; der sportliche Ehrgeiz steckt aber mehr denn je in ihnen. So auch bei Karl-Heinz Schröder. Der Senior aus dem wenige Kilometer von Pronsfeld entfernten Rommersheim ist stolze 76 – und hat im hohen Alter noch große Erfolge vorzuweisen. Seit vergangenem Oktober darf er sich Weltmeister der Altersklasse M75 nennen. Im spanischen Malaga holte er sich mit zwei weiteren deutschen Gehern den Mannschaftstitel über die zehn Kilometer.

2009 erlitt Schröder einen Herzinfarkt und bekam drei Stents gesetzt. Sein Arzt habe ihm anschließend gesagt, er solle sportlich aktiv werden. Schröder nahm sich den Ratschlag im wahrsten Sinne zu Herzen: „Ich habe mich der LG angeschlossen und Albert Thiex hat mich immer wieder motiviert“, berichtet Schröder. Etliche Marathons und sogar noch längere Distanzen hat er bereits absolviert, ist auch laufend gut unterwegs. Am Gehen hat er besonderen Spaß: „In unserer Gruppe passt es auch vom Teamgeist her.“

Mit für den Gehsport so typischen schwingenden Hüften sind Schröder und Thiex sowie Regina Wittling, Klaus Lenz und Friedel Heinen auf dem asphaltierten Radweg inzwischen auf Tour. „Im Gegensatz zum Laufen, kommt es während des leichtathletischen Gehens nicht zu einer Flugphase“, klärt Albert Thiex auf – und unterstreicht: „Während des Gehens muss mindestens ein Fuß Bodenkontakt haben.“

Die zweite Voraussetzung für einen gültigen Auftritt ist, dass das vordere Bein während des Aufsetzens auf den Boden gestreckt sein muss, das Knie also nicht gebeugt werden darf – deshalb auch  der Hüftschwung.

Im Wettkampf wachen Gehrichter ständig über die Einhaltung der Regeln – das musste Regina Wittling gleich bei ihrer Pemiere erfahren: „Ich wurde disqualifiziert und wusste gar nicht richtig, warum.“ Umstritten sind oft die Verwarnungen, weil zum Beispiel der Verlust des Bodenkontakts optisch mitunter kaum feststellbar ist.  Wer dreimal die richtige Technik missachtet, muss die Strecke verlassen und darf nicht mehr am Wettbewerb teilnehmen.

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Aus Utzerath bei Daun reist Regina Wittling zu jeder Übungseinheit eine ganze Stunde nach Pronsfeld an: „Ich finde es einfach toll, wenn sich unsere kleine Gruppe bei Meisterschaften anfeuert und gegenseitig motiviert.“ Um ihre Gewichtsprobleme in den Griff zu bekommen, fing sie einst mit dem Nordic Walking an. „Irgendwann sagten Freunde zu mir ‚Regina, lass’ die Stöcke weg!’“ Das Gehen ist für sie traditioneller, urtypischer.

Beim Nordic Walking werden zur ausgeglicheneren Beanspruchung des Körpers – insbesondere der Schulter- und Oberarmmuskulatur – Stöcke mit Handschlaufen verwendet. Das Walking (englischer Begriff für Gehen) wiederum bezeichnet die gemächlichere Breitensport-Variante der olympischen Sportart Gehen. Landläufige Meinungen, wonach das Gehen schädlich für die Hüften oder die Knie sei, kann Albert Thiex aus seiner jahrzehntelangen Erfahrung nicht bestätigen. Im Gegensatz zum Laufen würden hier Gelenke, Sehnen und Bänder weniger beansprucht, weil die Aufprallkräfte nicht so hart seien.

Das einstündige Training auf dem Prümtalradweg neigt sich dem Ende entgegen. Auch Klaus Lenz und Friedel Heinen sind gut in Schwung und machen trotz einer Geschwindigkeit von gut zehn Stundenkilometern, die sie phasenweise draufhatten, einen entspannten Eindruck.  „Eigentlich ist es unerklärbar, dass dieser Sport so vom Aussterben bedroht ist“, sagt Heinen, der großen Spaß daran hat, „wenn man bei bestimmten Wettkämpfen mit unterschiedlichen Disziplinen auch schon mal einen Läufer überholt“.

Im gesamten nördlichen Rheinland-Pfalz bildet die LG Pronsfeld-Lünebach einen der ganz wenigen Standorte für Geher. Die mangelnde Attraktivität fürs Fernsehen, aber auch die mitunter umstrittenen Kampfrichterentscheidungen würden wohl ihren Teil dazu beitragen, dass der Nachwuchs fehlt, glaubt Lenz.

Gehen ist ihre Leidenschaft (von links): Albert Thiex, Regina Wittling, Klaus Lenz, Karl-Heinz Schröder und Friedel Heinen. Foto: Andreas Arens

Die kleine Gruppe aus dem Prümtal dagegen schweißen indes nicht nur viele Erfolge auf Landes-, nationaler oder – wie im Falle von Karl-Heinz Schröder – gar internationaler Ebene zusammen. Nach der Einheit zaubert Albert Thiex aus dem Kofferraum seines Autos eine Kanne mit heißem Tee sowie Kekse und Waffeln und läutet damit  eine gemütliche Runde ein.

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