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Gerolstein: Schiri Schmidt zwischen Zwischen Kreisliga und WM

Fußball : Zwischen Kreisliga und Weltmeisterschaft

Er pfiff schon Spiele in der Regionalliga: Mario Schmidt zählt zu den namhaftesten Schiedsrichtern in der Region. Warum er seit einigen Jahren parallel Partien von Amputiertenfußballern leitet und was für ein großes Ziel er hier verfolgt, verrät er im Gespräch mit dem TV.

Wenn er auf das gerade begonnene Jahr blickt, hat Mario Schmidt bereits den Oktober fest im Visier: Dann findet in der Türkei die Weltmeisterschaft im Amputiertenfußball statt. Allzu gerne würde der 32-jährige Schiedsrichter des SV Neunkirchen-Steinborn dann dabei sein und weitere unvergessliche Eindrücke sammeln. „Irgendwann im Frühjahr“, so Schmidt, werde der Weltverband (Waff) die Unparteiischen für das Turnier nominieren.

Über Christian Heintz, den früheren Rheinlandligakicker der SG Ellscheid, der 2010 bei einem Autounfall sein rechtes Bein verlor, kam Schmidt 2014 zum Amputiertenfußball: „Für die WM in Mexiko wurden noch Schiedsrichter gesucht. Christian als einer der Pioniere auf diesem Gebiet in Deutschland fragte mich, ob ich keine Lust hätte, mitzufliegen.“ Im Aztekenstaat erlebte der aus Darscheid im Vulkaneifelkreis stammende und in Gerolstein lebende Unparteiische erstmals die Begeisterung rund um den Handicapfußball. Einsätze bei den Europameisterschaften 2017 (in der Türkei) und im vergangenen September im polnischen Krakau schlossen sich an. Partien vor mehreren tausend Zuschauern hat er bereits in seiner Zeit als Referee in der viertklassigen Regionalliga geleitet (2016 bis ‘18), doch auf einmal waren die Stadiontribünen mit 40.000 Besuchern gefüllt, und die Spiele wurden live im Fernsehen übertragen. Nervös? „Klar bist du angespannt. Aber wenn du angepfiffen hast, bist du im Tunnel und konzentrierst dich nur aufs Pfeifen“, verrät der diplomierte Bankbetriebswirt, der die Woche über als Assetmanager in der Finanzbranche im gesamten süddeutschen Raum unterwegs ist.

Regeln und die Spielweise sind dem normalen Fußball sehr ähnlich. Gespielt wird auf einem kleineren Feld mitsamt Toren. Die Teams umfassen je sieben Akteure, und zweimal 25 Minuten ist die Spielzeit. Die Feldspieler haben nur ein Bein, sie bewegen sich mit handelsüblichen Krücken fort. Diese gelten als verlängerter Arm und dürfen nicht zum Spielen des Balles benutzt werden. Die Torhüter haben zwar zwei Beine, allerdings eine Armamputation. Trotz ihrer Einschränkungen gehen die Aktiven mit vollem Einsatz zu Werke, wie Schmidt unterstreicht: „Auf dem Platz stehen Vollblutfußballer. So wollen sie auch behandelt werden. Sie führen Zweikämpfe, fallen auf den Boden und die Krücken brechen auch mal durch. Das Spiel ist insgesamt sehr dynamisch.“

Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren im Amputiertenfußball weiterentwickelt (mehr dazu: siehe Info). Zur internationalen Spitze ist es noch ein Stück. „Der Abstand wird aber immer geringer. Die Entwicklung ist vielversprechend. Bei der vergangenen EM in Polen ist immerhin der neunte Platz herausgesprungen“, berichtet Schmidt. Als Vorbild nennt er die Türkei: „Dort gibt es drei Profiligen, und manche verdienen mit dem Amputiertenfußball mehrere zehntausend Euro.“

Diese Sportart in Deutschland populärer zu machen, ist das große Ziel Schmidts. Er fungiert als Schiedsrichter-Obmann der Amputiertenfußball-Bundesliga und ist dabei, das Schiedsrichterteam zu erweitern. Stolz berichtet er, dass er mit Yannick Horten (Niederstadtfeld), Fabian Mohr (Strohn), André Becker (Burbach), den aus der Nähe von Cochem stammenden Kreutz-Brüdern Ingo und Heiko und dem Koblenzer Richard Kochanetzki auch weitere Schiedsrichter aus dem Fußballverband Rheinland dafür gewinnen konnte. Im September wurde der Bundesliga-Spielbetrieb offiziell eröffnet. Nach insgesamt fünf Turnierspieltagen (zwei davon fanden Anfang September auf dem Trierer Viehmarkt statt, TV berichtete) setzte sich der Vulkaneifeler Christian Heintz (zudem mit elf Treffern einer der Toptorschützen) mit dem Team Anpfiff Hoffenheim vor Fortuna Düsseldorf und der Spielgemeinschaft Nord-Ost mit Aktiven der Sportfreunde Braunschweig, des Hamburger SV und von Tennis Borussia Berlin durch.

Die Faszination, Fußballspiele zu leiten, lebt Schmidt während der Saison fast Woche für Woche aus. Wie alles so richtig losging, hat er noch genau in Erinnerung: Als 16-Jähriger pfiff er das Eifeler C-Liga-Derby zwischen Neroth und Neunkirchen-Steinborn. 350 Zuschauer sorgten für eine aufgeladene Atmosphäre. 5:4 endete die Partie. Gleich vier Spieler hatte Schmidt am Ende der (gut) 90 Minuten des Feldes verwiesen, das Duell aber dennoch gut über die Bühne gebracht. Steil ging es nach oben. Durch beständig gute Auftritte als 23. Mann schaffte er den Sprung in  die Regionalliga und assistierte zudem in der 3. Liga. „Auf einmal war ich bei Spielen früherer Bundesligisten wie Kickers Offenbach, Waldhof Mannheim, FC Homburg oder Stuttgarter Kickers im Einsatz“, schwärmt Schmidt von seinen Auftritten in größeren Stadien und vor stattlichen Kulissen. Doch es gab auch eine Schattenseite, die ihn zunehmend belastete: „Ob deine Leistung wirklich gut war und eine entsprechende Note folgte, hing oft erst von der Auswertung der Fernsehbilder ab, die der Schiedsrichterbeobachter hinterher studierte. Tagelang war dann manchmal nicht klar, wo ich aktuell stand.“

Genauso wie die Fußballer sind auch die Unparteiischen einem System von Auf- und Abstiegen unterworfen. Nach zwei Jahren war für Schmidt Schluss in der Regionalliga. Die Lust am Pfeifen hat er noch (lange) nicht verloren, und geht seitdem nicht nur die Partien in der Oberliga, sondern auch in den Spielklassen darunter mit Ehrgeiz an. Selbst in der Kreisliga wird Schmidt noch heute ab und zu angesetzt. Mit der Erfahrung aus rund 16 Jahren treibt ihn eine Sorge um: „Der Respekt auf und neben dem Platz hat leider nachgelassen. Es gibt gerade immer mal wieder Trainer, die sich an der Außenlinie zu sehr aufspielen. So kocht dann oft die Atmosphäre unnötig hoch. Leider gibt es da genügend schlechte Beispiele in der Bundesliga ...“

 Mario Schmidt
Mario Schmidt Foto: privat

Die Lust am Pfeifen sei bei ihm aber unverändert hoch, versichert er. Auf DFB-Ebene noch mal in höheren Sphären vorzustoßen, ist aufgrund der dort geltenden Altersvorgaben praktisch ausgeschlossen. Im Amputiertenfußball sieht er aber noch Luft nach oben: Die Zulassung für die Paralympischen Spiele ist das große Fernziel. „Gerne trage ich meinen Teil dazu bei, dass dies irgendwann gelingt“, lässt Schmidt durchblicken.