Hochzeit von Richard Schmidt: Triers Ruder-Olympiasieger tritt vor Altar

Rudern : Richard Schmidt: Triers Olympiasieger tritt vor den Altar

Nachwuchs, Hochzeit, Olympia, Dissertation: Beim Trierer Ruderer Richard Schmidt geht’s hoch her. In der Diskussion um den Hochleistungssport, aufgeflammt nach den  Bildern eines kollabierten Teamkollegen im Deutschland-Achter, vertritt er eine klare Meinung.

Die Fernsehzusammenschnitte waren verstörend. Beim Kanal-Cup, einem traditionsreichen Ruderrennen über 12,7 Kilometer auf dem Nord-Ostsee-Kanal, kollabierte Christopher Reinhardt im Deutschland-Achter. Er klappte auf der zweiten Rennhälfte nach hinten, er war komplett weggetreten. Kurzzeitig herrschte Rätselraten im Boot. Was nun? Was ist mit ihm? Das Rennen – ging schließlich weiter. Das deutsche Flaggschiff machte zu siebt weiter und stoppte nicht. Am Ende gewann der Deutschland-Achter – weil es auch im niederländischen Boot einen Ruderer niederstreckte.

Die Diskussion war entbrannt. Was war das? Heldentum oder falsch verstandener Ehrgeiz?

Triers Ruder-Olympiasieger Richard Schmidt, der im deutschen Boot saß, kann verstehen, dass die Bilder auf Außenstehende erschreckend wirken. Doch er sagt: „Wäre Christopher akut gefährdet gewesen, hätten wir das Rennen aufgehört.“ Reinhardt war umgeklappt, alsbald aber wieder auf dem Damm.

Grenzen der körperlichen Belastung überschreiten – für Ruderer ist das laut Schmidt nichts Ungewöhnliches. „Bei Tests auf dem Ergometer in der Saisonvorbereitung gibt es öfters solche Szenen. Da wird uns schwarz vor Augen, manche erbrechen auch. Wir Ruderer sind im Wettkampf im Tunnel. Das ist nicht nur so dahergesagt. Wir trainieren, um am Tag X ans Limit oder darüber hinaus zu gehen.“

Rudern sieht von außen so leicht aus, doch Schmidt erklärt: „Wenn in einem Boot auch nur ein Prozent nicht stimmt, wird man am Ende schnell nur Sechster, und nicht Erster.“

Die Körper der Hochleistungssportler seien darauf vorbereitet, solche Extremsituationen ohne Folgeschäden zu überstehen. „Wir haben jährlich eine große Untersuchung, zudem werden wir kontinuierlich sportmedizinisch betreut, mit Belastungs-EKGs“, sagt Schmidt. Weltklasse-Ruderer erreichen in der Spitze Laktatwerte von bis zu 24 Millimol pro Liter Blut. Zum Vergleich: Der Ruhewert liegt bei 1 bis 1,8 Millimol pro Liter Blut.

Der Spitzensport ist knallhart. Mitleid darf Reinhardt nicht erwarten. Viel mehr muss er in der Aufar­beitung des Rennens erklären, warum bei ihm so früh der Akku leer ging – Stichwort: falsche Renneinteilung. Schmidt: „Der Trick beim Rudern ist es, optimal ausbelastet ins Ziel zu kommen. Also erst mit Überqueren der Linie völlig ausgepumpt zu sein.

Derzeit kann Schmidt Luft holen. Nach einer dreiwöchigen Pause beginnt am 1. Oktober die neue Saison, deren Höhepunkt die Olympischen Sommerspiele 2020 in Tokio sind. Schmidt nutzt die Zeit, um Kraft zu tanken – und vor den Traualtar zu treten. An diesem Samstag gibt er seiner Miriam in der Basilika St. Matthias das Ja-Wort. Mit dabei ist Töchterchen Matilda, fünf Monate alt. Schmidt genießt als frischgebackener Papa die Zeit, auch wenn er nachts gerne mal wieder durchschlafen würde: „Die neue Verantwortung ist etwas ganz Besonderes und superschön.“

Ab übernächster Woche heißt es dann: Schuften für den großen Traum. Tokio 2020 wäre Schmidts vierte Olympia-Teilnahme. Seine Chancen stehen gut, aber geschenkt bekommt er nichts, auch wenn Trainer Uwe Bender das dienstälteste Crew-Mitglied des Deutschland-Achters über den grünen  Klee lobt: „Sein unglaublicher Ehrgeiz treibt ihn an, immer der Beste sein zu wollen. Richard ist eine Leitfigur, ein Vorbild.“

Olympia-Sieger 2012, sechsfacher Weltmeister: Trotz aller Meriten genießt Schmidt keine Privilegien. Am Ende zählen nur die Zeiten im unerbittlichen Ausleseverfahren.

Bei seiner Hochzeit werden auch ein paar ehemalige und aktuelle Ruder-Kollegen dabei sein. Ruderer gelten neben Volleyballern als besonders trinkfest und feierwütig – das haben sie bei diversen Sportlerwahlen unter Beweis gestellt. Mit einem Augenzwinkern hat Schmidt seine Familie schon darauf vorbereitet: „Sie weiß, dass Ruderer keine ,normalen’ Menschen sind...“ Sie sind ein bisschen verrückt – im Boot, und außerhalb.

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