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Interview Dr. Andreas Junge
„Auch eine kleine Gehirnerschütterung kann dauerhaften Schaden verursachen“

Dr. Andreas Junge.
Dr. Andreas Junge.
Der Trierer Mediziner Dr. Andreas Junge über Langzeitfolgen, fehlende Sensibilisierung und ein Kopfballverbot im Fußball. Von Marek Fritzen
Marek Fritzen

Herr Junge, wann haben Sie persönlich Ihre letzte Gehirnerschütterung erlitten?

Andreas Junge Gute Frage, da muss ich überlegen. Das ist sehr lange her. Ich erinnere mich daran, dass ich als Jugendlicher mal mit dem Rad gestürzt bin. Mir kam was in die Speichen und ich bin über den Lenker nach vorne geflogen und ziemlich heftig auf den Kopf gekracht. Das ist eine Kindheitserinnerung – ich hoffe, dass davon heute nichts geblieben ist (lacht).

Einer, der kürzlich heftige Erfahrungen mit dem Thema Gehirnerschütterung gemacht hat, ist Loris Karius. Der Torhüter des FC Liverpool leistete sich im Champions-League-Finale im Mai gegen Real Madrid zwei böse Patzer, die zu direkten Gegentoren führten. Im Nachhinein wurde bekannt: Eine im Spiel erlittene Gehirnerschütterung soll der Grund für die gravierenden Fehler gewesen sein. Eine realistische Erklärung?

Junge Auf jeden Fall. Ich habe das Spiel gesehen. Karius hat Fehler gemacht, die man einem solch international erfahrenen Torwart wie ihm sonst nie zugetraut hätte. Letztendlich gab es keine Erklärung für zwei derartige Aussetzer. Hinzu kam, dass die Attacke von Sergio Ramos gegen ihn aus dem Spiel heraus nicht ersichtlich war.

Sie sagen: Es war aus dem Spiel heraus nicht direkt ersichtlich. Das bedeutet also, dass auch kleinere Zusammenstöße schon zu folgenreichen Gehirnerschütterungen führen können?

Junge Ich denke in diesem Fall war der Tritt von Ramos mit dem Knie schon relativ heftig. Das muss schon eine starke Erschütterung gewesen sein. Loris Karius, ein durchtrainierter Profi-Torwart, wird dies dann erst mal weggesteckt und gar nicht realisiert haben, was da mit seinem Kopf passiert ist. Aber die typischen Symptome einer Gehirnerschütterung hat er schon gezeigt.

Wie sehen diese aus?

Junge Also die wenigsten Menschen fallen um und sind bewusstlos. Das sind dann schon schwerere Formen. Bei vielen leichteren Varianten – die oft auch unterschätzt werden – kommt es häufig dazu, dass Menschen unkonzentriert sind, unkoordiniert agieren oder Schwindelgefühle haben, auch ein wenig schwanken. Als Außenstehender kann man das oft nicht direkt wahrnehmen. Aber wenn man dies nun bedenkt, wird natürlich klar, dass bei Karius eine Gehirnerschütterung der Grund für seine Fehler gewesen sein kann.

Wie häufig haben Sie in Ihrem beruflichen Alltag mit Gehirnerschütterungen zu tun?

Junge Täglich, allein durch unser großes Zentrum für Notaufnahme hier am Brüderkrankenhaus. Wobei man beim Thema Gehirnerschütterung differenzieren muss. Der eine Teil sind ältere Menschen, die auf den Kopf stürzen und gerinnungshemmende Mittel einnehmen – wie mittlerweile fast 50 Prozent der Bevölkerung. Sie haben ein hohes Risiko, sich eine schwerere Hirnverletzung zuzuziehen, zum Beispiel eine Hirnblutung.

… und der andere Teil?

Junge Das sind jüngere Menschen, die sich beispielsweise beim Sport Gehirnerschütterungen zuziehen.

Das heißt: Sportler mit Gehirnerschütterungen behandeln Sie auch täglich?

Junge Täglich kann ich jetzt nicht sagen, aber häufig. Wobei ich dazu sagen muss, dass Sportler seltener kommen, weil sie eher zum Bagatellisieren neigen. Die sind auf den Kopf gefallen oder beim Kopfball mit einem zusammengeprallt. Danach geht es ihnen vielleicht nicht so gut. Dennoch bleiben sie damit eher zu Hause, kommen meist nur zurückhaltend vorbei.

Wieso ist das so?

Junge Schwierig zu sagen. Vielleicht hat es damit zu tun, dass in Sportlerkreisen häufig die Sensibilisierung fehlt. Viele Amateursportler unterschätzen, dass sie mit einer Gehirnerschütterung durchaus stark angeschlagen sind und vielleicht besser einen Arzt aufsuchen sollten. Viele denken dann eher: ‚Ich setz‘ mich jetzt erst mal zehn Minuten auf die Bank, dann geht das schon wieder.‘ Oft kommen die Leute zu spät, wenn es nicht besser wird, oder – Stichwort Second Hit – wenn sie einen zweiten Schlag kassieren und dann wirkliche Beschwerden bekommen.

Was genau passiert eigentlich bei einer Gehirnerschütterung im Kopf?

Junge Bei dem, was im Volksmund als Gehirnerschütterung bezeichnet wird, handelt es sich um die Folgen eines Schlages, Trittes oder Sturzes auf den Kopf. Der Schädel ist relativ starr, darin sitzt das Hirn mit etwa 100 Milliarden Nervenzellen, die miteinander verbunden sind. Um das Hirn zu schützen, schwimmt es in einer Flüssigkeit. Diese dient als Puffer, damit das Hirn nicht direkt an den Knochen stößt.

Nehmen wir an, es kommt dann zum Schlag gegen den Kopf …

Junge Wenn dieser so heftig ist, dass die Flüssigkeit als Puffer nicht ausreicht, stößt das Hirn gegen den starren Schädelknochen und wird geprellt. Das kann unterschiedliche Ausmaße haben. Bei den ausgeprägteren Formen kann es zu Blutungen kommen, in den meisten Fällen kommt es zu Mikro-Verletzungen, bei denen die Verbindungen zwischen den Nervenfasern zerstört werden. Die Folge sind dann Koordinationsstörungen, oder bei stärkeren Gehirnerschütterungen Übelkeit und Schwindel.

Lassen sich diese Verbindungen zwischen den Nervenzellen wieder herstellen?

Junge Die erholen sich in der Regel, aber es braucht einen Zeitraum von sieben bis zehn Tagen bei einer normalen, leichten Gehirnerschütterung.

Lässt sich eine Gehirnerschütterung direkt auf dem Platz diagnostizieren?

Junge Ja, das ist möglich, denn es gibt eindeutige Parameter: Am einfachsten ist es natürlich, wenn der Spieler kurz bewusstlos ist. Nächste Stufe wäre, wenn er schwankt, Wortfindungsstörungen hat oder desorientiert ist. Oder wenn er Schwierigkeiten hat, auf Fragen wie „Welcher Tag ist heute?“, oder „Wo sind wir hier?“ schlüssig zu antworten. Das sind eindeutige Anzeichen für eine Gehirnerschütterung. In solch einem Fall muss das Spiel für den Spieler beendet sein. Im US-Sport wird das Thema Gehirnerschütterungen bereits deutlich ernster genommen. So gibt’s im American Football beispielsweise ein sogenanntes Concussion Protokoll.

Dort beobachten Mediziner die Spiele. Sie können medizinische Auszeiten nehmen, wenn sie einen Spieler nach einem Schlag gegen den Kopf näher untersuchen wollen. Sie achten auf mehrere Symptome wie Orientierungslosigkeit oder Gleichgewichtsprobleme. Trifft mindestens eines dieser Symptome zu, muss der Spieler an der Seitenlinie einem Test unterzogen werden. Bei diesem erreicht er eine bestimmte Punktzahl, die mit dem Ergebnis des Tests verglichen wird, den jeder Spieler zuvor in klarem Zustand absolviert hat. Werden Unregelmäßigkeiten festgestellt, geht es für den Spieler für weitere Untersuchungen in die Kabine.

Junge Genau. Das ist sehr sinnvoll und wird auch in deutschen Profiligen immer mehr angewandt.

Aber wie ist das in der Handball-Oberliga oder in der Fußball-Kreisliga? Dort erhalten die Spieler mit Sicherheit nicht solch eine Betreuung …

Junge Die meisten Vereine haben schon medizinische Betreuer, aber gerade in den unteren Ligen – egal in welcher Sportart – sind die selten direkt am Spielfeldrand. Gerade in den unteren und mittleren Ligen ist das Bewusstsein für Gehirnerschütterungen und deren Folgen mit Sicherheit nicht so präsent, wie es sein sollte.

Sie haben vorhin den sogenannten Second Hit – den zweiten Schlag gegen den Kopf nach einer bereits erlittenen Gehirnerschütterung – erwähnt: Wie gefährlich ist ein solcher?

Junge Die Wahrscheinlichkeit, dass noch mehr Verbindungen zerreißen oder es zu einem Zerreißen von Blutgefäßen kommt – was wiederrum zu einer Hirnblutung führen würde – ist sicherlich größer, wenn man bereits einen Schlag auf den Kopf bekommen hat und noch einen weiteren kassiert. Man spricht von einer vulnerablen Phase von sieben bis zehn Tagen, in der das Hirn empfindlich ist. Diese Phase braucht es dringend, um sich zu erholen.

Das heißt: Am besten direkt schon nach dem ersten heftigen Schlag gegen den Kopf raus aus dem Spiel?
Junge So ist es.

Eine klare Ansage …

Junge Ja, das sage nicht nur ich, sondern auch die speziellen Fachgesellschaften und Verbände in Deutschland, die sich zusammengeschlossen haben, um die Menschen für das Thema Gehirnerschütterungen zu sensibilisieren. Aber mir ist auch bewusst, dass das in der Praxis bei dem Sportler, der unbedingt spielen will, und dem Trainer, der ihn gerade braucht, oft so nicht eingehalten wird.

Sie haben vorhin bereits erwähnt, dass Sie eine Sport-Pause von sieben bis zehn Tagen nach einer Gehirnerschütterung empfehlen – danach kann man wieder richtig einsteigen?

Junge Gehirnerschütterung ist eine Erkrankung, die man „ausschlafen“ kann. Das Wichtigste ist Ruhe, Reizausschaltung. Wenn die Symptome verschwinden, kann man locker wieder mit dem Sport beginnen, beispielsweise mit Lauftraining. Wettkampfreife ist meist nach acht bis zehn Tagen wieder vorhanden.

Stichwort Langzeitfolgen: In den USA sind zahlreiche frühere American-Football-Spieler an der „Chronisch-traumatischen Enzephalopathie“ – kurz CTE – erkrankt. Was steckt hinter dem Begriff?

Junge Ganz einfach gesagt: Hirnkrankheit. Das ist in diesem Fall eine chronische Form – eine Folgeerkrankung immer wieder kehrender Schäden am Kopf wie beispielsweise Gehirnerschütterungen.

Was kann die CTE zur Folge haben?

Junge Diverse psychische Veränderungen wie Depressionen, Demenz oder Suizidgefahr.

Das heißt: Jeder Sportler, der häufiger eine Gehirnerschütterung erleidet, läuft Gefahr, in Zukunft an CTE zu erkranken?

Junge Ja, so ist es. Das Risiko ist mit Sicherheit deutlich erhöht gegenüber der Normalbevölkerung.

Müssen es denn immer harte Schläge sein?

Junge Man weiß, dass auch die einfachen Formen der Gehirnerschütterung – beispielsweise mit leichtem Schwindel – einen Schaden zur Folge haben können. Treten diese einfachen Formen der Gehirnerschütterung immer wieder auf, kann dies auch zu den oben angesprochenen chronischen Erkrankungen wie CTE führen.

Nehmen wir mal das Boxen: Müsste man vor diesem Hintergrund nicht gerade Kindern und Jugendlichen das Boxen sofort verbieten?

Junge Kinder und Jugendliche sind aufgrund der körperlichen Entwicklung gegen viele Verletzungen deutlich besser geschützt als Erwachsene, weil sie elastischer sind. Aber ich bin mir ganz sicher, dass Boxen in der Kindheit für die geistige Entwicklung nicht förderlich ist.

Im Fußball der Vereinigten Staaten dürfen Kinder den Ball bis zu einem bestimmten Alter nur noch sehr eingeschränkt mit dem Kopf spielen. Was halten Sie davon?

Junge Schwierige Frage. Es gibt die Theorie, dass intensives Kopfballtraining zu Schäden führen kann. Aber Kindern Kopfbälle generell zu verbieten, halte ich für überzogen. Da kenne ich auch keine Daten, die das belegen.

Was raten Sie Sportlern allgemein: Sollte man seinen Kopf speziell schützen, in bestimmten Situationen besonders vorsichtig sein?

Junge In Kontaktsportarten wie Fußball oder Handball ist es schwer zu vermeiden, mal einen Schlag gegen den Kopf zu bekommen, oder mal auf den Kopf zu fallen. Wichtig ist: Aufmerksam zu sein, und zu wissen, dass eben auch kleine Gehirnerschütterungen dauerhaften Schaden verursachen können. Daher: Bei Symptomen wie Verwirrtheit, Schwindel oder Kopfschmerzen dringend aufhören und mindestens eine Woche keinen Sport treiben.

Zum Arzt sollte man aber nicht sofort?

Junge Ich würde erstmal zwei, drei Tage Ruhe halten. Wenn es dann nicht besser wird, ab zum Arzt. Es sei denn, es liegen sofort schwerere Symptome wie massive Kopfschmerzen, oder heftiger Schwindel vor. In solchen Fällen sollte man sofort einen Arzt aufsuchen, denn es kann mehr dahinterstecken, im schlimmsten Fall eine Hirnblutung.

Das Interview führte Marek Fritzen