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Interview mit Ex-Radprofi Johannes Fröhlinger: Ein bisschen Spaß muss sein!

Sport : Interview mit Ex-Radprofi Johannes Fröhlinger: Ein bisschen Spaß muss sein!

Das große Gespräch zum Karriereende als Radprofi: Der Eifeler über seine zehnfache Weltumrundung im Sattel, die Corona-Folgen für den Sport, seine Heimat, Doping beim einstigen Team Gerolsteiner und die Freundschaft zum Gitarristen Mike Dimkich von der Punkrockband Bad Religion.

Schon als Jugendlicher fuhr der gebürtige Gerolsteiner Johannes Fröhlinger Radrennen, später kamen mehr als 13 Profi-Jahre in der Beletage hinzu – bei den Teams Gerolsteiner (2007/08), Milram (2009/10) sowie Skil/Argos/Giant/Sunweb (2011 bis 2019). Nun hat der 34-Jährige seine ereignisreiche Karriere beendet. Zeit, zurück- und vorauszublicken.

Wie beeinflusst die Corona-Krise Ihren Alltag?

Fröhlinger: Die globale Krise trifft mich zunächst vergleichsweise nur harmlos. Was meine berufliche Zukunft angeht, muss ich Einschränkungen in Kauf nehmen. Ich möchte als Trainer arbeiten. Ich kann aber derzeit keine Trainerscheine machen, da die Sportschulen auf unbestimmte Zeit geschlossen sind. Auf Minijob-Basis arbeite ich zudem für den badischen Radsportverband – ich organisiere Gruppentrainings für Jugendliche. Das ist derzeit auch nicht möglich.

Andererseits bin ich froh, dass wir uns in Deutschland frei bewegen können, um Sport zu treiben, und ich genieße einfach das schöne Frühjahrswetter zu Fuß und auf dem Rad.

Wie oft sitzen Sie jetzt noch pro Woche auf dem Rad?

Johannes Fröhlinger heute: Auf dem Bild posiert er als neuer Trainer der Jedermann-Tour im Rahmen der Deutschland-Tour. Foto: Deutschland-Tour

Fröhlinger: Momentan fünf Mal pro Woche, da das Wetter so gut ist.

Zum Abtrainieren – oder ist es schwer, vom Profi-Dasein loszulassen?

Fröhlinger: Ein gesundes Abtrainieren ist sicherlich sinnvoll, auch wenn die Notwendigkeit medizinisch umstritten ist. Grundsätzlich will ich ein fitter Mensch bleiben.

Hinter Ihnen liegen 13,5 Jahre als Radprofi. Eigentlich wollten Sie zum Jahreswechsel nicht Schluss machen, sondern noch zwei, drei Jahre weiterfahren…

Fröhlinger: Ja, richtig. Das Karriereende war mehr fremdbestimmt als eigenbestimmt.

Woran hat es gehakt: Haben – nachdem Ihr Vertrag beim Team Sunweb nicht verlängert wurde – Angebote anderer Teams nicht Ihren Vorstellungen entsprochen?

Fröhlinger: Ich hätte in kleineren Teams weiterfahren können. Bei einem World-Tour-Team sah es aber sehr schwierig aus, einen Vertrag zu bekommen.  Dann habe ich mich entschlossen, lieber ganz aufzuhören, als auf einem niedrigeren Niveau das Karriere-Ende hinauszuzögern.

Welche Auswirkungen wird die Corona-Krise auf den Profi-Radsport haben?

Fröhlinger: Das hängt, wie so vieles im Profiradsport, von der Tour de France ab, die der Veranstalter versucht, in diesem Jahr noch auf Biegen und Brechen stattfinden zu lassen. Ich kann nicht absehen, ob das möglich ist. Wenn sie stattfindet, haben alle Teams, die teilnehmen, eine Plattform, um ihre Sponsoren zu präsentieren. Wenn sie nicht stattfindet, würden sich einige Sponsoren überlegen, ob sie weiter Geld zahlen. Dann wird man sehen, ob alle World-Tour-Teams überleben.

Die Tour de France ist für die meisten Teams wegen der Werbewirksamkeit überlebenswichtig. Sie wurde um zwei Monate nach hinten verlegt. Danach sollen in diesem Jahr auch noch der Giro d‘Italia und die Spanien-Rundfahrt (Vuelta) stattfinden. Ist das realistisch?

Fröhlinger: Es wäre ein sehr enger Rennkalender. Aber rein theoretisch ist das schon denkbar, weil alle Fahrer bis zum Spätsommer keine Rennen hatten und die Rennställe genug Fahrer haben, um Teams für alle drei Rundfahrten zu stellen. Klimatisch kann man in Europa zudem bis in den November ohne Probleme fahren.

Auf dem Rennrad haben Sie in Ihrer Karriere umgerechnet mehr als zehn Mal die Erde umrundet. Was geht Ihnen angesichts dieser Zahl durch den Kopf?

Fröhlinger: Solch eine Gesamtdistanz ist schon verrückt. Aber sie beschreibt, wie viel Zeit ich auf dem Fahrrad verbracht habe.

Und noch eine Statistik: 15 Grand Tours haben Sie absolviert. Wie fällt der Rückblick auf die großen Rundfahrten Tour de France, Giro d‘Italia und Vuelta aus?

Fröhlinger: Als ich Profi wurde, habe ich mir nicht erträumt, so viele Jahre lang in der ersten Liga mitfahren und so viele große Rundfahrten absolvieren zu können. Die Vuelta wurde zu meiner Lieblingsrundfahrt. Die Tour de France wäre ich allerdings gerne mehr als vier Mal mitgefahren.

Die Spanien-Rundfahrt haben Sie zehn Mal absolviert. Welche Beziehung haben Sie zu dem Land?

Fröhlinger: Ich habe mich während meiner Karriere fast immer ein Drittel des Jahres in Spanien aufgehalten. Ich hatte dort nicht nur wegen der Vuelta die meisten Renntage. Zudem habe ich dort viele Trainingslager absolviert. Ich habe mich dort immer sehr wohl gefühlt. Ich war immer beruflich da. Nach der Corona-Krise kann ich mir vorstellen, in Spanien auch mal ganz normal Urlaub zu machen.

Als gebürtiger Gerolsteiner starteten Sie 2007 ihre Profi-Karriere beim damaligen Team Gerolsteiner. War diese Konstellation eher hilfreich oder hinderlich?

Fröhlinger: Weder noch. Da wurde natürlich ein kleiner Marketing-Gag draus gemacht. Aber ich habe den Platz im Team aus sportlichen Gründen bekommen – und nicht, weil ich gebürtig aus Gerolstein komme. Das konnte ich dann auch bestätigen.

Zum Beispiel am 14. Mai 2008, als Sie auf der fünften Etappe des Giro d’Italia Zweiter wurden. So nah an einem großen Erfolg waren Sie in all den Jahren nicht. Warum hatte es damals nicht ganz geklappt?

Fröhlinger: Die Szenen von damals gehen mir noch nach. Mit mehr Selbstbewusstsein hätte ich den Sieg einfahren können. Ich habe zu lange gezögert. In einer fünf Fahrer großen Ausreißergruppe habe ich mich nicht als stark genug eingeschätzt.

Sie waren kein Sprinter und kein Zeitfahr-Spezialist. Deshalb haben Sie vor allem zuletzt beim Team Sunweb in Rennen verstärkt Ihre Rolle als sogenannter Capitain de la Route gefunden, also als verlängerter Arm der Teamleitung und Leitfigur für die nachrückende Garde. Eine verantwortungsvolle Aufgabe, in der man aber nicht im Rampenlicht steht. War das nicht etwas frustrierend?

Fröhlinger: Ich bin in dieser Aufgabe aufgegangen. Als Teamplayer fiel es mir relativ leicht, eigene Ambitionen hintenanzustellen. Meine Arbeit wurde teamintern gewürdigt – auch wenn es im vergangenen Jahr dann hieß, dass man nicht mehr mit mir weiterarbeiten möchte.

Doping war 2008 der Grund für das vorzeitige Aus des Teams Gerolsteiner. Wie haben Sie die positiven A-Proben von Stefan Schumacher und Bernhard Kohl bei der Tour de France seinerzeit wahrgenommen?

Fröhlinger: Im Nachhinein war es schon offensichtlich, dass ihre Leistungen zu gut waren. Ich war damals nicht bei der Tour dabei, konnte somit als Teamkollege die Leistungen nicht vor Ort in Frage stellen.  Und vor dem Fernseher wollte ich nicht wahrhaben, dass etwas nicht stimmte. Als dann die positiven Tests rauskamen, war es ein Riesenschlag, eine riesige Enttäuschung. Für das Team, und für mich persönlich.

Sind Sie nie mit leistungssteigernden Mitteln konfrontiert worden? Im Zuge der Operation Aderlass im vergangenen Jahr wurde der Erfurter Sportmediziner Mark S. festgenommen – er war einst beim Team Gerolsteiner und danach beim Team Milram, wo Sie jeweils auch unter Vertrag standen, Teamarzt?

Fröhlinger: Die Frage wird mir öfters gestellt. Aber mir wurde tatsächlich nie etwas angeboten. Ich habe mit Mark S. gut drei Jahre zusammengearbeitet. Er hat mir nie etwas unterbreitet. Wahrscheinlich, weil auch der Sportler eine gewisse Empfänglichkeit zeigen muss. Ich habe immer eine abwehrende Haltung beim Thema Doping gezeigt.

Wo steht der Radsport aktuell im Kampf gegen Doping?

Fröhlinger:  Schwer zu sagen. Der Radsport war die erste Sportart, die den Blutpass eingeführt hat. Also ein individuelles Profil der Fahrer. Daraufhin wurden Profis wegen auffälliger  Blutwerte gesperrt – ohne positiven Befund. Andere Sportarten haben nachgezogen. Es wird unheimlich viel kontrolliert und viel im Kampf gegen Doping getan. Zu meinem Bedauern denke ich aber, dass es im Sport, wie auch überall in der Gesellschaft, immer Betrugsversuche geben wird.

Haben Sie jetzt mehr Zeit, in die Vulkaneifel zu kommen?

Fröhlinger: Auch wenn ich in Freiburg lebe, bleibt die Eifel meine Heimat. Meine Eltern und mein Bruder leben in Hersdorf in der Verbandsgemeinde Prüm. Momentan werde ich es wahrscheinlich nicht schaffen, pro Jahr öfters als drei, vier Mal vorbeizuschauen.  Aber ich würde gerne in Köln an der Trainer-Akademie ein Diplom-Trainer-Studium anfangen. Da die Eifel dann auf dem Weg zwischen Freiburg und Köln liegt, sollten sich Besuche anbieten.

Einen Trainer-Job gibt es ja schon: Sie wurden kürzlich als Coach der Jedermann-Tour im Rahmen der Deutschland-Tour vorgestellt. In dieser Rolle  entwickeln Sie ein Trainingsprogramm, mit dem sich Anfänger und Ambitionierte seit dem 1. März auf den großen Tag in Nürnberg am 23 .August vorbereiten können. Wird die Tour aber überhaupt stattfinden können?

Fröhlinger: Da laufen derzeit intensive Gespräche. Noch ist sie nicht abgesagt. Noch sind wir optimistisch, aber es herrscht natürlich Unsicherheit.

Was wollen Sie später als Coach Talenten mit auf den Weg geben?

Fröhlinger: Ich habe von meinen Anfängen als Jugendlicher, über die Tour de France bis zu einem ungewollten Karriereende Erfahrung über zwei Jahrzehnte gesammelt. Diese möchte ich gerne weitergeben und kann mir dabei vorstellen, mit den unterschiedlichsten Leistungssklassen zu arbeiten.  Hochleistungssport bringt große Entbehrungen mit sich. Das Wichtigste ist immer, den Spaß an seinem Sport zu bewahren. Sonst lässt auch die Leistungsfähigkeit nach.

Verfolgen Sie im neuen Lebensabschnitt auch musikalische Ziele? Ein Bekannter von Ihnen ist der Gitarrist Mike Dimkich aus der Punkrockband Bad Religion …

Fröhlinger: Ja, das stimmt. Wir haben uns erstmals bei einem Etappenstart bei der Vuelta getroffen. Er ist sehr sportinteressiert. Eigene musikalische Ambitionen habe ich aber nicht. Ich höre die Musik gerne, spiele aber selber kein Instrument. Die Gitarre ist ein schönes Instrument, aber ich bleibe lieber beim Fahrrad.

Das Interview führte Mirko Blahak